Schwerhörigkeit im Alter: Was steckt dahinter?
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Neurowissenschaften
Schwerhörigkeit im Alter:
Was steckt dahinter?
CHRISTINE KÖPPL, GEORG KLUMP
DEPARTMENT FÜR NEUROWISSENSCHAFTEN, UNIVERSITÄT OLDENBURG
Age-related hearing loss is of increasing concern in our ageing society.
However, a causal understanding of the manifold degenerative processes in the cochlea and auditory brain, and their relation to specific
hearing problems, is still in its infancy. Gerbils that are trained to perform auditory tasks show very similar auditory perception to humans,
including in tests with speech-like signals. This offers a unique opportunity to experimentally probe age-related changes in perception and
the underlying neural pathologies.
DOI: 10.1007/s12268-023-1947-2
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Schwerhörigkeit betrifft etwa zwei Drittel
der Menschen über siebzig Jahre [1] und
kann zu sozialer Isolation und verminderter
Lebensqualität führen. Neueste Metastudien
zeigen sogar einen erheblichen Beitrag zur
Entstehung von Demenzkrankheiten [2].
Altersbedingte Schwerhörigkeit ist also ein
ernst zu nehmendes Problem, das angesichts
weltweit steigender Lebenserwartung eher
zu- als abnehmen wird.
Was genau versteht man unter altersbedingter Schwerhörigkeit?
Der Routinetest ist eine Bestimmung der
Hörschwelle: Wie leise kann ein Ton sein,
A
um in Stille gerade noch wahrnehmbar zu
sein? Der Verlust von Hörempfindlichkeit
beginnt typischerweise im hohen Frequenzbereich und schreitet mit zunehmendem
Alter zu immer tieferen Tönen fort [1]. Menschen mit altersbedingtem Hörverlust
kämpfen aber auch mit Defiziten bei verschiedensten komplexeren Höraufgaben –
Probleme, die sich nicht unbedingt direkt
mit der verminderten Hörempfindlichkeit
erklären lassen. Häufig wird über verminderte Sprachverständlichkeit geklagt
[3], insbesondere in Situationen mit viel Hintergrundgeräuschen und Personen, die
durcheinander sprechen. Die Diagnose von
B
solch subtileren, altersbedingten Schwerhörigkeiten steht zurzeit noch ziemlich am
Anfang.
Wie entsteht altersbedingte
Schwerhörigkeit?
Die Ursachen altersbedingter Schwerhörigkeit liegen zu einem wesentlichen Teil in der
Innenohrschnecke oder Cochlea. Dort werden die vielfältigen Geräusche aus der Umwelt in einen Code aus elektrischen Impulsen übersetzt, der im Gehirn wieder decodiert wird und schließlich zur bewussten
Wahrnehmung des Gehörten wird. Eine normal funktionierende Cochlea fußt auf einem
fein abgestimmten Zusammenspiel vieler
Teilkomponenten [4]. Mit zunehmendem
Alter bröckelt dieses Zusammenspiel an vielen Stellen. Klassische Arbeiten von H. F.
Schuknecht, der menschliche Schläfenbeine
post mortem untersuchte, mündeten in einer
ersten differenziellen Kategorisierung von
Pathologien in der alternden Cochlea: Degeneration der Stria vascularis (striale Presbyakusis), Verlust der Sinneszellen (Haarzellen; sensorische Presbyakusis) und Degeneration der afferenten Nervenzellen zum
Gehirn (neurale Presbyakusis) [5]. Presbyakusis ist dabei ein Sammelbegriff für alle
alters- und umweltbedingten Prozesse, die
im Laufe eines Lebens zu Hörverlust führen.
Die relative Bedeutung der verschiedenen
C
˚ Abb. 1: Verlust von neuronalen Verbindungen zwischen Cochlea und Gehirn im Alter. A, Stark vergrößerte, mikroskopische Aufnahme von wenigen
inneren Haarzellen (IHZ) aus der Cochlea einer Wüstenrennmaus. Die afferenten Synapsen am unteren Ende jeder Haarzelle sind fluoreszent markiert
und als kleine rot-grüne Punkte sichtbar. B, Ausschnittvergrößerung. C, Die Anzahl dieser Synapsen nimmt signifikant mit dem Alter ab [13].
