Verletzungen der Handwurzel und deren Spätfolgen
Übersichten
Trauma Berufskrankh 2015 · [Suppl 2]:
17:334–337
DOI 10.1007/s10039-015-0022-8
Online publiziert: 21. September 2015
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
Berthold Bickert · Ulrich Kneser
Sektion Handchirurgie, Klinik für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie,
Berufsgenossenschaftliche Klinik Ludwigshafen, Ludwigshafen, Deutschland
Verletzungen der Handwurzel
und deren Spätfolgen
Diagnostik am Handgelenk
Als sich vor einem Vierteljahrhundert die
Handgelenksarthroskopie in der Diagnos
tik von Verletzungen etablierte, erklärten
manche Experten, sie bräuchten dieses
Verfahren nicht. Durch eine saubere Ana
mneseerhebung, klinische Untersuchung,
exakte Röntgendiagnostik und sorgfälti
ge Interpretation der Aufnahmen sei die
Arthroskopie zur Diagnostik von Hand
gelenksverletzungen oft entbehrlich. Wie
wird heute der Stellenwert der einzelnen
Maßnahmen, v. a. auch der Handgelenks
arthroskopie, im Rahmen der Diagnostik
karpaler Verletzungen beurteilt?
Anamnese
Fast alle Verletzungen des Handgelenks
sind Hyperextensionstraumen. Flexions
traumen werden dagegen nur selten an
gegeben, sie gehen möglicherweise ge
häuft mit Abscherfrakturen vom Tuber
culum scaphoideum (Typ A1 der Skapho
idfrakturen nach Herbert) einher. Stürze
aus einer mittleren Höhe (1–2 m) ziehen
oft eine Verletzung des skapholunären In
terkarpalbands (SL-Band) nach sich. Ra
sanztraumata können zu karpalen Verlet
zungen im Rahmen von Mehrfachverlet
zungen bzw. zu perilunären Luxationen
und Luxationsfrakturen führen.
In der Anamneseerhebung ist zu be
achten, dass der vom Patienten angege
bene aktuelle Unfall möglicherweise für
den Hauptschaden gar nicht ursächlich
ist, sondern dass frühere Ereignisse viel
leicht bagatellisiert wurden. So wird nicht
selten nach einem frischen Unfall eine al
te Skaphoidpseudarthrose erstmals diag
nostiziert [4].
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Klinische Untersuchung
Eine erste orientierende Untersuchung
dient der Indikationsstellung zur Rönt
gendiagnostik. Eine differenzierte kli
nische Untersuchung (s. unten) ist erst
dann sinnvoll, wenn die Röntgenaufnah
men beurteilt worden sind und dem Un
tersucher vorliegen.
Röntgendiagnostik
Die Aufnahmen des Handgelenks in
2 Ebenen sollten in präziser Technik an
gefertigt werden: Für die posterior-ante
riore (p.-a.-)Projektion wird der Arm auf
einen Kasten gelagert, sodass der Ober
arm im Schultergelenk 90° abduziert und
das Ellenbogengelenk 90° flektiert ist. Das
Qualitätskriterium der p.-a.-Aufnahme ist
der maximal ulnar projizierte Processus
styloideus ulnae. Die seitliche (laterale)
Projektion wird dagegen mit angelegtem
Arm bei wiederum 90° flektiertem Ellen
bogengelenk angefertigt. Qualitätskriteri
um sind die übereinander projizierten Ba
sen der Mittelhandknochen 2–4 und der
mittig im Ulnakopf zur Darstellung kom
mende Processus styloideus ulnae.
Mit diesen Aufnahmen können die
perilunären Luxationen und Luxations
frakturen gut erkannt werden. Bei exak‑
ter Technik der p.-a-Aufnahme kann die
relative Länge der Ulna zum Radius ein
geschätzt und bei Ulna-plus-Varianten ein
Hinweis auf einen Diskusschaden oder
ein Ulnar-Impaction-Syndrom gesehen
werden. In der seitlichen Aufnahme wird
der SL-Winkel bestimmt, in dem (elekt
ronisch) die Senkrechte auf die Verbin
dungslinie von Vorder- und Hinterhorn
des Os lunatum gezeichnet und als zwei
ter Schenkel des SL-Winkels die Tangente
palmar an den distalen und den proxima
len Pol des Skaphoids gelegt wird. Norm
wertig sind SL-Winkel von etwa 50° (30–
60°).
