Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management

May 2023

Ein Zusammenhang zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität wurde lange vermutet und ist von besonderem klinischem Interesse. Wir untersuchen aktuelle Hinweise aus Epidemiologie und Neurobiologie auf diesen Zusammenhang, um ein gezieltes Management vorzuschlagen. Klinisches Beispiel und selektive Medline-Literaturrecherche zu insomnischen Symptomen und Suizidalität. Epidemiologische Daten weisen auf insomnische Symptome als unabhängigen Risikofaktor für Suizidalität hin. Neurobiologische Befunde unterlegen eine Beziehung zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität, u. a. durch eine serotonerge Dysfunktion sowie eine besonders beeinträchtigte circadiane Rhythmik mit konsekutiver Hypofrontalität, beeinträchtigter Problemlösefähigkeit und verminderter Impulskontrolle. Im Rahmen der Suizidprävention muss bei Patienten mit kombinierten insomnischen und depressiven Symptomen nachdrücklich nach weiteren Risikofaktoren für Suizidalität gesucht werden, u. a. soziale Isolation, nächtliche Grübelneigung, komorbide psychische Erkrankungen, Zugang zu potenziell toxischen Pharmaka oder Waffen. Besonders bei Patienten mit weiteren Suizid-Risikofaktoren müssen insomnische Symptome frühzeitig konsequent behandelt werden. In der Pharmakotherapie sind für Patienten mit insomnischen Symptomen und Suizidalität schlaffördernde Antidepressiva mit niedriger Toxizität und Antipsychotika vorzuziehen. Eine an den circadianen Rhythmus angepasste multimodale antiinsomnische und antidepressive Therapie könnte die Zusammenhänge zwischen depressiv-suizidalen und insomnischen Symptomen günstig beeinflussen.

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Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management

