Zur wissenschaftlichen Arbeit der Anstalt
4. Z u r w i s s e n s c h a f t l i c h e n A r b e i t d e r A n s t a l t
4.1.
Allgemeine
Bemerkungen
Der Rahmen fiir die wissenschaftliche Arbeit der Anstalt war bereits 1876 in der
,,Denkschrift betreffend die Errichtung einer biologischen Anstalt auf Helgoland" festgelegt
worden. Schwerpunkt der geplanten Forschungsarbeit sollten alle Fragen sein, die mit der
Fischerei zusammenh~ingen. Sie wurden im Abschnitt ,Aufgaben der reinen Biologie" so
zusammengefa/3t:
- die Erforschung der Fischgriinde der Nordsee auf ihre Bodenbeschaffenheit, ihre
Tierwelt und die Produktion an Nutzfischen;
- systematische Versuche mit der ktinstlichen Aufzucht von Nutzfischen (einschliel3lich Hummern);
- Ermittlungen zur Festsetzung der Schonma~regeln und Schonzeiten ftir Nutzfische;
- monographische Bearbeitung der wichtigsten Nutzfische der deutschen Meere
(Hering, Aal, Schellfisch, Scholle usw.), namentlich ihre Entwicklung, Ernahrung
und Wanderungen.
Als allgemeine Aufgaben wurden genannt:
- die Erforschung der ganzen Nordsee, insbesondere der Meeresumgebung von Helgoland nach der physikalisch-chemischen, geologischen und zoologisch-botanischen
Seite hin;
- die Untersuchung besonders wichtiger Erscheinungen im Leben des Meeres wie
Meeresleuchten, das Auftreten gr6Berer Schw~irme usw.;
- die Erforschung des Plankton als Urproduktion des Meeres;
- die Erforschung der Geologie, der Landfauna und Landflora von Helgoland.
Dieses Programm war sehr umfangreich und nicht alle Vorhaben konnten von den wenigen Mitarbeitern mit gleicher Intensit~it bearbeitet werden. Schwerpunkt war die
Fischereibiologie. Auf diesem Gebiet konnte an betrachtliche Vorleistungen von Mitarbeitern angekntipft werden.
So hatte Heincke bis 1892 fiber dreil]ig Arbeiten vorgelegt (vgl. Ehrenbaum 1922), yon
denen sich mehrere mit dem Hering (Clupeaharengus) befa/]ten. Auch Ehrenbaum konnte
bereits auf eine Vielzahl yon Arbeiten verweisen, die sich sowohl mit der praktischen
Fischerei als auch mit zoologischen Themen im engeren Sinne befaBten (vgl. Ltiling 1949).
An ihre Ergebnisse konnten sp~itere Mitarbeiter der Anstalt anschlieBen. Anders war es
mit den Arbeiten zur Planktonforschung. Hier gab es zu Anfang groBe Schwierigkeiten, die
von Hensen ausgearbeiteten Methoden anzuwenden. Auch die im Programm angefiihrten
geologischen Arbeiten spielten kaum eine Rolle und beschr~inkten sich auf Erdbebenmessungen. Im Keller des Anstaltsgebaudes ,Kaiser von Deutschland" befand sich eine Erdbebenstation, die vom Priiparator der Station betreut wurde, auBerdem war die Anstalt fiir
eine meteorologische Station verantwortlich.
Die Umsetzung des Forschungsprogramms bzw. seine Erweiterung war auf Helgoland
nicht n u t yon den technischen M6glichkeiten abh~ngig, sondern in besonderem Mal]e von
den angestellten Mitarbeitern und ihrer Initiative. Paul Kuckuck, ab 1892 als Botaniker
aus Mitteln besch~iftigt, die die K6niglich-PreuBische Akademie der Wissenschaften zur
Verftigung stellte, fiihrte Arbeiten zur Biologie der Algen durch und begrtindete damit die
botanische Tradition der Anstalt. Das Verdienst Hugo Weigolds war es, ab 1910 die ornithologische Forschung an der Anstalt eingefiihrt zu haben. Physiologisch wurde an der Anstalt
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erstmals von Viktor Franz zwischen 1908 und 1910 gearbeitet, die Forschungen erreichten
einen Aufschwung mit der Verbesserung der technischen MSglichkeiten im neuen
Geb~ude.
