Bakterielle Cellulose — ein Netzwerk gestaltet von drei Cellulosesynthasen
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B I O T ECH NOLOGIE
Cellulosesynthese
Bakterielle Cellulose – ein Netzwerk
gestaltet von drei Cellulosesynthasen
MARTIN BIMMER, WOLFGANG LIEBL, ARMIN EHRENREICH
LEHRSTUHL FÜR MIKROBIOLOGIE, TU MÜNCHEN, FREISING
Besides plants also some bacterial genera are able to synthesize cellulose in remarkably high quantities. Bacterial cellulose from the acetic
acid bacterium Komagataeibacter hansenii has a big advantage supporting its use as multifunctional and sustainable material – it is free
of non-cellulosic components, unlike cellulose of plant origin. Based on
marker-free in frame deletions, we propose a model where cellulose
fibers released by the main cellulose synthase (BcsAB1) are modified
by two additional cellulose synthases.
DOI: 10.1007/s12268-023-1908-9
© Die Autoren 2023
ó Cellulose ist das am häufigsten vorkommende natürliche Biopolymer auf unserem
Planeten. Als Hauptbestandteil pflanzlicher
Zellwände stellt sie rund 40 Prozent der weltweiten Gesamtbiomasse [1]. Was meist weniger bekannt ist: Auch einige Bakteriengattungen sind in der Lage, Cellulose in vergleichsweise großen Mengen herzustellen.
Dabei greifen diese auf dieselbe Enzymatik
zurück, wie es höhere Pflanzen tun [2]. Essigsäurebakterien, insbesondere Vertreter der
Gattung Komagataeibacter, sind besonders
prominente Produzenten bakterieller Cellulose (BC). Diese macht den Hauptbestandteil
der Essigmutter aus, also jenes massiven
Biofilms, der sich auf der Oberfläche von
stehenden alkoholischen Getränken – wie
Wein – bildet und in dem Essigsäurebakterien Alkohol in Gegenwart von Sauerstoff zu
Essigsäure oxidieren.
Die Homologie des bakteriellen Cellulosesynthase(CS)-Komplexes zum pfl anzlichen System macht die Cellulosesynthese
in Komagataeibacter zu einem hervorragenden Modellsystem [3]. Als Modellorganismen haben sich hier zwei K. hanseniiStämme etabliert, wobei sich der Stamm
ATCC 53582 durch eine um ein Vielfaches
höhere Produktionsmenge und -geschwindigkeit im Vergleich zum Stamm ATCC
23769 auszeichnet. Die hohe Reinheit von
BC sowie deren hohe Biokompatibilität
sind Gründe, warum es für BC vielfältige
biotechnologische Anwendungsmöglichkeiten gibt.
Die genetische Grundlage für die Synthese
von BC besteht in den erwähnten Stämmen
aus drei Gruppen von benachbarten Genen,
die jeweils mindestens eine CS (bcsAB) und
ein Kanalprotein (bcsC) codieren und jeweils
wahrscheinlich Operons sind (Abb. 1B). Diese unterscheiden sich durch die Anzahl an
zusätzlich codierten akzessorischen Proteinen [4].
Ein von unserer Arbeitsgruppe etabliertes
Deletionssystem, das auf der Gegenselektion
durch eine Cytosin-Desaminase in Anwesenheit von 5-Fluorocytosin beruht, wurde zur
Konstruktion der Mutanten genutzt [5]. Dies
erlaubte es erstmals, chromosomale markerfreie in-frame-Deletionen in Cellulose-produzierenden Essigsäurebakterien zu konstruieren [6]. Anhand der Phänotypen der erzeugten Einzel- und Doppelmutanten konnten wir
damit beginnen, die spezifische physiologische Rolle jeder einzelnen der drei CS zu
bestimmen, deren Gene in den drei putativen
Operons unterschiedlicher Komplexität liegen [7].
Phänotypische Unterschiede von
K. hansenii ATCC 23769 und ATCC
53582
Die Charakterisierung der Celluloseproduktion wurde in unbewegten, statischen Kulturen auf Komplexmedium mit Glucose durch-
geführt. Obwohl beide K. hansenii-Stämme
sich in der Struktur der drei CS-Operons
ähneln, unterscheiden sie sich deutlich in
der Menge und Geschwindigkeit der Celluloseproduktion. Während der Stamm K. hansenii ATCC 23769 für 21 Tage inkubiert wurde,
bis sich ein massiver Biofilm bildete, reichten für den Hoch-Cellulose-Produktionsstamm K. hansenii ATCC 53582 bereits sechs
Tage aus.
