Endokavitäre Kontakttherapie vs. EBRT als Boost bei organerhaltender Strahlentherapie von T2–3-Rektumkarzinomen: Ergebnisse der OPERA-Studie
Strahlentherapie und Onkologie (2023) 199:784–786
https://doi.org/10.1007/s00066-023-02112-7
LITERATUR KOMMENTIERT
Endokavitäre Kontakttherapie vs. EBRT als Boost bei organerhaltender
Strahlentherapie von T2–3-Rektumkarzinomen: Ergebnisse der
OPERA-Studie
Emilie von Wieding1 · Jürgen Dunst1
Angenommen: 16. Juni 2023 / Online publiziert: 26. Juni 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Hintergrund Organerhaltende Therapiekonzepte sind bei
tiefsitzenden Rektumkarzinomen durchaus möglich und
werden aktuell in zahlreichen Studien weiter optimiert [3,
4]. Dabei wird auf eine geplante Operation (die meistens
eine Exstirpation mit dauerhaftem Anus praeter bedeuten
würde) verzichtet, wenn nach neoadjuvanter Radiochemotherapie eine komplette Remission erreicht wird. Es gibt
Hinweise für eine Dosis-Wirkungs-Beziehung der Radiotherapie in diesen Konzepten [1]. Die Dosiseskalation der
Radiotherapie ist deshalb grundsätzlich sinnvoll mit dem
Ziel, die Radiochemotherapie als definitive Therapie zu
etablieren. Die französische OPERA-Studie liefert wichtige Hinweise für die weitere Entwicklung dieser Konzepte
[5].
Methodik OPERA war eine multizentrische, offene, randomisierte, kontrollierte Phase-3-Studie, die an 17 Einrichtungen in Frankreich, Großbritannien und der Schweiz durchgeführt wurde. Acht Einrichtungen (4 × UK, 3 × Frankreich,
1 × in der Schweiz) verfügten über die Möglichkeit der endokavitären Kontakttherapie (nebenbei: Wie die Randomisierung und Behandlung vom Patienten an den anderen
neun Einrichtungen ohne Kontakttherapie erfolgte, ist nicht
genau beschrieben). Eingeschlossen wurden operable erwachsene Patienten mit cT2–3b-Adenokarzinomen des unteren und mittleren Rektums. Der maximale Tumordurchmesser war < 5 cm, und in der Bildgebung musste eine
Originalpublikation Gerard JP, Barbet N, Schiappa R et al (2023)
Neoadjuvant chemoradiotherapy with radiation dose escalation
with contact x-ray brachytherapy boost or external beam
radiotherapy boost for organ preservation in early cT2–cT3 rectal
adenocarcinoma (OPERA): a phase 3, randomised controlled
trial. Lancet Gastroenterol Hepatol 8:356–367.
Jürgen Dunst
1
Klinik für Strahlentherapie/Radioonkologie, UKSH, Campus
Kiel, Kiel, Deutschland
K
cN0-Situation vorliegen bzw. durften suspekte LK maximal 8 mm groß sein. Alle Patienten erhielten eine neoadjuvante Radiochemotherapie, also externe Strahlentherapie
(EBRT) mit 45 Gy in 25 Fraktionen, simultan Capecitabin in
typischer Dosierung (2 × täglich 825 mg/m2). Alle Patienten
erhielten einen Boost, der nach 1:1-Randomisierung entweder eine externe Strahlentherapie mit 5 × 1,8 Gy (Gruppe A)
war oder ein Boost mit intrakavitärer Kontaktbrachytherapie (3 × 30 Gy Oberflächendosis mit dem Papillon-Applikator, Gruppe B). Der Boost erfolgte in Gruppe A nach der
EBRT, in Gruppe B bei Tumoren < 3 cm vor der EBRT und
sonst ebenfalls nach der EBRT. Stratifizierungen erfolgten nach Studienzentrum, T-Kategorie (cT2 vs. cT3a oder
cT3b) und Tumorlage (< 6 cm vom Analrand vs. ≥ 6 cm).
Primärer Endpunkt war der Organerhalt nach 3 Jahren.
