Molekulare Schnappschüsse der Phageninfektion
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Proteomics und Transcriptomics von Viren
Molekulare Schnappschüsse
der Phageninfektion
MAIK WOLFRAM-SCHAUERTE, NADIIA POZHYDAIEVA, KATHARINA HÖFER
MAX-PLANCK-INSTITUT FÜR TERRESTRISCHE MIKROBIOLOGIE, MARBURG
Today, the clinical potential of antibiotics is almost exhausted, which
has led to a renaissance of phage research and phage therapy. To
maximize phage therapy efficiency, we need an in-depth understanding
of the molecular mechanisms by which phages fight their hosts. Omics
technologies can provide valuable insights in the molecular processes
of infection. We applied time-resolved proteomics and transcriptomics
to characterize the T4 phage infection of Escherichia coli on the molecular level.
DOI: 10.1007/s12268-023-1923-x
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Bakteriophagen (Phagen) sind Prokaryoten-spezifische Viren, die in zahlreichen Ökosystemen vorkommen und den größten
Anteil der Biomasse auf der Erde ausmachen.
Ihre Entdeckung durch Felix d‘Herelle in den
1910er-Jahren und die darauffolgende Forschung an Bakteriophagen hat das Verständnis für die molekularen Grundlagen des
Lebens immens vorangetrieben [1]. Grundlegende Entdeckungen, wie die Identifizierung
von DNA als zelluläres Erbgut, die Entdeckung des genetischen Triplet-Codes, mRNA,
und viele molekularbiologische Werkzeuge,
sind die Errungenschaften von Forschung an
Phagen. Die Fähigkeit von Phagen, Bakterien
zu töten, war besonders klinisch interessant
und wurde bereits 1919 in der ersten Phagentherapie bakteriell infizierter Patienten eingesetzt [2]. Jedoch leitete die zufällige Entdeckung von Penicillin durch Alexander
Fleming [3] die Ära der Antibiotika ein, die
schnell gegen viele bakterielle Spezies wirkten. Dagegen gerieten die Phagen u. a. aufgrund ihres komplexeren Wirkmechanismus
zunehmend in den Hintergrund.
Heutzutage ist das therapeutische Potenzial bekannter Antibiotika fast ausgeschöpft
und die Verbreitung multiresistenter Bakterien stellt eine große Herausforderung dar.
Vor diesem Hintergrund können Phagen im
Rahmen einer Phagentherapie von besonderem Nutzen sein, da sich die Mechanismen,
mit denen Phagen Bakterien töten, von denen
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der Antibiotika komplett unterscheiden. Diese Lage führte in den vergangenen Jahren zu
einer Renaissance der Phagenforschung [4].
Um Phagen als effiziente Alternative zu Antibiotika einsetzen zu können, ist ein genaues
Verständnis der Mechanismen notwendig,
mit denen Phagen ihre bakteriellen Wirte
gezielt und hochspezifisch töten. Dazu ist
jedoch bis heute wenig bis gar nichts
bekannt.
Der T4-Phage infiziert das Bakterium
Escherichia coli
Am besten sind die molekularen Mechanismen an Modellphagen charakterisiert worden, wie z. B. am Bakteriophagen T4 (T4-Phage). Der T4-Phage infiziert spezifisch das
Bakterium Escherichia coli [5]. Das T4-Phagen-Genom umfasst 169-kb-lange doppelsträngige DNA und codiert für 288 Gene.
Allerdings sind nur 55 Prozent der dadurch
codierten Proteine funktional beschrieben.
Die T4-Phagen-Infektion ist ein zeitlich stark
regulierter Prozess, der bereits innerhalb
von 20 bis 30 Minuten zur Lyse des infizierten Bakteriums führt (Abb. 1). Insgesamt
teilt man die T4-Phagen-Infektion in drei
Phasen ein, die sich durch die Expression
spezifischer Phagen-Gene auszeichnen: frühe, mittlere und späte Phase. Das Andocken
des Phagen an den Wirt und die Injektion
seines Genoms in die Zelle, zusammen mit
˚ Abb. 1: Schematischer Ablauf der T4-Phagen-Infektion von Escherichia coli. Die PhagenInfektion beginnt mit dem Andocken des Phagen an die Wirtszelle (1) und Injektion seiner DNA
(2). Dann beginnt die Expression von Phagen-Genen (3). Sobald die strukturellen Proteine des
T4-Phagen synthetisiert sind, beginnen sich neue Phagen zu bilden (4), die schließlich durch Lyse
der Wirtszelle freigesetzt werden (5).
