Digitalisierung in der Lehre der Neurologie und Psychiatrie
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis 2024 · 27:140–144
https://doi.org/10.1007/s00739-024-00999-0
Angenommen: 19. März 2024
Online publiziert: 16. April 2024
© The Author(s) 2024
Digitalisierung in der Lehre der
Neurologie und Psychiatrie
Patrick Altmann1,2 · Lukas Pezawas1,3 · Gregor Kasprian1,4 · Henriette Löffler-Stastka1,5
1
Comprehensive Center for Clinical Neurosciences and Mental Health (C3NMH), Medizinische Universität
Wien, Wien, Österreich
2
Klinik für Neurologie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
4
Abteilung für Neuroradiologie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
5
Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
3
Zusammenfassung
Digitalisierung in der Medizin gehört zur Zukunft der akademischen Medizin. Diesem
Fakt wird auch in der Lehre Rechnung getragen. Da Lehre immer forschungsgeleitet
gestaltet ist, sind auch die lerntheoretischen Grundlagen und Konzepte zu
diskutieren. Die Implementierung digitaler Medizin stellt eine Möglichkeit als
Brückenfunktion für eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit dar. Diese
Interprofessionalität erachten wir in unserem Fachgebiet als zentral, ebenso wie gutes
Netzwerkmanagement. Die hier vorgestellten Anwendungen und deren Vermittlung
im Unterricht führen in der interprofessionellen Arbeit zu einer Thematisierung
von Denk- und Reflexionsprozessen, die eine bessere Arbeitszufriedenheit und
Patient:innenzufriedenheit nach sich ziehen.
Schlüsselwörter
Digitalisierung · Interprofessionelle Arbeit · Netzwerk · Arbeitszufriedenheit · Reflexion
Einleitung
Die Implementierung digitaler Prozesse in
die Medizin bedeutet eine Veränderung
der Machtstrukturen und erzeugt Unsicherheit. Deshalb ist die Frage nach den
konkreten Erfordernissen zur Implementierung digitaler Medizin wesentlich. Auf
Basis der Erfahrungen aus der Lernprozessforschung [8] zur Etablierung von curricularen E-Learning-Elementen [5] wurde
kollaborativen interdisziplinären Projekten
Raum gegeben, um Konfigurationen von
Netzwerken aktiv mitzugestalten.
Aktuelle Beispiele aus
der curricularen Lehre –
Medizinstudium
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psychopraxis. neuropraxis 3 · 2024
Im Rahmen des Humanmedizinstudiums
kann die digitale Lehre in Form der Lehrveranstaltung „Fallorientierte Lehre – Übungen: Clinical Reasoning“ genutzt werden,
um Studierenden patient:innenzentrierte
interdisziplinäre Arbeit zu vermitteln. Das
Wahlfach trainiert über ein Semester hindurch im reinen Onlinemodus klinisch-diagnostische Prozesse und klinische Behandlungsentscheidungsprozesse mittels Lehrfällen, interaktiven Fragen, Fall- und Szenarienerstellungsaufgaben, Peer-ReviewAufgaben zu Lehrfällen und Reflexionsfragen. Durch das interaktive Format erhalten
Studierende Feedback bzgl. ihres aktuellen Wissensstandes und Rückmeldungen
über ihr Verbesserungspotenzial.
»
Kollaborativen interdisziplinären
Projekten wurde Raum gegeben
Die Lernergebnisse zeigen neben Verbesserungen bei den Gesamtprüfungen [12,
6] eine höhere Selbstwirksamkeit, Hinwendung zu patient:innenorientierter digitaler
Medizin [5] und förderten interprofessionelles Denken [13]. Ein ähnliches Beispiel
eines resilienten Umgangs mit Veränderung und der Selbstreparaturfähigkeit von
Abb. 1 9 Beispiele aus Berichten zur Lebensqualität:
Darstellung und Erfassung
mittels der Lebensqualitäts- bzw. Gesundheitsskala „MSIS“ (Multiple Sclerosis
Impact Scale) von Studienteilnehmenden mit einem
EDSS (Expanded Disabilities Status Scale) von 6.0
Punkten über einen Zeitraum von 6 Monaten über
die App [1, 2]
Netzwerken ist das Postgraduale Training
von Expert:innen.
