Das universelle Hörscreening von Neugeborenen
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> Das universelle Hrscreening
von Neugeborenen ist
als verbindliche Leistung
festgeschrieben worden
Vorausgegangen sind wichtige
Pionierleistungen, die mit den (in alphabetischer
Reihenfolge genannten) Namen Jochen
Bretschneider, Wolfgang Delb, Thomas
Lenarz, Katrin Neumann, Peter Plinkert,
Gnter Reuter, Rainer Schnweiler und
Wafaa Shehata-Dieler verbunden sind.
Fr die Leistungen dieser Protagonisten
des Neugeborenen-Hrscreenings sind
die verdienten Lorbeeren bereits vergeben
worden; was jetzt zu tun bleibt, ist die
harte und weniger dankbare Arbeit der
Umsetzung in der Flche. Hierbei treten
unzhlige Fragen, Schwierigkeiten und
Hindernisse auf, bei deren Beantwortung,
Bewltigung und berwindung einerseits
auf die Pionierleistungen
zurckgegriffen werden kann, andererseits aber auch
ein hohes Ma an eigener Kreativitt
gefordert ist.
Gem einer von Schnweiler
verffentlichten bersicht ist das universelle
Neugeborenen-Hrscreening (UNHS)
nur in 5 Bundeslndern bzw. Stadtstaaten
flchendeckend etabliert, im Rest der
Republik existiert das UNHS entweder
noch nicht flchendeckend oder es
bestehen nur rtliche oder keine
Aktivitten bis hin zu Absichten. Diese
Situation wird sich sehr schnell ndern
mssen; das vorliegende Themenheft mge
dabei Hilfestellung leisten.
Das im Beschluss des G-BA
(Gemeinsamer Bundesausschuss der rzte und
Krankenkassen) und in den Richtlinien
des Bundesausschusses der rzte und
Krankenkassen ber die Frherkennung
von Krankheiten (Kinderrichtlinien)
verankerte Ziel der Bestrebungen besteht
in der Erkennung beidseitiger
Hrstrungen ab einem Hrverlust von 35 dB
bis zum Ende des 3. Lebensmonats und
der Einleitung einer entsprechenden
Therapie bis zum Ende des 6.
Lebensmonats.
Der Beschlusstext regelt die
Durchfhrung der Screening-Untersuchungen,
die Qualittsanforderungen und die
Dokumentation im gelben
Untersuchungsheft. Es wird festgelegt, dass die
Leistungserbringer ab 01.01.2009 einmal
jhrlich eine Sammelstatistik zu fhren
haben, aus der die Gesamtzahl der
Neugeborenen, die Zahl der getesteten
Neugeborenen und die Zahl der Neugeborenen
mit nicht unaufflligen Ergebnissen
hervorgeht. Diese Statistik ist auf Anfrage der
vom G-BA fr die Evaluation bestimmte
Stelle zur Verfgung zu stellen. Die
Erfllung der Anforderungen in Hinblick auf
Erfassungsgrad und Refer-Rate sowie
ihre lckenlose Dokumentation stellt ohne
Frage fr eine groe Zahl von
geburtshilflichen Einrichtungen eine gewaltige
Herausforderung dar.
Gesundheitspolitische Dimension
Die Prvalenz spracherwerbrelevanter
(beidseitiger) angeborener
Hrstrungen liegt, wie von Gnter Reuter et al. in
diesem Heft nher ausgefhrt wird, bei
12 Fllen unter 1000 Neugeborenen in
der Normalpopulation; bei Kindern mit
spezifischen Risikofaktoren (zu denen in
erster Linie Frhgeburtlichkeit und
prnatale Infektionen gehren) liegt die
Prvalenz um etwa so viel hher (angegeben
werden 24%), dass die absolute Zahl
von Hrstrungen in beiden Gruppen
etwa gleich ist. Dies hat die Folge, dass ein
gezieltes, auf Risikokinder beschrnktes
Hrscreening (targeted screening) nur
etwa die Hlfte der Flle erfassen wrde.
Daher ist es unumgnglich, das
Hrscreening universell zu konzipieren, wodurch
sich der Aufwand erheblich erhht. In der
Folge mssen mindestens etwa 500
Kinder untersucht werden, um eine einzige
Hrstrung ausfindig zu machen. Der
reine Screening-Aufwand fr die
Detektion dieser einen Hrstrung beluft sich
auf 42005700 EUR nach Hoth und
Neumann (eine differenzierte Analyse der mit
dem Screening verbundenen Kosten
stellen Peter Bttcher et al. in einem der
Beitrge zu diesem Heft vor).