Die Arbeiten auf dem Gebiet der Fischereizoologie wurden stets dominiert von wirtschaftlichen Zw~ngen, was besonders deutlich w~ihrend und nach dem I. Weltkrieg und im
II. Weltkrieg zum Ausdruck kam. Hier wurde das Forschungsprofit stark eingeengt. So
wurden z. B. die botanischen Arbeiten eingestellt. Der Fischereiforschung, die ffir die
Ern~ihrung der BevSlkerung wichtig war, wurde Vorrang einger~iumt.
Verallgemeinernd l~il]t sich sagen, daft zwischen 1892 und 1945 auf folgenden Gebieten gearbeitet wurde:
- Forschungen zur marinen Biologie (Forschungen zur Systematik, Zoologie, Meeresbotanik);
- Arbeiten im Dienste der internationalen Meeresforschung (Arbeiten zur Systematik
und Entwicklungsgeschichte von Meerestieren als Voraussetzung ffir gezielten
Schutz yon Fischbest~inden, Planktonforschung, Hydrologie, Geologie);
- Ornithologie (insbesondere ab 1902);
- Physiologie von Meerestieren (ab 1910, verst~irkt ab 1921).
Es sollen im folgenden einige Angaben auf der Grundlage von Archivmaterial, vor allem
der Berichte des Direktors, prfizisiert werden. Eine detaiIIierte Analyse der wissenschaftlichen VerSffentlichungen der Mitarbeiter der Anstalt mSge spaterer Arbeit von Fachleuten vorbehalten sein.
4.2. Zu F o r s c h u n g e n a u f ausgew~ihlten Gebieten der m a r i n e n Biologie
In den ersten zehn Jahren des Bestehens der Anstalt, etwa 1892-1902, bemfihte man
sich, Aufbau und Entwicklung der marinen Lebewesen um Helgoland zu erforschen und die
verschiedenen Gruppen mit der Vielfalt ihrer Formen voneinander abzugrenzen. Dabei
stand das Bedfirfnis im Vordergrund, Fauna und Flora der deutschen Heimat besser kennenzuIernen. Dies betraf sowohl die deutschen Meere insgesamt als auch den ,,zur~ickgewonnenen" Raum um Helgoland. Man knfipfte an Arbeiten der ~ilteren Forschergeneration an. Neben morphologischer, entwicklungsgeschichtlicher und systematisch-faunistischer Erforschung der Tierwelt galt es besonders, Lficken in der Lebenskunde mariner
Nutztiere auszuffillen.
Die ersten Untersuchungen yon August bis Oktober 1892 ergaben, dal~ der Reichtum
der Fauna bei Helgoland weir gr613er war, aIs man bisher angenommen hattel Heincke
stellte in diesem Zusammenhang fest, dab inzwischen Stoff fiir die mannigfaltigsten und
umfassendsten Arbeiten gefunden sei. Er hob hervor, dab das Untersuchungsmaterial auf
Grund der gfinstigen Lage der Insel gut zug~inglich ist. Allein die Zahl der Molluskenarten
(Muscheln, Schnecken, Tintenfische), yon denen bis 1890 etwa 100 bekannt waren, betrug
nach Angaben yon Heincke im Jahre 1893 bereits 150.
Er zog daraus in einer .Denkschrift fiber die Wirksamkeit der Biologischen Anstalt"
die SchluBfolgerung, dal3 die Insel als Standort ffir die Forschung vorzfiglich geeignet sei
(8). Hintergrund f~ir diesen rechtfertigenden ,Nachweis" waren vermutlich die langj~ihrigen engagierten Diskussionen fiber den Forschungsstandort Helgoland. Wie aus dem Jahresbericht 1893 des Direktors hervorgeht, waren die ersten Arbeiten der Institutsmitarbeiter Abhandlungen zu Systematik und Lebenskunde von Meeresorganismen. Von Anfang
an nahm die Beobachtung der lebenden Organismen einen besonderen Platz ein. Dabei
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konzentrierte man sich auf die nahere Umgebung der Insel. Dies entsprach einem wissenschaftlichen Bedfirfnis, aber auch den technischen MSgIichkeiten, die zun~ichst nur kurze
Fahrten zuliegen. Da nur zwei sehr kleine Boote zur Verffigung standen, war der Untersuchungsradius gering.
Friedrich Heincke arbeitete fiber Fische mad Weichtiere (Mollusca, s.o.), Clemens
Hartlaub fiber Einzeller (Protozoa), Hohltiere (Coelen (...truncated)