Pflegeunterstützende Maßnahmen durch robotische Systeme
HBScience
https://doi.org/10.1007/s16024-023-00399-1
SCHWERPUNKT DIGITALISIERUNG
Pflegeunterstützende Maßnahmen durch robotische Systeme
Doris Langegger1 · Irmela Gnass1
Eingegangen: 16. August 2022 / Angenommen: 19. Mai 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Zusammenfassung
Hintergrund Die demografisch-epidemiologische Entwicklung stellt eine besondere Herausforderung dar, da der (zukünftige) Pflegebedarf kaum noch durch informelle und professionelle Pflege gedeckt werden kann. Hierdurch gewinnen
robotische Systeme in der pflegerischen Versorgung zunehmend an Aufmerksamkeit und Bedeutung.
Ziel Den aktuellen Stand von Assistenz- und Logistikrobotern, die sich auf den Einsatz in der Pflegepraxis im deutschsprachigen Raum fokussieren, darzulegen.
Methode Die Ergebnisse einer vorliegenden Literaturrecherche zu robotischen Systemen, in den Datenbanken CINAHL,
PubMed® und Cochrane (2016) mit webbasierter Anschlussrecherche, wurden mit dem Fokus auf den deutschsprachigen
Raum ergänzt. Die Ergebnisdarstellung erfolgt entlang der Kategorien: Robotername/Akronym, ggf. Projektbezeichnung
und -zeitraum, Produktmerkmale, Einsatzbereich, Marktreife und Projektwebsite.
Ergebnisse Von den neun identifizierten robotischen Systemen haben vier die Marktreife erzielt; drei befinden sich in der
Entwicklungsphase, und bei zweien wurde die Entwicklung nicht weiter fortgeführt.
Schlussfolgerung Die Pflege im deutschsprachigen Raum kann eine Unterstützung bzw. Entlastung in der pflegerischen
Versorgung durch den Einsatz von wenigen marktreifen Systemen erfahren.
Schlüsselwörter Serviceroboter · Assistenzroboter · Logistikroboter · Pflege · Marktreife
Nursing support measures provided by robotic systems
Abstract
Background The demographic and epidemiological development poses a particular challenge, because the (future) need
for nurses can hardly be met by informal and professional nursing. As a result, robotic systems are increasingly gaining
attention and importance for use in nursing care.
Aim To present the current status of assistance and logistics robots focusing on their use in nursing practice in Germanspeaking countries.
Method The results of an existing literature search on robotic systems in the databases CINAHL, PubMed® and Cochrane
(2016) were supplemented with a web-based follow-up search focusing on the German-speaking region. The presentation
of the results was carried out along the categories: robot name/acronym, project description and period (if applicable),
characteristics and use of the robot, area of application, market maturity, and project homepage.
Results Of the nine identified robotic systems, four have reached market maturity, three are in a phase of development,
and the remaining two have not been developed further.
Conclusion Nursing care in German-speaking countries can be supported or relieved by the use of some market-ready
systems in the provision of care.
Keywords Service robot · Assistant robot · Logistics robot · Nursing · Market maturity
1
Doris Langegger
Institut für Pflegewissenschaft und -praxis,
Paracelsus Medizinische Privatuniversität,
Strubergasse 21, 5020 Salzburg, Österreich
K
D. Langegger, I. Gnass
Hintergrund
Die demografisch-epidemiologische Entwicklung stellt eine
besondere Herausforderung dar, da der (zukünftige) Pflegebedarf kaum noch durch informelle und professionelle
Pflege gedeckt werden kann (Rothgang et al. 2020). Das
Interesse an Robotern und deren Bedeutung haben durch
das Potenzial zur Unterstützung und Entlastung der Pflege(personen) zugenommen (Bedaf et al. 2019), insbesondere
im Hinblick auf die Versorgung pflegebedürftiger älterer
Menschen (Mitzner et al. 2014). Dies liegt z. T. daran, weil
Roboter bei Aktivitäten unterstützen, die Autonomie bzw.
