Zwei Entwicklungslinien einer Forschungstechnologie: Zur Geschichte der Analytischen Ultrazentrifugen und Gasultrazentrifugen
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ARTIKEL /ARTICLES
N.T.M. 23 (2015) 177–201
0036-6978/15/030177-25
DOI 10.1007/s00048-015-0132-1
Published online: 16 November 2015
2015 SPRINGER BASEL
Zwei Entwicklungslinien einer
Forschungstechnologie: Zur
Geschichte der Analytischen
Ultrazentrifugen und
Gasultrazentrifugen
Bernd Helmbold und Christian Forstner
Splitting into two lines: The historical development of the analytical and the gas ultracentrifuge
In a historical perspective the ultracentrifuge is often taken as perfect example of a research technology according to
Shinn and Joerges (Shinn and Joerges 2000, 2002). Research technologies are defined by a generic device, its own
metrology and the interstitiality of the historical actors connected with the device. In our paper we give a detailed
analysis of the development of the ultracentrifuge and thereby reveal two different lines of development: analytical
ultracentrifuges and gas ultracentrifuges used for isotope separation. Surprisingly, we could not find any interstitial
and transversal connections for these two lines. The lines end up with two different devices based on two different
technical concepts. Moreover, the great majority of the actors stick to one line. These results are in accordance with
other authors, who developed the concept of research technologies further and tried to sharpen their definition.
Keywords: Ultracentrifuge, analytical ultracentrifuge, gaseous ultracentrifuge, research technology
Schlüsselwörter: Ultrazentrifuge, Analytische Ultrazentrifuge, Gasultrazentrifuge, Forschungstechnologie
Die Ultrazentrifuge ist heute aus Industrie und Wissenschaft nicht mehr
wegzudenken. Einmal als analytische Ultrazentrifuge mit einem breitgefächerten Einsatzgebiet in Biologie, Medizin und Chemie, und zum anderen
als Gasultrazentrifuge, die nahezu ausschließlich zur Anreicherung von Uran
eingesetzt wird und mit der heute der weltweit größte Anteil an Uran 235
produziert wird, das sowohl für friedliche als auch für militärische Zwecke
genutzt wird.
Aus einer wissenschaftshistorischen Perspektive erscheint die Ultrazentrifuge als Forschungstechnologie par excellence im Sinne des von Terry Shinn
und Bernward Joerges 2001 erstmals vorgestellten Konzepts der ,,research
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BERND HELMBOLD UND CHRISTIAN FORSTNER
technologies‘‘ (Joerges und Shinn 2001). Forschungstechnologien unterscheiden
sich von normalen Instrumenten durch ihre ,,Generizität‘‘. Sie werden im
Gegensatz zu diesen nicht nur für einen spezifischen Anwendungszweck
entwickelt, sondern vom Anwendungsbereich unabhängig. Solch ein generischer Apparat wird dann in den jeweiligen Anwendungskontext eingebettet
und angepasst, wieder aus diesem herausgelöst und wieder in einem neuen
Kontext eingebettet. Dieser Prozess des kontinuierlichen disembedding und
reembedding ist charakteristisch für zahlreiche Forschungstechnologien.
