Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management
review
Neuropsychiatr
https://doi.org/10.1007/s40211-023-00466-z
Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge
und Management
Dirk Schwerthöffer
· Hans Förstl
Eingegangen: 20. Januar 2023 / Angenommen: 1. April 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Zusammenfassung
Hintergrund Ein Zusammenhang zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität wurde lange vermutet und ist von besonderem klinischem Interesse.
Ziel Wir untersuchen aktuelle Hinweise aus Epidemiologie und Neurobiologie auf diesen Zusammenhang, um ein gezieltes Management vorzuschlagen.
Material und Methode Klinisches Beispiel und selektive Medline-Literaturrecherche zu insomnischen
Symptomen und Suizidalität.
Ergebnisse Epidemiologische Daten weisen auf insomnische Symptome als unabhängigen Risikofaktor
für Suizidalität hin. Neurobiologische Befunde unterlegen eine Beziehung zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität, u. a. durch eine serotonerge
Dysfunktion sowie eine besonders beeinträchtigte circadiane Rhythmik mit konsekutiver Hypofrontalität,
beeinträchtigter Problemlösefähigkeit und verminderter Impulskontrolle. Im Rahmen der Suizidprävention
muss bei Patienten mit kombinierten insomnischen
und depressiven Symptomen nachdrücklich nach
weiteren Risikofaktoren für Suizidalität gesucht werden, u. a. soziale Isolation, nächtliche Grübelneigung,
komorbide psychische Erkrankungen, Zugang zu potenziell toxischen Pharmaka oder Waffen.
Schlussfolgerung Besonders bei Patienten mit weiteren Suizid-Risikofaktoren müssen insomnische Symptome frühzeitig konsequent behandelt werden. In
der Pharmakotherapie sind für Patienten mit insomnischen Symptomen und Suizidalität schlaffördernde
Antidepressiva mit niedriger Toxizität und Antipsychotika vorzuziehen. Eine an den circadianen RhythD. Schwerthöffer () · H. Förstl
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie,
TU-München, Ismaningerstraße 22, 81675 München,
Deutschland
K
mus angepasste multimodale antiinsomnische und
antidepressive Therapie könnte die Zusammenhänge zwischen depressiv-suizidalen und insomnischen
Symptomen günstig beeinflussen.
Schlüsselwörter Insomnische Symptome ·
Insomnie · Suizidalität · Risikofaktoren für
Suizidalität · Schlafstörungen · Hypofrontalität
Insomniac symptoms and suicidality—link and
management
Summary
Background A link between insomniac symptoms and
suicidality has long been suspected and deserves specific attention.
Objective We examine the current evidence for this
relationship from epidemiology and neurobiology in
order to propose a targeted management.
Material and method Clinical example and selective
Medline-literature research for insomnia symptoms
and suicidality.
Results Epidemiological data and statistical analysis
show that symptoms of insomnia are independent
risk factors for suicidality. Neurobiological factors
associated with combined insomnia symptoms and
suicidality are: serotonergic dysfunction and circadian rhythm disorder leading to hypofrontality with
reduced problem solving capacity and impaired emotional and impulse-control. Social isolation, recurrent
rumination, comorbid psychiatric disorders, access to
potentially lethal drugs or weapons need urgent evaluation in patients with a combination of suicidality
and symptoms of insomnia.
Conclusion patients with insomnia and further risk
factors for suicide need to be treated resolutely and
at an early stage. Modern sleep-promoting antidepressants with low toxicity and antipsychotics must
Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management
review
be preferred in the treatment of patients with insomniac sleep disorders and suicidality. Multimodal antiinsomnia and anti-depressive therapy adapted to the
circadian rhythm can exert a favorable influence both
on depressive-suicidal and insomnia symptoms and
their inherent risks.
Keywords Symptoms of insomnia · Insomnia ·
Suicidality · Risk factors for Suicidality · Sleep
disturbances · Hypofrontality
Einleitung
1914 vermutete C. Ernest Pronger, dass eine große
Anzahl von Suiziden im Zusammenhang mit Insomnie stünde und deshalb größtenteils verhindert werden könnte [56]. Er beklagte fehlendes Wissen über
die Ursachen der Insomnie und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten. Inzwischen weisen zahlreiche epidemiologische Daten auf den Zusammenhang
zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität
hin. Nach einer Kasuistik und der Darstellung epidemiologischer Daten führen wir einige neurobiologische Überlegungen zu Art und Ursache dieses Zusammenhangs auf.
Begriffsbestimmung
In Klinik und Literatur werden die Begriffe „Insomnie“, „insomnische Symptomen“, „insomnische
Schlafstörungen“, „Schlaflosigkeit“ und „symptomatische Schlaflosigkeit“ oft nur unscharf voneinander
abgegrenzt. Insomnische Symptome wie z. B. verkürzte Schlafdauer, Einschlafstörung oder Früherwachen müssen von der Diagnose einer „Insomnie“
abgegrenzt werden. Die Diagnosekritierien für eine
Insomnie umfassen neben Ein-, Durchschlafstörungen und Früherwachen von entsprechender Dauer
und Häufigkeit auch das subjektive Empfinden einer Schlafstörung mit gestörtem Wohlbefinden am
Tage (International Classification of Sleep Disorders)
und sind sowohl von objektiv gestörtem Schlaf, als
auch von verkürzter Schlafdauer oder Schlafentzug
abzugrenzen.
Diese Arbeit behandelt überwiegend den Zusammenhang zwischen „insomnischen Symptomen“ und
Suizidalität.
Kasuistik
Ein 60-jähriger Finanzmanager wird um 3:00 Uhr
morgens via Notarzt mit einer selbst zugefügten, thorakalen Schnittverletzung stationär aufgenommen,
zunächst wegen eines Hämatothorax viszeralchirurgisch versorgt und nach 3-tägiger intensivmedizinischer Behandlung in die Klinik für Psychiatrie übernommen. Es bestehen keine relevanten körperlichen
Vorerkrankungen und es fanden keine psychotherapeutischen oder psychiatrischen Vorbehandlungen
statt. Die Nachbarin des Patienten war durch einen
lauten Sturz in seiner Wohnung alarmiert worden
und hatte, nachdem er nicht auf ihr Klingeln reagierte,
den Rettungsdienst verständigt. Im blutverschmierten
Wohnzimmer des Patienten werden zwei leere Tablettenblister für insgesamt 20 Tabletten Zolpidem 10 mg
aufgefunden. Bei der Aufnahme in die psychiatrische
Klinik ist der Patient deutlich niedergestimmt, kaum
schwingungsfähig und psychomotorisch verlangsamt.
Er berichtet über eine Amnesie für die Ereignisse am
Abend der Klinikeinweisung. Er sei, wie immer in den
letzten Wochen, „ganz früh schlafen gegangen um genug Ruhe und Erholung für den Folgetag zu finden“.
Seit mehreren Monaten bestünde bereits eine massive
berufliche Überforderungssituation durch gleichzeitige Leitungsverantwortung für zwei Projekte. Nach
und nach habe das bei ihm zu ständiger Erschöpfung,
Lust- und Freudlosigkeit und Vernachlässigung fast
aller Freizeitaktivitäten und sozialer Kontakte geführt.
Der Patient habe „nur noch gearbeitet“, sich „ansonsten vollkommen isoliert“ und sei zuletzt „emotional
abgestumpft“. Sein Leben habe „nur noch aus 16 h
Büro und (...truncated)