Das universelle Hörscreening von Neugeborenen

HNO, Jan 2009

Prof. Dr. S. Hoth

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Das universelle Hörscreening von Neugeborenen

- > Das universelle Hrscreening von Neugeborenen ist als verbindliche Leistung festgeschrieben worden Vorausgegangen sind wichtige Pionierleistungen, die mit den (in alphabetischer Reihenfolge genannten) Namen Jochen Bretschneider, Wolfgang Delb, Thomas Lenarz, Katrin Neumann, Peter Plinkert, Gnter Reuter, Rainer Schnweiler und Wafaa Shehata-Dieler verbunden sind. Fr die Leistungen dieser Protagonisten des Neugeborenen-Hrscreenings sind die verdienten Lorbeeren bereits vergeben worden; was jetzt zu tun bleibt, ist die harte und weniger dankbare Arbeit der Umsetzung in der Flche. Hierbei treten unzhlige Fragen, Schwierigkeiten und Hindernisse auf, bei deren Beantwortung, Bewltigung und berwindung einerseits auf die Pionierleistungen zurckgegriffen werden kann, andererseits aber auch ein hohes Ma an eigener Kreativitt gefordert ist. Gem einer von Schnweiler verffentlichten bersicht ist das universelle Neugeborenen-Hrscreening (UNHS) nur in 5 Bundeslndern bzw. Stadtstaaten flchendeckend etabliert, im Rest der Republik existiert das UNHS entweder noch nicht flchendeckend oder es bestehen nur rtliche oder keine Aktivitten bis hin zu Absichten. Diese Situation wird sich sehr schnell ndern mssen; das vorliegende Themenheft mge dabei Hilfestellung leisten. Das im Beschluss des G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss der rzte und Krankenkassen) und in den Richtlinien des Bundesausschusses der rzte und Krankenkassen ber die Frherkennung von Krankheiten (Kinderrichtlinien) verankerte Ziel der Bestrebungen besteht in der Erkennung beidseitiger Hrstrungen ab einem Hrverlust von 35 dB bis zum Ende des 3. Lebensmonats und der Einleitung einer entsprechenden Therapie bis zum Ende des 6. Lebensmonats. Der Beschlusstext regelt die Durchfhrung der Screening-Untersuchungen, die Qualittsanforderungen und die Dokumentation im gelben Untersuchungsheft. Es wird festgelegt, dass die Leistungserbringer ab 01.01.2009 einmal jhrlich eine Sammelstatistik zu fhren haben, aus der die Gesamtzahl der Neugeborenen, die Zahl der getesteten Neugeborenen und die Zahl der Neugeborenen mit nicht unaufflligen Ergebnissen hervorgeht. Diese Statistik ist auf Anfrage der vom G-BA fr die Evaluation bestimmte Stelle zur Verfgung zu stellen. Die Erfllung der Anforderungen in Hinblick auf Erfassungsgrad und Refer-Rate sowie ihre lckenlose Dokumentation stellt ohne Frage fr eine groe Zahl von geburtshilflichen Einrichtungen eine gewaltige Herausforderung dar. Gesundheitspolitische Dimension Die Prvalenz spracherwerbrelevanter (beidseitiger) angeborener Hrstrungen liegt, wie von Gnter Reuter et al. in diesem Heft nher ausgefhrt wird, bei 12 Fllen unter 1000 Neugeborenen in der Normalpopulation; bei Kindern mit spezifischen Risikofaktoren (zu denen in erster Linie Frhgeburtlichkeit und prnatale Infektionen gehren) liegt die Prvalenz um etwa so viel hher (angegeben werden 24%), dass die absolute Zahl von Hrstrungen in beiden Gruppen etwa gleich ist. Dies hat die Folge, dass ein gezieltes, auf Risikokinder beschrnktes Hrscreening (targeted screening) nur etwa die Hlfte der Flle erfassen wrde. Daher ist es unumgnglich, das Hrscreening universell zu konzipieren, wodurch sich der Aufwand erheblich erhht. In der Folge mssen mindestens etwa 500 Kinder untersucht werden, um eine einzige Hrstrung ausfindig zu machen. Der reine Screening-Aufwand fr die Detektion dieser einen Hrstrung beluft sich auf 42005700 EUR nach Hoth und Neumann (eine differenzierte Analyse der mit dem Screening verbundenen