Röntgenschrägaufnahmen des Hand
gelenks geben wertvolle Zusatzinforma
tionen, sodass die Standardanforderung
„Handgelenk in 4 Ebenen“ lauten sollte.
Die Projektion nach Stecher wird mit Ul
narduktion des Handgelenks und Faust
schluss der Finger ohne Daumen im p.a.-Zentralstrahl so durchgeführt, dass das
Handgelenk ca. 15° extendiert und radial
seitig ca. 20° angehoben ist. Es resultiert
eine überlagerungsfreie Darstellung des
Skaphoids, die nicht nur in der Primär
diagnostik von Skaphoidfrakturen, son
dern auch für Verlaufskontrollen bei kon
servativer oder nach operativer Therapie
unentbehrlich ist (. Abb. 1). Die andere
schräge Projektion erfolgt nach Moneim:
Unter leichter Ulnarduktion des Handge
lenks werden nur der Ring- und Kleinfin
ger in die Faust eingeschlagen, Daumen
und übrige Finger bleiben gestreckt. Das
Ergebnis ist eine p.-a-Aufnahme mit 20°
Anhebung der ulnaren Handkante. Hier
mit lässt sich nicht nur der SL-Gelenk
spalt überlagerungsfrei darstellen, son
dern auch die ulnaren Karpalknochen
können besser als in der p.-a.-Aufnahme
beurteilt werden [6].
Die 4 Röntgenstandardprojektionen
des Handgelenks („Handgelenk in 4 Ebe
nen“) sind also:
55die p.-a.-Projektion,
55die seitliche Projektion,
55die Projektion nach Stecher sowie
55die Projektion nach Moneim.
Abb. 1 9 Skaphoidpseud
arthrose in Höhe der proximalen Drittelgrenze. a
Auf den Röntgenaufnahmen in 2 Ebenen (p.-a. und
seitlich) ist die Pseudarthrose kaum zu erkennen; b
auf den Schrägaufnahmen
nach Stecher und Moneim
kommt sie klar zur Darstellung. c Die Computertomographie zeigt das Ausmaß
der knöchernen Resorption.
d Die Magnetresonanztomographie ohne Kontrastmittel zeigt auf den T1-gewichteten Aufnahmen eine
Signalalteration, nicht mehr!
e Erst eine fehlende Kontrastmittelaufnahme wäre
beweisend für eine avaskuläre Nekrose, doch reichert
hier der proximale Pol das
Kontrastmittel an und ist somit nicht avaskulär. f Versorgungsbild nach vaskularisiertem Radiusspan und
Schraubenosteosynthese
Bei Verdacht auf eine karpale Bandverlet
zung ist die Kinematographie oder auch
die einfache Durchleuchtung mit Rönt
genbildwandler unter Durchbewegen des
Handgelenks oft wegweisend. Sie sollte
am Ende jeder Osteosynthese des dista
len Radius zum Ausschluss einer beglei
tenden relevanten Bandverletzung, z. B.
einer SL-Bandruptur, routinemäßig er
folgen.
Differenzierte klinische
Untersuchung
Erst wenn die Röntgendiagnostik keine
frische Fraktur oder Luxation ergeben hat,
beginnt die differenzierte klinische Unter
suchung. Dazu gehören Palpation und Er
mitteln möglicher Druckschmerzpunkte,
Provokationstests auf Bandinstabilitäten
und Prüfung der Schmerzhaftigkeit des
triangulären fibrokartilaginären Komple
xes (TFCC) im ulnaren Stresstest unter
axialer Stauchung des Unterarm, Ulnar
duktion des Handgelenks und abwech
selnder Unterarmrotation in Supination
und Pronation.
Es sei darauf hingewiesen, dass
manchmal schon die einfache Inspektion
des Handgelenks wertvolle Hinweise zur
Diagnose liefert. Ein Beispiel bei veralte
ten Verletzungen ist die synoviale Schwel
lung dorsal über dem radioskaphoidalen
Gelenkspalt als Hinweis auf einen karpa
len Kollaps mit Arthrose („SLAC wrist“).
Ein anderes Beispiel betrifft die akute kar
pometakarpale Luxation des 5. oder des 4.
und 5. Strahls, die oft in der klinischen In
spektion einfacher zu erkennen ist als auf
nativen Röntgenaufnahmen [3].
Arthroskopie des Handgelenks
Falls sich in der klinischen und (...truncated)