review Neuropsychiatr https://doi.org/10.1007/s40211-023-00466-z Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management Dirk Schwerthöffer · Hans Förstl Eingegangen: 20. Januar 2023 / Angenommen: 1. April 2023 © Der/die Autor(en) 2023 Zusammenfassung Hintergrund Ein Zusammenhang zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität wurde lange vermutet und ist von besonderem klinischem Interesse. Ziel Wir untersuchen aktuelle Hinweise aus Epidemiologie und Neurobiologie auf diesen Zusammenhang, um ein gezieltes Management vorzuschlagen. Material und Methode Klinisches Beispiel und selektive Medline-Literaturrecherche zu insomnischen Symptomen und Suizidalität. Ergebnisse Epidemiologische Daten weisen auf insomnische Symptome als unabhängigen Risikofaktor für Suizidalität hin. Neurobiologische Befunde unterlegen eine Beziehung zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität, u. a. durch eine serotonerge Dysfunktion sowie eine besonders beeinträchtigte circadiane Rhythmik mit konsekutiver Hypofrontalität, beeinträchtigter Problemlösefähigkeit und verminderter Impulskontrolle. Im Rahmen der Suizidprävention muss bei Patienten mit kombinierten insomnischen und depressiven Symptomen nachdrücklich nach weiteren Risikofaktoren für Suizidalität gesucht werden, u. a. soziale Isolation, nächtliche Grübelneigung, komorbide psychische Erkrankungen, Zugang zu potenziell toxischen Pharmaka oder Waffen. Schlussfolgerung Besonders bei Patienten mit weiteren Suizid-Risikofaktoren müssen insomnische Symptome frühzeitig konsequent behandelt werden. In der Pharmakotherapie sind für Patienten mit insomnischen Symptomen und Suizidalität schlaffördernde Antidepressiva mit niedriger Toxizität und Antipsychotika vorzuziehen. Eine an den circadianen RhythD. Schwerthöffer () · H. Förstl Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, TU-München, Ismaningerstraße 22, 81675 München, Deutschland K mus angepasste multimodale antiinsomnische und antidepressive Therapie könnte die Zusammenhänge zwischen depressiv-suizidalen und insomnischen Symptomen günstig beeinflussen. Schlüsselwörter Insomnische Symptome · Insomnie · Suizidalität · Risikofaktoren für Suizidalität · Schlafstörungen · Hypofrontalität Insomniac symptoms and suicidality—link and management Summary Background A link between insomniac symptoms and suicidality has long been suspected and deserves specific attention. Objective We examine the current evidence for this relationship from epidemiology and neurobiology in order to propose a targeted management. Material and method Clinical example and selective Medline-literature research for insomnia symptoms and suicidality. Results Epidemiological data and statistical analysis show that symptoms of insomnia are independent risk factors for suicidality. Neurobiological factors associated with combined insomnia symptoms and suicidality are: serotonergic dysfunction and circadian rhythm disorder leading to hypofrontality with reduced problem solving capacity and impaired emotional and impulse-control. Social isolation, recurrent rumination, comorbid psychiatric disorders, access to potentially lethal drugs or weapons need urgent evaluation in patients with a combination of suicidality and symptoms of insomnia. Conclusion patients with insomnia and further risk factors for suicide need to be treated resolutely and at an early stage. Modern sleep-promoting antidepressants with low toxicity and antipsychotics must Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management review be preferred in the treatment of patients with insomniac sleep disorders and suicidality. Multimodal antiinsomnia and anti-depressive therapy adapted to the circadian rhythm can exert a favorable influence both on depressive-suicidal and insomnia symptoms and their inherent risks. Keywords Symptoms of insomnia · Insomnia · Suicidality · Risk factors for Suicidality · Sleep disturbances · Hypofrontality Einleitung 1914 vermutete C. Ernest Pronger, dass eine große Anzahl von Suiziden im Zusammenhang mit Insomnie stünde und deshalb größtenteils verhindert werden könnte [56]. Er beklagte fehlendes Wissen über die Ursachen der Insomnie und entsprechende Behandlungsmöglichkeiten. Inzwischen weisen zahlreiche epidemiologische Daten auf den Zusammenhang zwischen insomnischen Symptomen und Suizidalität hin. Nach einer Kasuistik und der Darstellung epidemiologischer Daten führen wir einige neurobiologische Überlegungen zu Art und Ursache dieses Zusammenhangs auf. Begriffsbestimmung In Klinik und Literatur werden die Begriffe „Insomnie“, „insomnische Symptomen“, „insomnische Schlafstörungen“, „Schlaflosigkeit“ und „symptomatische Schlaflosigkeit“ oft nur unscharf voneinander abgegrenzt. Insomnische Symptome wie z. B. verkürzte Schlafdauer, Einschlafstörung oder Früherwachen müssen von der Diagnose einer „Insomnie“ abgegrenzt werden. Die Diagnosekritierien für eine Insomnie umfassen neben Ein-, Durchschlafstörungen und Früherwachen von entsprechender Dauer und Häufigkeit auch das subjektive Empfinden einer Schlafstörung mit gestörtem Wohlbefinden am Tage (International Classification of Sleep Disorders) und sind sowohl von objektiv gestörtem Schlaf, als auch von verkürzter Schlafdauer oder Schlafentzug abzugrenzen. Diese Arbeit behandelt überwiegend den Zusammenhang zwischen „insomnischen Symptomen“ und Suizidalität. Kasuistik Ein 60-jähriger Finanzmanager wird um 3:00 Uhr morgens via Notarzt mit einer selbst zugefügten, thorakalen Schnittverletzung stationär aufgenommen, zunächst wegen eines Hämatothorax viszeralchirurgisch versorgt und nach 3-tägiger intensivmedizinischer Behandlung in die Klinik für Psychiatrie übernommen. Es bestehen keine relevanten körperlichen Vorerkrankungen und es fanden keine psychotherapeutischen oder psychiatrischen Vorbehandlungen statt. Die Nachbarin des Patienten war durch einen lauten Sturz in seiner Wohnung alarmiert worden und hatte, nachdem er nicht auf ihr Klingeln reagierte, den Rettungsdienst verständigt. Im blutverschmierten Wohnzimmer des Patienten werden zwei leere Tablettenblister für insgesamt 20 Tabletten Zolpidem 10 mg aufgefunden. Bei der Aufnahme in die psychiatrische Klinik ist der Patient deutlich niedergestimmt, kaum schwingungsfähig und psychomotorisch verlangsamt. Er berichtet über eine Amnesie für die Ereignisse am Abend der Klinikeinweisung. Er sei, wie immer in den letzten Wochen, „ganz früh schlafen gegangen um genug Ruhe und Erholung für den Folgetag zu finden“. Seit mehreren Monaten bestünde bereits eine massive berufliche Überforderungssituation durch gleichzeitige Leitungsverantwortung für zwei Projekte. Nach und nach habe das bei ihm zu ständiger Erschöpfung, Lust- und Freudlosigkeit und Vernachlässigung fast aller Freizeitaktivitäten und sozialer Kontakte geführt. Der Patient habe „nur noch gearbeitet“, sich „ansonsten vollkommen isoliert“ und sei zuletzt „emotional abgestumpft“. Sein Leben habe „nur noch aus 16 h Büro und (...truncated)


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Schwerthöffer, Dirk, Förstl, Hans. Insomnische Symptome und Suizidalität – Zusammenhänge und Management, 2023, pp. 1-9, DOI: 10.1007/s40211-023-00466-z