Molecular Pharming–Produktion von Biopharmazeutika in Pflanzen
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BI O T ECH NOLOGIE
Pflanzenbiotechnologie
Molecular Pharming – Produktion von
Biopharmazeutika in Pflanzen
PAUL ALEXANDER NIEDERAU, RALF RESKI
PFLANZENBIOTECHNOLOGIE, UNIVERSITÄT FREIBURG
The moss Physcomitrella is a promising production platform for green
biopharmaceuticals. To further increase production yields of this platform, we identified terminator sequences to be used in future applications. In addition, we investigated which attributes make a terminator
a good choice for biomanufacturing. Overall, our results improve plantbased biotechnology platforms and further our understanding of how
terminators influence gene expression in plants in general.
DOI: 10.1007/s12268-024-2174-1
© Die Autoren 2024
ó Der Markt für die Produktion von Biopharmazeutika hat ein prognostiziertes
Potenzial von 3 Billionen US-Dollar in den
Jahren 2030–2040 [1]. Darüber hinaus hat
die COVID-19-Pandemie die Notwendigkeit
für innovative und vielseitige Forschung im
Bereich der Biotechnologie vor Augen
geführt. Während der Großteil der Produktion in Mikroben oder Säugetierzellen erfolgt,
A
sind Pflanzen eine attraktive Alternative für
die Produktion von eukaryotischen Proteinen
[2].
Pflanzenbasierte Produktionssysteme operieren bei niedrigen Kosten, besitzen hohe
Skalierbarkeit und sind frei von für den Menschen gefährlichen Pathogenen und Endotoxinen [3]. Ein populäres Pflanzensystem ist
das Laubmoos Physcomitrella (Physcomi-
B
trium patens). Die Produktion in Physcomitrella findet in dem haploiden Entwicklungsstadium, dem Protonema, statt, das durch
sein fädiges Wachstum gekennzeichnet ist
(Abb. 1A). Der einfache Chromosomensatz
sowie die hohe Rate für homologe Rekombination erlauben das präzise Ausschalten und
Einbringen von Genen [4]. Dies erleichtert
die Veränderung der pflanzenspezifischen
Glykosylierung von rekombinanten Proteinen zu einer humanspezifischen Glykosylierung [5]. Diese Anpassung der posttranslationalen Modifikationen von Proteinen in
Physcomitrella ist essenziell für die Effizienz
und Wirksamkeit von in Pflanzen produzierter Biopharmazeutika. Das Protonema wird
in Photobioreaktoren kultiviert (Abb. 1B).
Diese funktionieren ähnlich wie bei Mikroben oder Säugetierzellen, jedoch besteht die
Energiequelle aus Licht, das über Photosynthese zu Zuckern umgewandelt wird. Den
Moosbioreaktoren werden keine Antibiotika
oder tierischen Produkte zugefügt, sodass die
so produzierten Pharmazeutika als vegan
angesehen werden können, selbst wenn es
sich um Proteine des Menschen handelt. Die
Kultivierung von Physcomitrella in Photobioreaktoren ist konform mit den Vorschriften
der Guten Herstellungspraxis (GMP) und
entspricht damit den gesetzlichen Standards
für die Produktion von Medikamenten. Das
erste im Moos hergestellte Protein wurde von
den Behörden zur Testung an Menschen
zugelassen und hat in einer klinischen Studie bereits sehr erfolgreich die erste klinische Phase absolviert [6].
Der Terminator – ein essenzielles
Element der Proteinbiosynthese
˚ Abb. 1: Das Laubmoos Physcomitrella. A, Die Protonemazellen des Mooses Physcomitrella
wachsen als fädiges Geflecht und weisen einen haploiden Chromosomensatz auf. B, Die Mooszellen werden in 5-L-Photobioreaktoren kultiviert. Das LED-Licht und CO2 werden über Photosynthese in Zucker umgewandelt und dienen dem Moos als Energiequelle.