Beitrag der einzelnen
Cellulosesynthasen
Die konstruierten markerfreien in-frameDeletionsstämme, die jeweils nur eine der
drei CS bildeten (BcsAB1, BcsAB2 oder
BcsAB3), verdeutlichten die bereits in den
Wildtypen beobachteten phänotypischen
Unterschiede (Abb. 1A). Beiden K. hanseniiStämmen ist gemein, dass die Bildung der
Haupt-CS BcsAB1 hinreichend und notwendig ist, um einen geschlossenen, festen und
stabilen Biofilm zu bilden, der die gesamte
Oberfläche des Kulturmediums bedeckt. Der
Hochproduzent ATCC 53582 überragt auch
bei alleiniger Expression der Haupt-CS den
anderen Stamm ATCC 23769 deutlich. Unterschiedliche Beobachtungen wurden jedoch
für die Einzelexpressionstämme der zusätzlichen CS gemacht. Im Stamm ATCC 23769
wurde bei alleiniger Expression von bcsAB2
bzw. bcsAB3 jeweils ein fragmentiertes, dünnes Pellikel gebildet. Dagegen war bei
Expression nur von bcsAB2 oder bcsAB3 im
Hochproduzenten, ATCC 53582, an der Oberfläche der Kultur gar kein freigesetztes extrazelluläres Polymer zu erkennen.
Effekte der drei Cellulosesynthasen
auf die räumliche Struktur des
Netzwerks
Der mikrostrukturelle Aufbau des Cellulosenetzwerks wurde im Rasterelektronenmikroskop aufgeklärt. Die Aufnahmen beider
K. hansenii-Stämme zeigten die typische
Struktur von BC (Abb. 1A): Ein stark quervernetztes Netzwerk aus Cellulosefasern.
K. hansenii ATCC 23769 synthetisiert insgesamt eine geringere Menge Cellulose, aber,
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A
B
wie wir aus den Doppel-Deletionsstämmen
wussten, bilden die zusätzlichen CS BcsAB2
und BcsAB3 hier mehr Polymer als im Hochproduzenten. Rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen zeigten neben den von
BcsAB1 gebildeten Cellulosemikrofibrillen
weitere extrazelluläre polymere Substanzen
(EPS). Diese zusätzlichen EPS ließen sich
anhand der Deletionsmutanten jeweils der
Expression von bcsAB2 bzw. bcsAB3 zuordnen. Bei diesen Substanzen handelt es sich
nach dem elektronenmikroskopischen Bild
um scheinbar amorphe und bisher noch nicht
näher charakterisierte Formen der Cellulose.
Die von BcsAB2 gebildete Form findet sich
dabei insbesondere in den Zwischenräumen
des Fasernetzwerks. Die von BcsAB3 gebildete Substanz wird in nochmals deutlich
geringerer Menge gebildet und umschließt
die Einzelzellen. Deutlich anders verhielt es
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¯ Abb. 1: Phänotypen und Genetik der
bakteriellen Cellulose-Synthese bei
K. hansenii. A, Phänotyp Komagataeibacter hansenii-Hochproduzent ATCC 53582
(rechts) bzw. ATCC
23769 (links) nach
statischer Kultivierung (oben) und im
elektronenmikroskopischen Bild (unten).
Wildtyp bzw. Stämme
nach Deletion der
zusätzlichen CS-Gene.
B, Aufbau der drei
(putativen) CS-Operons exemplarisch für
ATCC 23769. C, mögliches Schema Faserzusammenlagerung:
Mikrofibrillen (grau),
Produkt BcsAB2
(blau) bzw. BcsAB3
(grün).
C
sich für den Hoch-Cellulose-Produktionsstamm K. hansenii ATCC 53582: In der elektronenmikroskopischen Aufnahme waren
lediglich die verknüpften Cellulosefasern zu
erkennen. Jedoch nahm sowohl deren
Abstand zueinander als auch die Dicke nach
einer markerfreien in-frame-Deletion von
bcsAB2 bzw. bcsAB3 signifikant ab. Ein separates Polymer, das der Expression dieser
Gene zugerechnet werden könnte, konnte
dagegen nicht erkannt werden.
Zur Unterscheidung dieser neu beschriebenen, (...truncated)