Shared Decision Making ‒ gemeinsame Entscheidungsfindung

psychopraxis. neuropraxis, Nov 2015

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Shared Decision Making ‒ gemeinsame Entscheidungsfindung

inter view Schizophrenie Shared Decision Making – gemeinsame Entscheidungsfindung Das Einbeziehen von Patienten in medizinische Entscheidungen wird auch in der Psychiatrie zunehmend gefordert. Ein Modell zur Einbeziehung von Patienten in medizinische Entscheidungen ist das sogenannte „Shared Decision Making“ bzw. Partizipative Entscheidungsfindung. In welchem Ausmaß psychiatrische Patienten überhaupt mit einbezogen werden können und ob dieses Vorgehen einen positiven Effekt auf den Ausgang der Therapie hat, führten wir ein Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Hans Rittmannsberger. Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger Was ist Shared Decision Making (SDM) und was soll damit erreicht werden? Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger SDM charakterisiert eine Form der ArztPatientenbeziehung und der Entscheidungsfindung. Sie lässt sich in Abgrenzung von zwei anderen Varianten der Arzt-Patientenbeziehung beschreiben – dem „paternalistischen Modell“, wo der Arzt die Entscheidung fällt und dem „Konsumentenmodell“ oder„autonomes Modell“, wo der Patient alle Informationen über die bestehenden Möglichkeiten bekommt und alleine die Entscheidung trifft. SDM bedeutet, dass der Patient vom Arzt über die bestehenden Möglichkeiten, deren Vor- und Nachteile informiert wird und der Patient seine Präferenzen, Sorgen und Fragen einbringt und dass in einem Diskussionsprozess eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird. Gibt es Voraussetzungen, dass SDM überhaupt adäquat stattfinden kann? Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger Es setzt von beiden Seiten die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, diesen Prozess durchzuführen und dieser braucht jedenfalls mehr Zeit als die beiden anderen Methoden der Entscheidungsfindung. Die Bereitschaft des Arztes, sich auf den Prozess des SDM einzulassen und die dafür notwendige Zeit sind wohl die limitierenden Faktoren für den Einsatz von SDM. Der Routinebetrieb in Spitälern, Ambulanzen und Praxen ist oft so, dass dem Patienten überdeutlich bewusst wird, dass hier Zeit Mangelware ist. Warum sollten Patienten vermehrt in medizinische Entscheidungen einbezogen werden? Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger Je mehr der Patient an der Entscheidungsfindung beteiligt ist, umso eher wird er bereit sein, an der Behandlung aktiv mitzuarbeiten, umso größer wird die Behandlungszufriedenheit sein. Wird Ihrer Meinung nach SMD von Patienten gewünscht oder sogar gefordert? Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Patienten SDM bevorzugen und nur je ca. 20 % die beiden anderen Modelle favorisieren. Allerdings ist für viele der Arzt noch immer eine Respektsperson und wenn dieser nicht nach SDM vorgeht, fordern nur wenige Patienten dies in der aktuellen Situation ein. Wenn der Arzt paternalistisch agiert, wehren sich Patienten oft nicht direkt, modifizieren aber die Behandlung selbst oder wechseln den Arzt. Andererseits fühlen sich beim „Konsumentenmodell“ viele Patienten alleingelassen. Weiters sind Patienten durch das Internet immer umfangreicher, jedoch nicht immer besser informiert. Das bedeutet oft, dass Fragen und Unsicherheiten der Patienten eher mehr als weniger werden. SDM scheint im Grunde ein sehr selbstverständlicher Ansatz der Kommunikation zu sein und es stellt sich die Frage, warum die anderen Entscheidungsformen in der Medizin überhaupt noch Bedeutung haben. Wahrscheinlich, weil sie für den Arzt kurzfristig weniger Aufwand mit sich bringen. Welche Aspekte der alltäglichen psychiatrischen Arbeit sind von der Frage der Krankheitseinsicht betroffen? Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger In Bezug auf SDM ist neben dem zeitlichen Problem, wohl das größte Hindernis die Sorge des Arztes, dass der Patient die Situation nicht versteht oder nicht verstehen will und damit zu falschen Entscheidungen kommt. Hier sind die anderen Entscheidungsstrategien deutlich rationeller, weil sich bei beiden der Arzt die mühsame Diskussion über divergierenden Ansichten ersparen kann. Allerdings muss für diese Ersparnis durch einen meist ungünstigeren Krankheitsverlauf teuer bezahlt werden. Gerade hier ist das Gespräch notwendig. Wenn der Patient den Vorschlägen des Arztes folgen soll, braucht er Vertrauen zum Arzt und dies erwirbt dieser am besten durch einen Diskussionsprozess auf Augenhöhe. SDM mit Patienten ohne Krankheitseinsicht ist ein mühsamer und riskanter Prozess, weil sich der Arzt auch auf Kompromisse mit dem Patienten einlassen muss. Dies ermöglicht zumindest für einen Teil der Patienten einen Lernprozess, indem sie dann ihre Behandlung optimieren können. Vielen Dank für das Gespräch! psychopraxis.neuropraxis 2015 · 18:199 DOI 10.1007/s00739-015-0293-7 Online publiziert: 14. Oktober 2015 © Springer-Verlag Wien 2015 psychopraxis.neuropraxis 6 · 2015 | 199 (...truncated)


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Shared Decision Making ‒ gemeinsame Entscheidungsfindung, psychopraxis. neuropraxis, 2015, pp. 199-199, Volume 18, Issue 6, DOI: 10.1007/s00739-015-0293-7