Die Proteinbiosynthese beschreibt die Synthese von Proteinen und besteht aus zwei
Schritten. Während der Transkription wird
die DNA, die für ein bestimmtes Protein
codiert, abgelesen und eine Kopie erstellt, die
Boten-RNA (mRNA). In der Translation wird
der Code der mRNA übersetzt und das entsprechende Protein synthetisiert. Diesen
Prozess macht man sich in der Biotechnologie zunutze indem man Zellen, z. B. Bakterien, Hefen oder auch Pflanzenzellen, nutzt,
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um Proteine für verschiedenste Anwendungen zu produzieren. Dieser Prozess ist komplex und wird von einer Reihe unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Diese Faktoren zu
kennen und zu verstehen, ermöglicht uns,
diesen Prozess effizienter zu gestalten und
vielfältige Produkte herzustellen [7].
Terminatoren sind ein wichtiges Element
zur Steuerung der Proteinbiosynthese und
folgen auf die Protein-codierende Sequenz
eines Gens [8]. Während der Transkription
geben sie das Ende des Ableseprozesses vor
und leiten die Spaltung der mRNA ein. Polyadenylierungssignale im Terminator leiten
das Anfügen von >20 Adenin-Basen an die
Schnittstelle ein, die Polyadenylierung, und
stabilisieren die entstandene mRNA [9]. Bei
der anschließenden Translation rekrutieren
der Poly-A-Schwanz und andere genetische
Elemente die notwendigen Enzyme für
das Ablesen der mRNA und die Synthese des
Proteins. Neben den Promotoren – der
funktionalen Einheit eines Gens, das die
Transkription initiiert – gehören Terminatoren zu grundlegenden genetischen Elementen der Genexpression. Trotzdem wurde ihr
Potenzial zur Verbesserung der Produktion
rekombinanter Proteine lange vernachlässigt.
Multifaktorielle Analyse von
Terminatoren in Physcomitrella
In unserer aktuellen Studie [10] haben
wir 14 neue Terminatoren aus den über
53.000 Kandidaten des Moosgenoms selektiert. Die Auswahl erfolgte anhand verschiedener Kriterien, z. B. der Abundanz der entsprechenden mRNA, der Funktion des codierten Proteins und der Länge des Terminators.
Im Anschluss testeten wir den Effekt der
ausgewählten Kandidaten auf die Proteinbiosynthese in Physcomitrella. Dazu kombinierten wir die Terminatoren mit einem Luciferase-Gen und schleusten die Luciferase-Terminatorsequenzen in Mooszellen ein. Die translatierten Luciferaseproteine geben ein starkes Lichtsignal von sich, die Biolumineszenz,
das wir auslesen können und das uns ermöglicht, Rückschlüsse auf den verwendeten
Terminator zu ziehen. Der Vergleich mit viel
genutzten Terminatoren ergab, dass neun
der 14 Terminatoren die gleichen Expressionsstärken erzielten und somit interessant
für die weitere biotechnologische Anwendung sind. Zur Validierung wurden die Terminatoren mit zwei anderen Promotoren
kombiniert und abermals getestet. Das
Ergebnis bestätigte zwar die positiven EffekBIOspektrum | 03.24 | 30. Jahrgang
˚ Abb. 2: Die Hauptkomponentenanalyse veranschaulicht komplexe Zusammenhänge mehrerer
Faktoren. Spitze Winkel zwischen zwei Vektoren deuten auf einen starken Zusammenhang der
Faktoren hin. Winkel von ca. 90° deuten auf einen fehlenden Zusammenhang hing. Unsere Daten
zeigen, dass die Anzahl der Poly-A-Signale einen starken Effekt auf die Höhe der gemessenen
Luciferase-Signale hat.
te der ausgewählten Terminatoren, zeigte
jedoch auch, dass Promotoren in Physcomitrella wesentlich stärkere Modulatoren der
Proteinbiosynthese sind als Terminatoren.
In einem weiteren Experiment testeten wir
Doppelterminatoren bestehend aus zwei gleichen oder unterschiedlichen Einzelterminatoren. Das Ergebnis zeigt, dass Doppelterminatoren das Potenzial haben, die Produktausbeute weiter zu steigern. Obwohl die Mechanismen der Doppelterminatoren (...truncated)