Shared Decision Making ‒ gemeinsame Entscheidungsfindung
inter view
Schizophrenie
Shared Decision Making – gemeinsame
Entscheidungsfindung
Das Einbeziehen von Patienten in medizinische Entscheidungen wird auch in der Psychiatrie zunehmend gefordert.
Ein Modell zur Einbeziehung von Patienten in medizinische Entscheidungen ist das sogenannte „Shared Decision
Making“ bzw. Partizipative Entscheidungsfindung. In welchem Ausmaß psychiatrische Patienten überhaupt mit einbezogen werden können und ob dieses Vorgehen einen positiven Effekt auf den Ausgang der Therapie hat, führten
wir ein Gespräch mit Univ.-Prof. Dr. Hans Rittmannsberger.
Univ.-Prof. Dr.
H. Rittmannsberger
Was ist Shared Decision Making (SDM)
und was soll damit erreicht werden?
Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger
SDM charakterisiert eine Form der ArztPatientenbeziehung und der Entscheidungsfindung. Sie lässt sich in Abgrenzung von zwei anderen Varianten der
Arzt-Patientenbeziehung beschreiben
– dem „paternalistischen Modell“, wo
der Arzt die Entscheidung fällt und dem
„Konsumentenmodell“ oder„autonomes
Modell“, wo der Patient alle Informationen über die bestehenden Möglichkeiten bekommt und alleine die Entscheidung trifft. SDM bedeutet, dass der Patient vom Arzt über die bestehenden
Möglichkeiten, deren Vor- und Nachteile informiert wird und der Patient seine Präferenzen, Sorgen und Fragen einbringt und dass in einem Diskussionsprozess eine gemeinsame Entscheidung getroffen wird.
Gibt es Voraussetzungen, dass SDM überhaupt adäquat stattfinden kann?
Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger
Es setzt von beiden Seiten die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, diesen Prozess durchzuführen und dieser
braucht jedenfalls mehr Zeit als die beiden anderen Methoden der Entscheidungsfindung.
Die Bereitschaft des Arztes, sich auf
den Prozess des SDM einzulassen und
die dafür notwendige Zeit sind wohl die
limitierenden Faktoren für den Einsatz
von SDM. Der Routinebetrieb in Spitälern, Ambulanzen und Praxen ist oft so,
dass dem Patienten überdeutlich bewusst wird, dass hier Zeit Mangelware ist.
Warum sollten Patienten vermehrt in medizinische Entscheidungen einbezogen
werden?
Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger
Je mehr der Patient an der Entscheidungsfindung beteiligt ist, umso eher
wird er bereit sein, an der Behandlung
aktiv mitzuarbeiten, umso größer wird
die Behandlungszufriedenheit sein.
Wird Ihrer Meinung nach SMD von Patienten gewünscht oder sogar gefordert?
Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger
Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Patienten SDM bevorzugen und
nur je ca. 20 % die beiden anderen Modelle favorisieren. Allerdings ist für viele
der Arzt noch immer eine Respektsperson und wenn dieser nicht nach SDM
vorgeht, fordern nur wenige Patienten
dies in der aktuellen Situation ein. Wenn
der Arzt paternalistisch agiert, wehren
sich Patienten oft nicht direkt, modifizieren aber die Behandlung selbst oder
wechseln den Arzt. Andererseits fühlen
sich beim „Konsumentenmodell“ viele Patienten alleingelassen. Weiters sind
Patienten durch das Internet immer umfangreicher, jedoch nicht immer besser
informiert. Das bedeutet oft, dass Fragen und Unsicherheiten der Patienten
eher mehr als weniger werden.
SDM scheint im Grunde ein sehr
selbstverständlicher Ansatz der Kommunikation zu sein und es stellt sich
die Frage, warum die anderen Entscheidungsformen in der Medizin überhaupt
noch Bedeutung haben. Wahrscheinlich, weil sie für den Arzt kurzfristig weniger Aufwand mit sich bringen.
Welche Aspekte der alltäglichen psychiatrischen Arbeit sind von der Frage der
Krankheitseinsicht betroffen?
Univ.-Prof. Dr. H. Rittmannsberger
In Bezug auf SDM ist neben dem zeitlichen Problem, wohl das größte Hindernis die Sorge des Arztes, dass der Patient die Situation nicht versteht oder
nicht verstehen will und damit zu falschen Entscheidungen kommt. Hier
sind die anderen Entscheidungsstrategien deutlich rationeller, weil sich
bei beiden der Arzt die mühsame Diskussion über divergierenden Ansichten ersparen kann. Allerdings muss
für diese Ersparnis durch einen meist
ungünstigeren Krankheitsverlauf teuer bezahlt werden. Gerade hier ist das
Gespräch notwendig. Wenn der Patient
den Vorschlägen des Arztes folgen soll,
braucht er Vertrauen zum Arzt und dies
erwirbt dieser am besten durch einen
Diskussionsprozess auf Augenhöhe.
SDM mit Patienten ohne Krankheitseinsicht ist ein mühsamer und riskanter Prozess, weil sich der Arzt auch auf
Kompromisse mit dem Patienten einlassen muss. Dies ermöglicht zumindest für einen Teil der Patienten einen
Lernprozess, indem sie dann ihre Behandlung optimieren können.
Vielen Dank für das Gespräch!
psychopraxis.neuropraxis 2015 · 18:199
DOI 10.1007/s00739-015-0293-7
Online publiziert: 14. Oktober 2015
© Springer-Verlag Wien 2015
psychopraxis.neuropraxis 6 · 2015 | 199
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