Ungewöhnlich und unerwartet positive Spontanverläufe langjährig therapieresistenter Epilepsien Erwachsener
Clinical Epileptology
Der interessante Fall
Clin Epileptol
https://doi.org/10.1007/s10309-024-00680-x
Angenommen: 25. April 2024
© The Author(s) 2024
Ungewöhnlich und unerwartet
positive Spontanverläufe
langjährig therapieresistenter
Epilepsien Erwachsener
Bernhard J. Steinhoff
Epilepsiezentrum Kork, Kehl-Kork, Deutschland
Zusammenfassung
Die Prognose langjährig therapieresistent verlaufender Epilepsien Erwachsener ist
üblicherweise schlecht, sieht man von kurativen Verfahren wie Epilepsiechirurgie
einmal ab. Gerne neigen wir bei doch positiven Verläufen dazu, diese mit unseren
therapeutischen Maßnahmen zu erklären und als Erfolge zu verbuchen. Das kann,
muss aber nicht richtig sein. In dieser Arbeit werden stellvertretend für das Gebot,
die Bedeutung des eigenen Handelns nicht überzubewerten, 3 eigene und seit
vielen Jahren persönlich betreute Patientinnen und Patienten vorgestellt, die nach
vielen Jahren frustraner Epilepsieverläufe anfallsfrei wurden und über viele Jahre
auch geblieben sind, ohne dass im Mindesten erkennbar wäre, dass eine der eigenen
therapeutischen Maßnahmen hierzu beigetragen hätte.
Schlüsselwörter
Epilepsie · Pharmakoresistenz · Prognose · Interpretation · Spontanverlauf
Die Prognose von Epilepsien im Erwachsenenalter ist variabel und von verschiedenen Faktoren abhängig. In einer großen epidemiologischen Studie betrug die
Wahrscheinlichkeit, eine 2-jährige Remission zu erreichen, nach 20 Jahren 67 %.
Die Chance auf eine andauernde Remission betrug 60 % [1].
Die Chance auf langfristige Anfallsfreiheit mit und ohne dauerhaften Einsatz anfallssupprimierender Medikamente (ASM)
erhöht sich, wenn die Epilepsiedauer vor
der Remission kurz war, nur ein oder zumindest wenige ASM vor dem Absetzen
eingesetzt wurden, eine niedrige Anfallsfrequenz vor dem Absetzen bestand, keine
fokalen Anfälle auftraten und keine epilepsietypischen Potenziale im EEG abgeleitet
werden [2].
Besonders günstig ist die Prognose
bei idiopathisch generalisierten Epilepsien (zumindest unter fortgesetzter ASMTherapie) [3], da ab dem 70. Lebensjahr
mehr als die Hälfte der Patientinnen und
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Patienten länger als 5 Jahre anfallsfrei
sind [3, 4].
Andererseits wissen wir, dass die Prognose struktureller fokaler Epilepsien im
Hinblick auf Anfallsfreiheit, von epilepsiechirurgischen Eingriffen einmal abgesehen, deutlich schlechter ist und je nach
Ätiologie ggf. nur 3–11 % betragen kann
[5].
Ein weiterer negativer Prädiktor ist die
Zahl bereits eingesetzter ASM. Auch wenn
nach internationaler Definition eine Epilepsie bereits als pharmakoresistent gilt,
wenn 2 sachgerecht eingesetzte ASM nicht
zu einer befriedigenden Anfallssituation
führen [6], kann doch noch mit akzeptabler Wahrscheinlichkeit zumindest manchen Studien zufolge mit einem dritten
bis fünften ASM dauerhafte Anfallsfreiheit
erreicht werden; ab dem sechsten ASM bestehen praktisch keine realistischen Chancen auf Anfallsfreiheit mehr [7, 8]. Und
doch: In einer früheren Publikation beschrieben wir einen Patienten, bei dem
erst mit dem 14. ASM dauerhafte Anfalls-
Clinical Epileptology
1
Der interessante Fall
Tab. 1
Zusammengefasste Daten der 3 Fälle
Fall 1
Alter bei Beginn der Epilepsie
10 Jahre
Dauer pharmakoresistenter Verlauf 58 Jahre
Zahl der eingesetzten anfallssup13
primierenden Medikamente vor
Anfallsfreiheit
Nichtinvasive präoperative DiagJa
nostik
Invasive präoperative Diagnostik
Ja
Interiktales EEG vor Anfallsfreiheit 2015: epilepsietypische Potenziale
multiregional mit Schwerpunkten
links temporal posterior, links frontozentral und rechts frontozentral
Iktales EEG vor Anfallsfreiheit
2008: 4 Anfälle: 2-mal Anfallsbeginn parasagittal median und je
1-malig links temporal posterior
sowie rechts parietookzipital
MRT
2008: radiär verlaufende Marklagerläsionen, rechts korrespondierend mit einem Kalottendefekt,
wahrscheinlich als Folge der früher
implantierten Tiefenelektroden
Diagnose
Ätiologisch ungeklärte fokale
Epilepsie mit tonischen und tonisch-klonischen Anfällen
Komorbiditäten
Leichte kognitive Beeinträchtigung
Medikation zum Zeitpunkt des
Beginns der Anfallsfreiheit
Valproat
Lamotrigin
Levetiracetam
2 Jahre: 2015 bis 2017
Zeitraum unveränderter Medikation bis zum Eintritt der Anfallsfreiheit
Anfallssupprimierende Medikation
abgesetzt?