BIOspektrum | 04.23 | 29. Jahrgang
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W I S S EN S CH AFT
A
B
˚ Abb. 2: Wahrnehmung von Logatomen durch Mensch und Wüstenrennmaus. A, Tier auf der
Warteposition in der Versuchsapparatur hört den Logatomen zu und läuft zum Futternapf, wenn
es einen Unterschied wahrnimmt. Foto: C. Jüchter. B, Ergebnis einer MDS-Analyse der Unterscheidung von Vokalen (KVK-Logatome). Nah beieinander liegende Vokale sind schwierig zu
unterscheiden, weit auseinander liegende Vokale können leicht unterschieden werden. Die zwei
Dimensionen repräsentieren die Formanten. Das MDS-Ergebnis von Mensch und Wüstenrennmaus ist sehr ähnlich [10].
Pathologien für eine konkrete Hörstörung ist
jedoch umstritten.
Lange Zeit ging die Hörforschung davon
aus, dass das Absterben von Haarzellen immer dem Verlust der afferenten Nervenzellen
der Cochlea voraus geht. Erst kürzlich wurde
klar, dass der Verlust von synaptischen Verbindungen zwischen inneren Haarzellen und
afferenten Neuronen, auch cochleäre Synaptopathie genannt, das erste Anzeichen einer
cochleären Schädigung ist [6]. Mit ein Grund
warum Synaptopathie so lange unerkannt
blieb ist, dass selbst der Verlust eines erheblichen Anteils der synaptischen Verbindungen keine Auswirkungen auf die Hörempfindlichkeit (also den Standardhörtest) hat.
Rasch hat sich dafür der Begriff „versteckter
Hörverlust“ (hidden hearing loss) etabliert
A
B
und die Suche nach spezifischen Tests für
cochleäre Synaptopathie und dem vermuteten, versteckten Hörverlust ist ein Brennpunkt aktueller Hörforschung [7].
Von (Wüstenrenn-)Mäusen und
Menschen
Um die Ursachen von Altersschwerhörigkeit
genauer aufzuschlüsseln und zu verstehen,
ist Forschung an Tiermodellen unverzichtbar. Bei unseren Arbeiten im Rahmen des
Exzellenzclusters „Hearing4all“ steht deshalb die Wüstenrennmaus Meriones unguiculatus, ein kleines Nagetier, im Mittelpunkt.
Sie ist ein sehr geeignetes Tiermodell für die
Untersuchung altersbedingter Cochlea-Defizite und den Konsequenzen für die Hörwahrnehmung [8]: Wüstenrennmäuse haben eine
relativ kurze Lebenserwartung von etwa
36 Monaten, sodass
Alterungsstudien experimentell in einem
planbaren Zeitrahmen durchführbar
sind. Zudem hört die
Wüstenrennmaus gut tiefe Frequenzen, die
den Bereich menschlicher Sprache einschließen. Und schließlich lässt sich die Wüstenrennmaus gegen Belohnung leicht für verschiedenste Hörtests dressieren, was den
Brückenschlag zur menschlichen Hörwahrnehmung und Presbyakusis ermöglicht.
Aufbauend auf klassischen Experimenten
von R. A. Schmiedt und Kollegen an der alternden Wüstenrennmaus [9] konzentrieren
wir uns auf Alterungsprozesse des Gehörs
unter bewusster Vermeidung zusätzlicher
akustischer oder toxikologischer Schäden.
Die Tiere leben und altern in einer kontrolliert leisen Umgebung. Im greisen Alter von
3 Jahren zeigen sie dann einen überwiegend
hochfrequenten Empfindlichkeitsverlust, der
allerdings individuell stark variieren kann
– genauso wie beim Menschen. Zudem sind
die cochleären Pathologien – strial, sensorisch und neural (Abb. 1) – zumindest in
Grundzügen gut bekannt [8, 9].
Im Folgenden erläutern wir einige Beispiele aus unserer aktuellen Forschung mit Wüstenrennmäusen. Übergeordnetes Ziel der
Arbeiten ist, altersbedingte Defizite in der
Hörwahrnehmung besser zu charakterisieren und den zugrunde liegenden, degenerativen Prozessen in der Innenohrschnecke
und im Gehirn zuzuordnen. Langfristig wird
dies zu verbesserter (...truncated)