Zu den direkten Ausgaben fr die
Screening-Untersuchungen kommt der
Aufwand fr die pdaudiologische
Folgediagnostik bei dem betroffenen Kind
und, wegen der begrenzten Spezifitt der
Screening-Untersuchungen, bei etwa 19
weiteren Kindern. Dem betroffenen Kind
werden technische Hilfsmittel zuteil
von der einseitigen Hrgerteversorgung
bis zur binauralen Versorgung mit
Kochleaimplantaten und es wird, je nach
Schweregrad, einer Frhfrderung
zugefhrt. Dem stehen die hheren
Folgekosten zu spt erkannter angeborener
Hrstrungen gegenber: Hr- und
Sprachtherapie im Kindesalter,
sonderpdagogische Beschulung, Hindernisse in der
Ausbildung und engere Grenzen in der
beruflichen Qualifikation mit der Folge
eines lebenslangen Einkommensverlusts.
Auch wenn es dem Autor widerstrebt,
die Argumentation zugunsten der
Versorgung von Hrstrungen auf die monetre
Ebene zu reduzieren, so muss doch dem
Umstand Rechnung getragen werden,
dass einige entscheidungstragende
Instanzen eine Projektion des ohne Zweifel
sehr vielschichtigen Problems auf die
eindimensionale, in Einheiten von EUR oder
US-$ geteilte Achse fordern, bevor sie
einer mit Kosten verbundenen Manahme
zustimmen. Wird dieser Forderung
Genge geleistet, so zeigt sich, dass die
hohen Kosten eines universellen
Frherkennungssystems fr angeborene
Hrstrungen schon allein durch die Einsparungen
bei weitem aufgewogen werden.
Weniger berschaubar als
Geldbetrge, aber dennoch offensichtlich und
jedem Leser dieser Zeitschrift bewusst sind
die fr den Betroffenen resultierenden
und akkumulierenden Folgeschden
einer nicht rechtzeitig erkannten und
versorgten Hrstrung. Neben der rein
kognitiven Unterversorgung ist hier eine
Verzgerung oder ein bleibendes
Defizit in der Sprachentwicklung ebenso zu
nennen wie die gravierende
Beschrnkung in der Nutzung und im Ausbau der
intellektuellen Kapazitten. Darber
hinaus wirkt sich die eingeschrnkte oder
fehlende Fhigkeit zur lautsprachlichen
Kommunikation nachteilig auf die
emotionale und psychosoziale Situation des
Kindes aus. Von den Instanzen, die sich
primr mit dem Euro und seiner
Einsparung beschftigen, wird gern die
Vorlage wissenschaftlicher Evidenz gefordert.
Leider ist es aber gar nicht so einfach,
diese Forderung zu erfllen und den
langfristigen Vorteil der Frherkennung und
-versorgung von Hrstrungen anhand
des zurckgebliebenen Sprachstands von
Kindern, die in Zeiten oder Regionen
ohne Neugeborenen-Hrscreening geboren
sind, zu belegen.
Glcklicherweise wurde die
Verabschiedung des aktuellen
G-BA-Beschlusses durch diesen Konflikt ebenso
wenig verhindert wie durch das
grundstzliche Dilemma, dass Frherkennung
und Versorgung zwar von den
Krankenkassen bezahlt werden, die Einsparungen
aber nicht den Kostentrgern, sondern
der ffentlichen Hand zugute kommen.
Volkswirtschaftlich betrachtet steht der
Nutzen des Neugeborenen-Hrscreenings
auer Zweifel, bei betriebswirtschaftlicher
Betrachtung hingegen ist der Standpunkt
des Beobachters entscheidend. Eingedenk
dieser Verflechtungen nimmt es nicht
wunder, dass die Verankerung des
Neugeborenen-Hrscreenings im
Gesundheitswesen viel Zeit beansprucht hat.
Meilensteine auf dem Weg zu diesem Ziel waren
die European Consensus Development
Conference on Neonatal Hearing
Screening (Mailand 1998) und auf
internationaler Ebene die in zahlreichen position
statements festgehaltene Arbeit des Joint
Committee on Infant Hearing (JCIH).
In Deutschland hat die Interdisziplin (...truncated)