Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, Oct 2015

Gewalt am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Problem, das in sehr unterschiedlichen Formen auftritt. Entsprechend vielfältig sind auch die Folgen für die Betroffenen und die Unternehmen. Sexuelle Belästigung ist eine Sonderform der Gewalt am Arbeitsplatz. Gewalt kann von betriebsfremden (bei Überfällen auf Kassierer/-innen) oder betriebseigenen Personen (Kollegen, Patienten, Betreuten) ausgehen. Etwa 16.000 Arbeitsunfälle aufgrund von Gewalt, die zu einer längeren Arbeitsunfähigkeit geführt haben, werden den Trägern der gesetzlichen Unfallversicherung (UV-Träger) jährlich gemeldet, wobei es eine ansteigende Tendenz gibt. Einem Survey nach sind Beschäftigte im Gesundheitswesen und in der Wohlfahrtspflege besonders von Gewalt betroffen. Sowohl psychische als auch physische Gewaltereignisse können zu schwerwiegenden Folgen wie z. B. zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Zur Vermeidung von Gewalt sind technische, organisatorische und persönliche Schutzmaßnahmen notwendig. Der Einsatz von ausgebildeten Deeskalationstrainerinnen und -trainern in besonders betroffenen Bereichen kann hilfreich sein. Für Opfer von psychischer und physischer Gewalt am Arbeitsplatz bieten die UV-Träger ein spezielles Psychotherapeutenverfahren an und empfehlen die Ausbildung von Erstbetreuern.

Article PDF cannot be displayed. You can download it here:

http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-015-2263-x.pdf

Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz

Leitthema Bundesgesundheitsbl 2016 · 59:88–97 DOI 10.1007/s00103-015-2263-x Online publiziert: 23. Oktober 2015 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015 Albert Nienhaus1,4 · Claudia Drechsel-Schlund2 · Heike Schambortski3 · Anja Schablon4 1 Abteilung Grundlagen der Prävention und Rehabilitation, Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), Hamburg, Deutschland 2 BGW, Geschäftsführung der Bezirksverwaltung Würzburg, Würzburg, Deutschland 3 Abteilung Präventionskoordination, BGW, Würzburg, Deutschland 4 Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP), Kompetenzzentrum für Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Deutschland Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz Gesundheitliche Folgen und settingbezogene Ansätze zur Prävention und Rehabilitation Gewalt am Arbeitsplatz ist ein weitverbreitetes Problem, das nicht nur Beschäftigte bei der Polizei oder in der Psychiatrie, sondern alle Berufsgruppen betreffen kann [1]. Entsprechend der International Labour Organisation (ILO) und der Europäischen Union ist Gewalt am Arbeitsplatz „jede Handlung, Begebenheit oder von angemessenem Benehmen abweichendes Verhalten, wodurch eine Person im Verlauf oder in direkter Folge ihrer Arbeit schwer beleidigt, bedroht, verletzt oder verwundet wird“ [2, 3]. Diese Definition von Gewalt betont den Bezug zum Setting Arbeitswelt. Die WHO definiert Gewalt als den „Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichen Zwang oder psychischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führt“ [4]. Bei dieser Definition werden die Folgen von Gewalt differenziert beschrieben. Diskriminierung definierte die ILO bereits im Jahr 1958 als jede Unterscheidung, Ausschließung oder Bevorzugung, die aufgrund der Rasse, der Hautfarbe, des Geschlechts, des Glaubensbekenntnisses, der politischen Meinung, der nationalen Abstammung oder der sozialen Herkunft vorgenommen werden und die dazu führen, die Gleichheit der Gelegenheiten oder der Behandlung in Beschäftigung oder Beruf aufzuheben oder zu beeinträchtigen [5]. In einer neueren Definition nennen die Arbeiterkammern in Österreich zusätzlich die sexuelle Orientierung und das Alter als Grund für Diskriminierungen: Der Begriff Diskriminierung (aus dem Lateinischen für ‚unterscheiden‘, ‚aussondern‘) umfasst alle Äußerungen, Handlungen oder Unterlassungen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer insbesondere wegen 55ihres Alters, 55ihrer ethnischen Zugehörigkeit (z. B. Volksgruppe, Sprachgruppe, gemeint ist auch Hautfarbe), 55ihrer Religion, 55ihrer Weltanschauung, 55ihrer sexuellen Orientierung, 55ihres Geschlechts oder 55einer Behinderung benachteiligen, verächtlich machen oder herabwürdigen. Auch Spott über eine andere Mentalität oder Lebensweise gilt als Diskriminierung. Diskriminierung entsteht oft durch Vorurteile z. B. älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern oder Migrantinnen und Migranten gegenüber. Vorurteile sind vorgefasste Einstellungen und Meinungen gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, 88 | Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 1 · 2016 Abkürzungen AGG Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz ArbSchG Arbeitsschutzgesetz BGHW Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik BGW Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege DGUV Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung GDA Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie ILO International Labour Organisation LSV SpV Spitzenverband der landwirtschaftlichen Sozialversicherung PTBS Posttraumatische Belastungsstörung RKI Robert Koch-Institut TOP Technische, organisatorische und personenbezogene Schutzmaßnahmen UV Unfallversicherung VBG Verwaltungs-Berufsgenossenschaft die oft nicht auf eigene Erfahrungen zurückzuführen sind. Sie entstehen dadurch, dass Urteile, Ansichten oder Meinungen, die in unserer Gesellschaft vorhanden sind, übernommen und auf Einzelne übertragen werden, ohne ihren tatsächlichen Wahrheitsgehalt an der Realität zu überprüfen: „Ältere sind leistungsschwächer“, lautet z. B. ein weitverbreitetes Vorurteil. Diese oft unbewusste Ausgrenzung und Benachteiligung aufgrund von Vorurteilen betrifft scheinbar nur eine Gruppe und nicht einzelne Personen. Verletzt fühlt sich aber jeder/jede Einzelne“ [6]. Im vorliegenden Beitrag stellen wir die verschiedenen Formen von Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz und ihre Folgen dar. Ferner wird die Häufigkeit von Arbeitsunfällen, die durch Gewalt ausgelöst werden, untersucht. Das Arbeitsschutzgesetz und das Sozialgesetzbuch VII (gesetzliche Unfallversicherung) schaffen Voraussetzungen, um Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz zu verhüten und Opfer von Gewalt zu behandeln und zu rehabilitieren. Die Strategien zur Prävention und Rehabilitation werden im zweiten Teil des Aufsatzes beschrieben. zwölf Monaten vor der Befragung Mobbing erlebt [13]. In einer deutschen, prospektiven Studie war der Gesundheitszustand von Mobbingopfern im Jahr vor Beginn des Mobbings schlechter als derjenige der Teilnehmer einer Vergleichsgruppe [14]. In einer norwegischen Studie waren psychische Probleme ein Risikofaktor, ein Opfer von Mobbing zu werden [15]. Ursache und Wirkung sind beim Mobbing nicht einfach zu trennen. Psychische Belastungen und Traumatisierungen können zu Verhaltensweisen führen, die das Risiko für Mobbing erhöhen. Mobbing kann dann zu weiterer Traumatisierung führen. Um den Kreislauf von psychischer Belastung und Mobbing zu durchbrechen, sind Interventionen zur Reduktion von psychosozialen Belastungen und aggressivem Verhalten am Arbeitsplatz notwendig. Mobbing erfüllt nicht die Voraussetzung, um als Arbeitsunfall anerkannt zu werden, da es sich um eine Einwirkung handelt, die nicht auf die Dauer einer Schicht begrenzt ist [16]. Zum Aufgabenspektrum der UV-Träger gehört allerdings die Verhütung arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren, zu denen auch Mobbing zählt. Mobbing Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz Unangemessenes, einschüchterndes, diskriminierendes oder verletzendes Verhalten kann situativ und singulär oder wiederholt und zielgerichtet gegen einzelne Personen oder Gruppen am Arbeitsplatz auftreten. Letzteres wird als Mobbing bezeichnet. Mobbing ist ein Verhalten von Vorgesetzten oder Kollegen, das systematisch und langfristig auf die Erniedrigung einer Person zielt. Mobbing wird gezielt eingesetzt, um eine Person zum Arbeitsplatzwechsel, in die Arbeitsunfähigkeit oder Kündigung zu drängen. Dementsprechend kann Mobbing sowohl zu psychischen als auch physischen Gesundheitsproblemen bei den Betroffenen führen [7–10]. Mobbing oder Bullying, wie es im Englischen bezeichnet wird, ist ein weitverbreitetes Problem [11]. Entsprechend einer norwegischen Erhebung sind 15 (...truncated)


This is a preview of a remote PDF: http://link.springer.com/content/pdf/10.1007%2Fs00103-015-2263-x.pdf
Article home page: http://link.springer.com/article/10.1007/s00103-015-2263-x

Prof. Dr. Albert Nienhaus, Claudia Drechsel-Schlund, Heike Schambortski, Anja Schablon. Gewalt und Diskriminierung am Arbeitsplatz, Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 2016, pp. 88-97, Volume 59, Issue 1, DOI: 10.1007/s00103-015-2263-x