Postgraduales Training von
Expert:innen
Lehrformat zur Weiterbildung in EHealth und digitalen Interventionen
Die Lehrveranstaltung „Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung“ wird im Rahmen des C3NMH
(Comprehensive Center for Clinical Neurosciences and Mental Health) FlagshipProjekts Lehre angeboten, um Studierende
der Medizin, Ausbildungskandidat:innen
zur/m FÄ für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, zur/m Psychotherapeut:in oder im Rahmen der Psy I–III-Curricula bzw. der postgraduellen Lehre ausund weiterzubilden. Durch die im Rahmen
des Psychotherapie-Portfolios der MedUni
Wien maximal flexibilisierte Einstiegsmöglichkeit auf den unterschiedlichsten Kompetenzniveaus der Studierenden wird eine
zentrale Lehrveranstaltung (LV) für Studierende ab dem ersten Jahr ihrer klinisch
praktischen Tätigkeit angeboten.
» Detaillierte Informationen zur
tale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) zu
verordnen, wobei die Kosten vollständig
von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen werden (vgl. [3]).
Diese als DiGA klassifizierten Apps sind
CE-gekennzeichnete
Medizinprodukte,
die gezielt zur Unterstützung bei der
Erkennung, Überwachung oder Behandlung von Krankheiten entwickelt wurden.
Ihre Aufnahme in das DiGA-Verzeichnis
erfordert eine umfassende Bewertung
durch das Bundesinstitut für Arzneimittel
und Medizinprodukte (BfArM) [4], die die
Überprüfung der Herstellerangaben zu
Datenschutz, Interoperabilität, Benutzerfreundlichkeit und den Nachweis positiver
Versorgungseffekte umfasst.
Der Einsatz von DiGAs in einem Behandlungssetting wird zunehmend in evidenzbasierten Behandlungsleitlinien, beispielsweise für die Depression, empfohlen
[9, 3]. Hier finden sich Soll-Empfehlungen
für den Einsatz von digitalen Interventionen. Für DiGAs wird, ähnlich wie für Arzneimittel, eine spezifische Patienten- und
Fachinformation bereitgestellt, die sicherheitsrelevante Angaben sowie detaillierte Informationen zur Evidenzlage enthält
und bei einer informierten Entscheidungsfindung unterstützen soll [10].
Evidenzlage und Unterstützung bei
informierter Entscheidungsfindung
Lehrformat zur Weiterbildung in
angewandter digitaler Medizin
Das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG),
eingeführt im Jahr 2019, schuf in Deutschland einen rechtlichen Rahmen für die
App auf „Rezept“, der es Ärzt:innen und
Psychotherapeut:innen ermöglicht, digi-
Der Kurs „Fetale MRT von Kopf bis Fuß
und von der Wissenschaft zur Anwendung“
besteht aus acht theoretischen Modulen
(zwei pro Semester). Die Hauptthemen
werden in den Kurs eingebracht: fetale MR-
Grundlagen (Physik, Sequenzen, Artefakte
bei 1,5 und 3 T), Normalbefunde (Gehirn,
Körper und Plazenta, Anatomie und Embryologie), fortgeschrittene Techniken der
fetalen MRT (Traktographie, atlasbasierte
Bildgebung, „quantitative magnetic resonance imaging“ – MRI, „blood oxygenation level dependent functional magnetic
resonance imaging“ – BOLD fMRI), ergänzende Rolle zur Sonographie (Stärken und
Schwächen beider Methoden), fetale Neuroradiologie (Ultraschall und additive MRITechniken, Gehirn und Wirbelsäule, zwei
Module), Fetal Body Imaging (Ultraschall
und additive MRI-Techniken), Herz-undPlazenta-Bildgebung (Ultraschall und additive MR-Tec (...truncated)