Dauer der Anfallsfreiheit bis heute
Ja
Ja
Nein
Bis 2019: intermittierende Grundaktivitätsverlangsamung, zuletzt
normal
Ja
2018: epilepsietypische Potenziale,
bitemporal posterior bis parietal
mit Rechtsdominanz
2012: wegen Artefakten nicht
verwertbar
2018: 10 Anfälle, 6 rechts, 4 links
lateralisiert eingeleitet
2012: normal
2018: symmetrisch erweiterte
innere Liquorräume
Ätiologische ungeklärte fokale
Epilepsie mit hyperkinetischen und
fokal zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen
Ätiologisch ungeklärte fokale
Epilepsie mit bewusst erlebten
kognitiven, nicht bewusst erlebten fokalen und fokal zu bilateral
tonisch-klonischen Anfällen
Mnestische Einbußen, FatigueSyndrom, Depression
Zonisamid
Brivaracetam
Intermittierende psychotische
Episoden, Persönlichkeitsstörung
Levetiracetam
Zonisamid
Phenytoin
6 Monate: November 2011 bis Mai
2012
2 Jahre: 2018 bis 2020
Ja
Nein, nur reduziert
6 Jahre
11 Jahre
3 Jahre
Kasuistiken
Fall 1
Bei der 1949 geborenen Patientin begann die Epilepsie im Alter von 10 Jah-
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Fall 3
27 Jahre
16 Jahre
11
Nein
freiheit erzielt wurde [7]. Ob dies dann
tatsächlich diesem ASM (Lacosamid) zu
verdanken war oder eher einem ungewöhnlichen Spontanverlauf entsprach, ist
die Frage, die immer gestellt werden sollte, wenn sich solch gleichermaßen Erfreuliches wie Unerwartetes ereignet.
Die nachfolgend vorgestellten Fälle sollen dies verdeutlichen und zum Nachdenken über das Phänomen ungewöhnlicher
Spontanverläufe anregen.
2
Fall 2
17 Jahre
15 Jahre
10
ren mit tageszeitlich diffus auftretenden
atonischen, tonischen, bilateral tonischklonischen und fokalen Anfällen mit Bewusstseinsstörung und Automatismen.
Trotz intensiver Behandlungsversuche
kam es wiederholt zu Status epileptici.
Zur Klärung der Operabilität erfolgte 1976
eine letztlich erfolglose invasive präoperative Diagnostik in Zürich. Neben der
Epilepsie besteht eine leichte kognitive
Beeinträchtigung. Fortgesetzte häufige
Anfälle führten zu multiplen Verletzungen einschließlich Frakturen und zwangen
letztlich zum dauerhaften Tragen eines
Schutzhelms und der optionalen Nutzung
eines Rollstuhls. Bis 2008, als noch einmal
eine umfangreiche stationäre Diagnostik und Behandlung erfolgte (. Tab. 1),
umfasste die medikamentöse Synopse
Phenytoin, Primidon, Brom, Carbamazepin, Sultiam, Phenobarbital, Valproat,
Lamotrigin, Zonisamid und Levetiracetam.
Im stationären Verlauf traten Anfälle
täglich auf, obwohl nach einer Kombination aus Lamotrigin und Lacosamid zusätzlich Versuche mit Rufinamid und Stiripentol erfolgten. Die Epilepsie verlief weiterhin pharmakoresistent. Weder die Kombination aus Valproat, Lamotrigin und Rufinamid im Jahr 2014 (...truncated)