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W I S S EN S CH AFT · S PECIA L : PROT E OMICS & CH ROMATOGR AP H I E
¯ Abb. 2: Dual-Transcriptomics
und Proteomics-Ansatz zur zeitaufgelösten Charakterisierung der
Genexpression während der
T4-Phagen-Infektion. Die Gesamtheit der Transkripte und der Proteine von Escherichia coli während
der T4-Phagen-Infektion wird zu
unterschiedlichen Zeitpunkten der
Infektion isoliert und mittels
Transcriptomics und Proteomics
analysiert.
einigen Proteineffektoren, leiten die frühe
Infektionsphase ein. „Frühe“ T4-PhagenGene werden exprimiert, die vor allem dazu
dienen, den Wirt auf optimale Bedingungen
für die Phagenproduktion umzuprogrammieren. Für den T4-Phagen bedeutet dies vor
allem die Übernahme des Transkriptionsund Translationsapparats der Wirtszelle, da
eine Phagen-eigene Maschinerie zur Proteinbiosynthese fehlt. Darauf folgt die
Expression von „mittleren“ Genen, die u. a.
zur Replikation des Phagen-Genoms und
dem Übergang in die folgende „späte“ Infektionsphase beitragen. In der späten Phase
werden vor allem diejenigen Gene exprimiert, die für strukturelle Proteine codieren
und für die Entstehung neuer Phagen notwendig sind. Schließlich werden die neuen
Phagen durch Lyse der Wirtszelle in die
Umgebung freigesetzt.
Unser heutiges Verständnis der T4-Phagen-Infektion basiert vorwiegend auf einzelnen, gezielten molekularbiologischen und
biochemischen Studien [5]. Wenige Studien
zielten bisher auf eine umfassendere Charakterisierung der T4-Phagen-Infektion ab.
Dies gilt nicht nur für die Mechanismen,
die die T4-Phagen-Genexpression auf Transkriptions- und Translationsebene kontrollieren, sondern auch für die Wirtsgenexpression während der Infektion. Wie also kann
ein detaillierteres Verständnis dieser Ereignisse während der Phagen-Infektion erreicht
werden?
Hochdurchsatzcharakterisierung von
Biomolekülen mittels OmicsTechnologien
Die Entwicklung der Omics-Methoden im
letzten Jahrzehnt brachte einen rapiden
Anstieg im Detailverständnis komplexer biologischer Prozesse. Generell zielen OmicsTechnologien auf die Charakterisierung und
Quantifizierung der Gesamtheit biologischer
Moleküle ab, wie z. B. Genen (=Genomics),
Proteinen (=Proteomics), Metaboliten
(=Metabolomics) oder Transkripten
(=Transcrip tomics). Während manche
Bestandteile einer Zelle sich im Zeitverlauf
eher statisch verhalten (z. B. Genome), ist die
Abundanz anderer Moleküle in der Zelle, wie
z. B. RNA oder Proteine, in Abhängigkeit von
verschiedenen Einflüssen höchst dynamisch.
Um diese Dynamiken ganzheitlich nachvollziehen zu können, sind hochsensitive Methoden erforderlich.
Während zu Beginn der Proteomics-Ära
der 1980er-Jahre die Gesamtheit der Proteine
noch über zweidimensionale (2D) Gelelektrophorese analysiert wurde, ermöglichte die
rasante Entwicklung von Massenspektrometrie-basierten Methoden seit den 2000erJahren auch eine Analyse komplexer Proteinmischungen. Dabei können einzelne
Proteine mit hoher Sicherheit identifiziert
und quantifiziert werden.
Auch auf dem Gebiet Transcriptomics
führte der methodische Fortschritt zu einem
großen Durchbruch. Für die Analyse spezifischer Transkripte verwendete man ursprünglich Northern Blots und reverse Trans (...truncated)