Forschungstechnologien weisen nicht nur die Generizität als spezifisches
Kriterium auf, sondern auch die Entwicklung einer eigenen an den jeweiligen
generischen Apparat gebundenen Metrologie. Für die den Forschungstechnologien zugeordneten historischen Akteure ergibt sich damit zwingend, dass
sie nicht nur einem spezifischen Funktionssystem — akademische Wissenschaft, Industrie oder Regierung — zugehörig sind, sondern sich in den
Grenzbereichen zwischen diesen Systemen bewegen. Sie bilden eine lose
Gemeinschaft mit einer eigenen lingua franca, die sich keinem der Funktionssysteme zuordnen lässt. Shinn und Joerges bezeichneten dieses Kriterium
als ,,Institialität‘‘. Forschungstechnologien stellen damit ein transversales
Verbindungselement (Shinn 2008) in einer sich stetig weiter differenzierenden
Gesellschaft dar und haben sich in den letzten Jahren zu einem der zentralen
Forschungsgebiete der Wissenschaftsgeschichte entwickelt.1
Die von Shinn 2001/2002 formulierten Kriterien zur Identifikation von
Forschungstechnologien wurden in der darauffolgenden wissenschaftshistorischen Forschung weiter spezifiziert und kritisiert. Insbesondere Klaus
Hentschel hat in einer Untersuchung zur Generizität von Forschungstechnologien gezeigt, dass diese nicht a priori gegeben ist, sondern in einem
stufenweisen Entwicklungsprozess geschaffen wird (Hentschel 2012: 113–
139). Den Begriff der Institialität hat eine Arbeitsgruppe der Stuttgarter
Abteilung für Geschichte der Naturwissenschaften und Technik in einer
quantitativen prosopographischen Studie untersucht. Bernd Kröger gelang es
dabei zu zeigen, dass Shinns Kriterium der Interstitialität sich nicht immer als
trennscharf zur Identifikation oder Selektion von Forschungstechnologien
erweist. Dieser Befund wird insbesondere auch durch die vorliegende Untersuchung gestützt (Kröger 2012: 187–205).
Auf den ersten Blick weist die Ultrazentrifuge alle wesentlichen Charakteristika einer Forschungstechnologie auf: Generizität — das Hervorbringen spezifischer, nach Anwendungsbereich differenzierter Instrumente aus
einer generischen Apparatur, Interstitialität — die Grenzüberschreitungen der
historischen Akteure und Träger dieser Technologien zwischen einzelnen
gesellschaftlichen Funktionensystemen, und eine spezifische Metrologie
(Joerges und Shinn 2001).
Nicht nur als Forschungstechnologie, sondern auch in der allgemeinen
Instrumentengeschichte nahm die Ultrazentrifuge einen breiten Raum ein.2
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ZWEI ENTWICKLUNGSLINIEN EINER FORSCHUNGSTECHNOLOGIE
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Charakteristisch für eine Vielzahl der Publikationen ist, dass zumeist keine
Unterscheidung zwischen zwei wesentlichen Entwicklungslinien getroffen
wird: der analytischen Ultrazentrifuge und der Gasultrazentrifuge zur Isotopentrennung. Trotz der Namensähnlichkeit handelt es sich um technisch
unterschiedliche Konzepte, die den jeweiligen Instrumenten zugrunde liegen.
Ein genauerer Blick auf diese beiden Entwicklungslinien greift Fragen aus den
oben angesprochenen Beiträgen von Hentschel und Kröger zum theoretischen
Konzept der Forschungstechnologien auf und trägt zu dessen Spezifizierung
bei: Handelt es sich um Diffusion und Implementierung einer generischen
Apparatur in unterschiedliche Forschungs- und Anwendungskontexte oder
um eine Aufsplittung in zwei getrennte Entwicklungslinien? Welche Verbindungen existierten zwischen diesen beiden Linien? Wie ist es um die
Interstitialität der Akteure bestellt?
Um diese Fragen zu diskutieren, werden nach einer kurzen Darstellung
ihrer Vorgeschichte die beiden Entwicklungslinien in ihrem historischen
Kontext dargelegt. Insbesondere für die im Zusammenhang der Isotopentrennung entwickelte Gasultrazentrifuge ergaben sich unterschiedliche
Formen des Wissenstransfers bzw. der Geheimhaltung sowohl während des
Zweiten Weltkriegs als auch im Kalten Krieg, war doch die UdSSR gerade hier
dem Westbündnis voraus. Der Impetus, der von der Rückkehr der an dieser
Entwicklung beteiligten deutschen Physiker ausging, soll auf seine Wirkung
hin betrachtet werden. Die Phasen der Entwicklung verlaufen auf beiden
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