Ökotoxikologische Wirkungsabschätzung
Modelle und Methoden
Okotoxikologie
Modelle und Methoden
Okotoxikologische Wirkungsabschitzung
oo
Das Problem der Extrapolation auf Okosysteme
A priori Annahmen und Ungewif~heiten
Karin Mathes
Universitat Bremen, Zentrum fiir Umweltforschung und Umwelttechnologie, Postfach 330440, D-28334 Bremen
Zusammenfassung
Um die Umweltgefahrlichkeit einer Chemikalie prospektiv beurteilen zu k6nnen, sind sowohl hinsichtlich der Exposition als auch hinsichtlich der Wirkung Extrapolationen fiir die Ebene des Okosystems erforderlich. Im Bereich der Wirkungsabschatzung stehen
hierzu drei verschiedene Modelltypen zur Verfiigung: die Quotientenmethode, die Verteilungsmethode und die Methode der Computersimulation. Es werden die for den Wirkungsaspekt zugrundegelegten Prinzipien beschrieben und die dahinter stehenden Annahmen mit dem Ziel diskutiert, verschiedene Kategorien von Unsicherheiten bzw. Ungewiflheiten abzugrenzen. Sie reichen yon solchen, die sich aus der Ausblendung bekannter, aber nicht quantifizierbarer Einfluf~gr6f~enwie Kombinationswirkungen ergeben, fiber
solche, die aus unrealistischen oder nicht validierten Annahmen resultieren, bis hin zu solchen, die aus den Charakteristika yon Okosystemen selbst ableitbar sin& Diejenigen Risiken, die sich aus der
begrenzten Vorhersagbarkeit 6kologischer Zusammenhfinge und
dernur partiellen Kenntnis der Gesamtheit der Wirkungsbeziehungen ergeben, sollten in Zukunft rechtlich-administrativ starker
Beriicksichrigung finden. Vorschliige zur Realisierung eines am Vorsorgeprinzip orientierten Umgangs sowohl in Hinblick auf administrative Entscheidungsstrategien als auch die Rechtskonzeption werden vorgestellt.
Schlagw6rter: Computersimulation; Extrapolationsmodell; Okosystem; Okotoxikologie; 6kotoxikologische Modelle; Prognose;
Quotientenmethode; Risikoabschatzung; Ungewif~heit;Verteilungsmethode; Vorsorgeprinzip; Wirkungsabschatzung
Abstract
Ecotoxicological Effect Assessment The Problem of Extrapolation to Ecosystems:
A priori Assumptions and Uncertainties
Extrapolation is one of the most severe problems in ecotoxicological risk assessment. The protection of the environment requires the
prediction of exposure to the ecosystem as well as the resulting
changes in structural and functional properties. Three types of extrapolation models for effect assessment are discussed: ratio tests,
empirical statistical models and the computer simulation of mathematical models. It has been demonstrated that the extrapolations
used to regulate the release of chemicals into the environment are
not supported scientifically.Aside from unrealistic or invalidated assumptions, problems are seen to result from the irreducible uncertainties inherent in the prediction of such ecological effects. Keeping
precautionary principles in mind, some consequences concerning
UWSF - Z. Umweltchem. Okotox. 9 (1) 1%23 (1997)
© ecomed vertagsgesellschaft AG & Co.KG Landsberg
the decision-making processes in pre or post-marketing regulation
as well as the legal aspects of such processes are introduced.