Unabhängigkeit stärken (Bedaf et al. 2019) und die Lebensqualität positiv beeinflussen können (Melkas et al. 2020).
Bezugnehmend zum theoretischen Hintergrund handelt
es sich bei Pflegerobotern um Systeme, die für Menschen
mit Unterstützungsbedarf unterschiedlichen Alters entwickelt und vielseitig eingesetzt werden, wie z. B. im häuslichen oder im klinischen Bereich (Hülsken-Giesler und
Remmers 2020). Klein et al. (2018) greifen zunächst eine
globalere Definition auf und unterscheiden zwischen Service- und Industrierobotern:
„Als Serviceroboter werden Roboter für Anwendungen außerhalb der Produktion bezeichnet. (...) Sie
führen Assistenztätigkeiten oder Dienstleistungen aus
und zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass
sie im direkten Umfeld des Menschen oder auch in
direkter Zusammenarbeit mit ihm agieren.“ (Klein
et al. 2018, S. 6, 7)
Demnach unterscheiden sich Serviceroboter zu jenen Robotern in der Industrie nicht nur in der Zusammensetzung
und ihrer Funktion, sondern haben insbesondere durch die
direkte Interaktion mit den Endnutzerinnen und Endnutzern komplexere Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Im
Hinblick auf die Einsatzfelder kategorisieren Klein et al.
(2018) in Roboter, die in der Rehabilitation (z. B. Trainingsgeräte und Exoskelette), für Pflege-/Personal (z. B. Logistik- und Reinigungsroboter) oder im häuslichen Bereich
(z. B. Mobilitätshilfen und komplexe Assistenzroboter) verwendet werden. Komplexe Assistenzroboter sind jene, die
mehrere Funktionen ausüben. Je nach Konfiguration zählen dazu beispielsweise Transportdienste, aktivitätsfördernde Maßnahmen und/oder die Bereitstellung von Getränken
und Speisen. Anzumerken ist, dass die oberhalb angeführ-
te Kategorisierung nicht als starres System zu betrachten
ist. Vielmehr dient diese einer Strukturierung, ohne (möglicherweise) klare Grenzen zwischen Anwendungsbereichen
ziehen zu können (Klein et al. 2018).
Forschungsfrage
Das Ziel des Artikels besteht darin, den aktuellen Stand zu
robotischen Systemen, die bereits in der pflegerischen Versorgung eingesetzt werden könnten, zu recherchieren. Der
Stand soll folgende Fragestellung abbilden: Welche Roboter stehen im deutschsprachigen Raum für komplexe assistierende und/oder logistische Tätigkeiten für pflegerische
Versorgungsprozesse zur Verfügung?
Methode
Den Ausgangspunkt der methodischen Vorgehensweise bildeten die Ergebnisse von Hülsken-Giesler und Remmers
(2020, S. 59ff). Die Autoren führten eine systematische Literaturrecherche in den Datenbanken Cumulative Index to
Nursing and Allied Health Literature (CINAHL), Public
Medline (PubMed®) und Cochrane durch. Hierbei wurden
Primärstudien und systematische Übersichtsarbeiten (Reviews) für autonome (assistierende und logistische) Systeme bzw. Roboter in der Pflege bis zum Stand Juni 2016
berücksichtigt. Ergänzend führten die Autoren eine manuelle webbasierte Recherche durch. Die Ergebnisse zu den
autonomen Systemen von Hülsken-Giesler und Remmers
(2020) zeigten insgesamt 26 Systeme auf. Diese wurden
mittels manueller Internetrecherche im deutschsprachigen
Raum auf ihren aktuellen Entwicklungsstatus (Marktreife)
hin überprüft und um weitere Systeme ergänzt (Stand Juni 2021). Die Recherche wurde von einer Autor (...truncated)