Editorial
Editorial
Trauma Berufskrankh 2013 · 15:5
DOI 10.1007/s10039-013-1933-x
Online publiziert: 14. Februar 2013
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2013
G.O. Hofmann1, 2
1 Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, BG-Kliniken Bergmannstrost, Halle (Saale)
2 Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie, Friedrich-Schiller-Universität Jena
Editorial
Die größte Gruppe der implantatassoziierten Frakturen bilden sicherlich die periprothetischen Verletzungen. Frakturen
im Bereich von implantierten Hüft-, Kniegelenk-, Humeruskopf- und Ellenbogengelenkprothesen sind aufgrund der unvermindert ansteigenden Zahlen entsprechender Primärimplantationen eine unfallchirurgisch-orthopädische Zukunftsaufgabe. Daneben gibt es aber jene kleinere, dafür aber keinesfalls weniger bedeutende Gruppe von implantatassoziierten
Frakturen, die außerhalb der periprothetischen Frakturen als periimplantäre Frakturen bezeichnet werden können. Dieser
traumatologischen Entität ist das vorliegende Heft unserer Zeitschrift Trauma
und Berufskrankheiten gewidmet.
Frakturen, die insbesondere an langen
Röhrenknochen beim Einbringen von
Implantaten entstehen, werfen zunächst
die Frage nach operationstechnischen
Fehlern auf. Eine Auswertung von proximalen Tibiafrakturen bei antegrader und
distalen Humerusschaftfrakturen bei retrograder Marknagelimplantation zeigt in
der Tat häufig Unzulänglichkeiten in der
Planung und Durchführung dieser intramedullären Osteosyntheseverfahren.
Die zunehmende, durch den demografischen Wandel bedingte Prävalenz der Osteoporose im unfallchirurgischen Patientengut lässt aber auch zunehmend Fälle
erkennen, bei denen in der Ex-post-Betrachtung korrekte Implantationstechniken dennoch zum unerwünschten Auftreten einer periimplantären Fraktur führten.
Die Frage, ob nach abgeschlossener
Frakturheilung ein einmal eingebrachtes Osteosyntheseimplantat überhaupt
entfernt werden sollte, ist per se ohnehin
schwierig genug zu beurteilen und stets
eine höchst individuelle Entscheidung im
Einzelfall. Der technische Anspruch an die
reibungslose Durchführung sog. Metallentfernungen ist mit der flächendeckenden Einführung von Titan als Werkstoff
für Osteosyntheseimplantate schon deshalb weiter gestiegen, weil dieser Werkstoff aufgrund der hervorragenden Biokompatibilität des Titans in wesentlich
größerem Maß zu einer Osteointegration des an- oder einliegenden Implantats führen kann als dies Jahrzehnte vorher bei den üblichen Kobalt-Chrom-Nickel-Legierungen als Implantatwerkstoff
der Fall war. Die winkelstabile Kopplung
zwischen dem Kraftträger Platte oder
Marknagel und dem Verriegelungssystem Schraube stellt im Fall einer Kaltverschweißung zwischen den Implantatkomponenten ein weiteres Risiko für die reibungslose Durchführung einer Materialentfernung dar. Diese Umstände lassen
erkennen, dass Materialentfernungen keinesfalls Bagatelleingriffe sind und in jedem einzelnen Fall die Indikationsstellung zu diesem Eingriff einer sorgfältigen
Abwägung des Für und Wider im individuellen Einzelfall bedarf.
Die weitaus größte Gruppe der periimplantären Frakturen aber stellen jene Situationen dar, in denen sich – meist wieder osteoporosebedingt – der Knochen
um das einliegende Implantat als das
schwächste Glied im Werkstoffverbund
Metall-Knochen darstellt. Das Durchschneiden der Schenkelhalsschraube bei
extra- oder intramedullärer Stabilisation hüftgelenknaher Frakturen, das Ausschneiden von Pedikelschrauben bei dorsalen Wirbelkörperinstrumentierungen, das Einwandern von winkelstabilen
Schrauben nach Osteosynthese subkapitaler Humerusfrakturen usw. – all dies sind
Beispiele dafür, dass längst nicht mehr die
technologischen Wertigkeiten der uns zur
Verfügung stehenden Implantate unsere
zu erwartenden Operationsergebnisse limitieren, sondern die Qualität des umliegenden Knochens. Durch Oberflächenvergrößerung der Implantate, durch Verbindung von Kraft- und Formkoppelung
sowie durch Augmentationstechniken
wird diesen Komplikationen entgegengewirkt. Derzeit werden neue Verbundosteosyntheseverfahren entwickelt, was in
den nächsten Jahren ausreichend Raum
für innovative Behandlungskonzepte bieten wird.
Das vorliegende Heft mag einen Einblick in die Problematik der periimplantären Frakturen bieten. Keinesfalls erheben
wir in der Darstellung Anspruch auf allumfassende Vollständigkeit. Unsere Beiträge verstehen sich exemplarisch zur Befeuerung der wissenschaftlichen Fachdiskussion.
Jena und Halle (Saale) im Januar 2013
Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.
Gunther O. Hofmann
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. Dr. G.O. Hofmann
Klinik für Unfall- und
Wiederherstellungschirurgie,
BG-Kliniken Bergmannstrost,
Merseburger Straße 165, 06112 Halle (Saale)
Trauma und Berufskrankheit 1 · 2013
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