Ergebnisse Zwischen Juni 2015 und Juni 2020 wurden
148 Patienten rekrutiert. 141 Patienten wurden in die primäre Wirksamkeitsanalyse einbezogen, darunter 69 der
Gruppe A (29 mit Tumoren < 3 cm Durchmesser und 40
mit Tumoren ≥ 3 cm) und 72 der Gruppe B (32 mit Tumoren
< 3 cm und 40 mit Tumoren ≥ 3 cm). Nach einer medianen
Nachbeobachtungszeit von 38 Monaten betrug die 3-Jahres-Organerhaltungsrate 59 % in Gruppe A gegenüber 81 %
in Gruppe B (Hazard Ratio 0,36; p = 0,0026). Bei Patienten
mit Tumoren von weniger als 3 cm Durchmesser betrug
die 3-Jahres-Organerhaltungsrate 63 % in Gruppe A gegenüber 97 % in Gruppe B (HR 0,07; p = 0,012), bei Patienten
mit Tumoren größer 3 cm 55 % gegenüber 68 % (HR 0,54;
p = 0,11). Unerwünschte Ereignisse von Grad 2–3 traten bei
30 % der Patienten in Gruppe A und bei 42 % in Gruppe B
auf, vor allem akute Proktitis (6 % in Gruppe A, 13 % in
Gruppe B) und akute Hautreaktion (10 % in Gruppe A,
3 % in Gruppe B). Die wichtigste Spätfolge waren rektale
Blutungen von Grad 1–2 (12 % in Gruppe A vs. 63 % in
Gruppe B, p < 0,0001), die überwiegend nach 3 Jahren
abklangen.
Strahlentherapie und Onkologie (2023) 199:784–786
Schlussfolgerungen der Autoren Ein hoch dosierter Boost
mittels intrakavitärer Kontakttherapie als Ergänzung zur
neoadjuvanten Radiochemotherapie verbesserte signifikant
die 3-Jahres-Organerhaltungsrate, insbesondere bei Patienten mit Tumoren kleiner als 3 cm.
Kommentar
Das ist eine exzellente Arbeit aus der Arbeitsgruppe von
Jean Pierre Gerard, einem DEGRO-Ehrenmitglied, und
auch wenn die etwas ungewöhnliche Technik einer schnellen Verbreitung dieses Therapiekonzepts entgegensteht,
zeigt die Studie nach unserer Auffassung, in welche Richtung sich die Therapie des Rektumkarzinoms weiterentwickeln kann. Folgende Aspekte sollte man in der Diskussion
berücksichtigen:
1. Es gibt Hinweise dafür, dass die Remissionsrate nach
neoadjuvanter Radiochemotherapie mit zunehmender
Strahlendosis steigt [1]. Die Datenlage in randomisierten
Studien ist aber unklar [2]. Diese Studie ist erstmals ein
klarer und eindrucksvoller Beweis, dass mit sehr viel
höheren Dosen auch sehr viel höhere Remissionsraten
erreicht werden können.
2. Die intrakavitäre Kontakttherapie des Rektumkarzinoms
wurde in den 1970er-Jahren in Frankreich von Papillon,
einem der renommiertesten Radioonkologen seiner Zeit,
entwickelt und damals vor allem als alleinige Therapie
bei kleinen Rektumkarzinomen zum Organerhalt eingesetzt [8]. Das Therapieprinzip hat sich aber nie auf breiter Basis etabliert. Das hier verwendete Gerät ist ähnlich,
und die Applikation erfolgt über ein peranal eingeführtes
Rohr. Geräte dieser Art sind nur an wenigen Standorten
verfügbar. Ob diese Technik, wie von ihren Protagonisten behauptet, eine Renaissance erleben wird, darf man
kritisch hinterfragen [6, 7].
3. Unabhängig von der Technik kann man aber feststellen,
dass in dieser Studie exzellente Ergebnisse hinsichtlich
lokaler Tumorfreiheit und Organerhalt erreicht wurden.
Daraus ein Alleinstellungsmerkmal für die intrakavitäre
Boosttechnik abzuleiten, ist sicher nicht gerechtfertigt,
denn der Erfolg ist durch die hohe Dosis zu erklären. Die
verabreichten drei Fraktionen mit jeweils 30 Gy Oberflächendosis kann man getrost als ablative Strahlentherapie
bezeichnen.
4. Die wichtigste daraus resultierende Frage ist daher, ob
man mit modernen Techniken einen ähnlichen strahlenbiologischen Effekt erreichen kann. Diese etwas archaisch anmutende Technik hat aus unserer Sicht einige
Nachteile. Durch den starren, peranal eingeführten Applikator sind nicht alle Lokalisationen gut zu erreichen.
Eine 3-D-Dosisberechnung ist nicht möglich. Wegen des
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steilen Dosisabfalls ist eine sehr inhomogene Dosis im
Tumor anzunehmen, und das gilt sicher auch für das
gesunde Gewebe außerhalb des Tumors. Bei kleinen Tumoren (hier bis 3 cm) kann man grob schätzen, dass in
einem kugeligen oder ellipsoid konfigurierten (...truncated)