Keywords: Computer simulation; extrapolation model; ecosystems;
ecotoxicology; ecotoxicological models; prognosis; effect assessment; empirical statistical model; precaution principle; risk assessment; uncertainties
1 Einfiihrungund Problemstellung
Die Giite der im Rahmen der staatlichen Chemikalienkontrolle d u r c h z u f i i h r e n d e n 6 k o t o x i k o l o g i s c h e n R i s i k o a b sch/itzung ist eng mit dem U b e r t r a g b a r k e i t s p r o b l e m verknfipft: Wenn die Frage nach der Umweltgeffihrlichkeit einer Chemikalie gestellt wird, sind u.a. Absch~itzungen fiJr
die Organisationsebene des Okosystems erforderlich. Er6rterungen zum Schutzgut N a t u r h a u s h a l t / U m w e l t belegen
aus rechtlicher (WINTER 1995) und aus naturwissenschaftlich-6kologischer Sicht (SRU 1987, WEIDEMANN und MATHES 1991), daf~ das Okosystem zumindest einen wichtigen
Aspekt des Schutzgutes abbildet. A n n a h m e n und Modelle
mittels derer die erforderlichen Absch~tzungen vorgenommen werden, bauen darauf auf, eine Umweltgef~ihrlichkeit
dann anzunehmen, wenn die zu erwartende Exposition in
die N~he der W i r k k o n z e n t r a t i o n r 6 c k t ( O E C D 1989,
SCHON 1991). Um die Umweltgef~ihrlichkeit beurteilen zu
k6nnen, sind sowohl hinsichtlich der Exposition als auch
hinsichtlich der W i r k u n g Extrapolationen yon bekannten
Verh~iltnissen auf unbekannte erforderlich. Aufgrund vereinfachter und d a m i t in ihrer Komplexit~it reduzierter Versuchsansfitze miissen Aussagen fiir reale Okosysteme getroffen werden. Ein zus~itzliches P r o b l e m besteht darin,
daf~ in Okosystemen immer mit K o m b i n a t i o n s w i r k u n g e n
verschiedener Chemikalien zu rechnen ist. Hierdurch wird
die P r o g n o s e m 6 g l i c h k e i t zusStzlich erschwert. Bei ca.
100 000 N o x e n , die in die Umwelt gelangen, sind ,,nahezu
unendlich" viele Kombinationen m6glich. Selbst wenn man
von jedem Gemisch wiif~te wie es wirkt, diirfte auch schon
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()kotoxikologie
eine Abschfitzung, was wo in welchen Mengen zusammentrifft, mit enormen Unsicherheiten verbunden sein. So heif~t
es in einer 1990 im Auftrag der EG durchgefiihrten Studie
zu den Stoffen der Liste I der EG-Richtlinie 76/464/EWG
(EURECO 1990): ,,Ein wichtiger Teil der Arbeit war die
Priifung der Informationen zu Produktionsmengen und
Produktionsstiitten. Zwar konnte der in- und ausliindischen Literatur, den Berichten der internen Gutachten fiir
die meisten Stoffe Angaben entnommen werden, doch waren diese widerspriichlich, veraltet/iiberholt oder es fehlte
jegliche Angabe, ob es sich um Produktions- oder Kapazitdtsdaten handelt bzw. aus welchem Jahr die Angabe
stammt. Insofern muflten umfangreiche Nachforschungen
bei den nationalen Chemieverbdnden, teilweise bei den einzelnen Unternehmen unternommen werden. Die Ergebnisse dieser Nachforschungen weisen eindeutig darauf bin,
daft Produktionsdaten aus der europdischen Chemieindustrie groflen Fluktuationen unterliegen, so daft die in welcher Literatur auch immer zu findenden Angaben allenfalls
eine allgemeine Vorstellung zu der mengenmiifligen Bedeutung des Stoffes vermitteln k6nnen."
Mit Expositionsabschfitzungen, insbesondere diffuser Eintr/ige, und mit Kombinationswirkungen verbundene Ungewif~heiten werden im Rahmen der administrativen Chemikalienkontrolle ebenso wenig beriicksichtigt, wie diejenige
Ungewit~heit, die aus unrealistischen oder nicht validierten
Annahmen resultiert. Anhand der Modelle zur Wirkungsabsch~itzung sollen deren a priori-Annahmen dargestellt
und diskutiert sowie die daraus ableitbaren Konsequenzen
skizziert werden. Es werden nicht experimentelle Extrapolationsmethoden wie Mikro- und Mesokosmen, sondern
theoretische Modelle er6rtert. Im Zentrum stehen dabei
ihre jeweiligen Grenzen, mit dem Ziel, die Notwendigkeit
verwaltungsstrategischer und rechtlicher Modifikationen
zu motivieren.
2
Extrapolationsmodelle
2.1
Die Quotientenmethode
Das am h~iuf (...truncated)