Kosten stellen Peter Bttcher et al. in einem der Beitrge zu diesem Heft vor). Zu den direkten Ausgaben fr die Screening-Untersuchungen kommt der Aufwand fr die pdaudiologische Folgediagnostik bei dem betroffenen Kind und, wegen der begrenzten Spezifitt der Screening-Untersuchungen, bei etwa 19 weiteren Kindern. Dem betroffenen Kind werden technische Hilfsmittel zuteil von der einseitigen Hrgerteversorgung bis zur binauralen Versorgung mit Kochleaimplantaten und es wird, je nach Schweregrad, einer Frhfrderung zugefhrt. Dem stehen die hheren Folgekosten zu spt erkannter angeborener Hrstrungen gegenber: Hr- und Sprachtherapie im Kindesalter, sonderpdagogische Beschulung, Hindernisse in der Ausbildung und engere Grenzen in der beruflichen Qualifikation mit der Folge eines lebenslangen Einkommensverlusts. Auch wenn es dem Autor widerstrebt, die Argumentation zugunsten der Versorgung von Hrstrungen auf die monetre Ebene zu reduzieren, so muss doch dem Umstand Rechnung getragen werden, dass einige entscheidungstragende Instanzen eine Projektion des ohne Zweifel sehr vielschichtigen Problems auf die eindimensionale, in Einheiten von EUR oder US-$ geteilte Achse fordern, bevor sie einer mit Kosten verbundenen Manahme zustimmen. Wird dieser Forderung Genge geleistet, so zeigt sich, dass die hohen Kosten eines universellen Frherkennungssystems fr angeborene Hrstrungen schon allein durch die Einsparungen bei weitem aufgewogen werden. Weniger berschaubar als Geldbetrge, aber dennoch offensichtlich und jedem Leser dieser Zeitschrift bewusst sind die fr den Betroffenen resultierenden und akkumulierenden Folgeschden einer nicht rechtzeitig erkannten und versorgten Hrstrung. Neben der rein kognitiven Unterversorgung ist hier eine Verzgerung oder ein bleibendes Defizit in der Sprachentwicklung ebenso zu nennen wie die gravierende Beschrnkung in der Nutzung und im Ausbau der intellektuellen Kapazitten. Darber hinaus wirkt sich die eingeschrnkte oder fehlende Fhigkeit zur lautsprachlichen Kommunikation nachteilig auf die emotionale und psychosoziale Situation des Kindes aus. Von den Instanzen, die sich primr mit dem Euro und seiner Einsparung beschftigen, wird gern die Vorlage wissenschaftlicher Evidenz gefordert. Leider ist es aber gar nicht so einfach, diese Forderung zu erfllen und den langfristigen Vorteil der Frherkennung und -versorgung von Hrstrungen anhand des zurckgebliebenen Sprachstands von Kindern, die in Zeiten oder Regionen ohne Neugeborenen-Hrscreening geboren sind, zu belegen. Glcklicherweise wurde die Verabschiedung des aktuellen G-BA-Beschlusses durch diesen Konflikt ebenso wenig verhindert wie durch das grundstzliche Dilemma, dass Frherkennung und Versorgung zwar von den Krankenkassen bezahlt werden, die Einsparungen aber nicht den Kostentrgern, sondern der ffentlichen Hand zugute kommen. Volkswirtschaftlich betrachtet steht der Nutzen des Neugeborenen-Hrscreenings auer Zweifel, bei betriebswirtschaftlicher Betrachtung hingegen ist der Standpunkt des Beobachters entscheidend. Eingedenk dieser Verflechtungen nimmt es nicht wunder, dass die Verankerung des Neugeborenen-Hrscreenings im Gesundheitswesen viel Zeit beansprucht hat. Meilensteine auf dem Weg zu diesem Ziel waren die European Consensus Development Conference on Neonatal Hearing Screening (Mailand 1998) und auf internationaler Ebene die in zahlreichen position statements festgehaltene Arbeit des Joint Committee on Infant Hearing (JCIH). In Deutschland hat die Interdisziplin (...truncated)


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Prof. Dr. S. Hoth. Das universelle Hörscreening von Neugeborenen, HNO, 2009, pp. 5-8, Volume 57, Issue 1, DOI: 10.1007/s00106-008-1880-1