Psychotherapie bei Depression
Psychiatrie
psychopraxis.neuropraxis
DOI 10.1007/s00739-016-0350-x
© Der/die Autor(en) 2016. Dieser Artikel ist
eine Open-Access-Publikation.
Kurt Stastka
Psychiatrische Abteilung im Sozialmedizinischen Zentrum Süd, Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried von
Preyer’schem Kinderspital und Geriatriezentrum Favoriten, Wien, Österreich
Psychotherapie bei Depression
1. Teil
Als prognostisch 2030 häufigster Erkrankung kommt depressiven Störungen eine
besondere Bedeutung in Prävention und
Behandlung zu, vor allem aufgrund
der erheblichen Einschränkungen des
psychischen und physischen Befindens
und sozialer Bindungen sowie Arbeitsund Funktionsfähigkeiten. Orientiert an
der internationalen Leitlinie der „World
Federation of Societies of Biological
Psychiatry“ (WFSBP), und insbesondere
der S3-Leitlinie, die die evidenzbasierten
Therapiestrategien am Stand des Wissens zusammenfasst, wird eine gründliche diagnostische Abklärung durch eine
ärztliche Fachperson vorausgesetzt, um
vier Grundelemente der psychiatrischen
Akutbehandlung depressiver Episoden
in der Gesamtbehandlung angemessen
unter Berücksichtigung von klinischen
Faktoren wie Symptomschwere, Erkrankungsverlauf und Patientenpräferenz
einsetzen zu können (aktiv abwartende
Begleitung, medikamentöse Behandlungen, psychotherapeutische Behandlungen, Kombinationstherapie). Besonders
bedeutsam ist die Schweregradeinteilung, da etwa die NICE-Leitlinie 2009
[1] eine medikamentöse Behandlung
vorrangig für mittelgradige bis schwere
Depressionen empfiehlt, für leichtgradige Depressionen aktives Zuwarten
für zwei Wochen, danach psychosoziale Interventionen. Es besteht breiter
klinischer und wissenschaftlicher Konsens zur Notwendigkeit der Behandlung
mittelschwerer und schwerer Depressionen mit Antidepressiva verbunden
mit psychosozialen Interventionen in
den Leitlinien der WFSBP [2] und der
APA [3]. In der S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ springt die generelle
Empfehlung von Psychotherapie abhängig vom Schweregrad in Monotherapie
und Kombinationstherapie ins Auge
(. Abb. 1; [4]).
ist in
»der Psychotherapie
akuten Behandlung der
unipolaren Depression sehr
aufgewertet
Eine genauere Betrachtung der Kriterien
und Umstände für die praktische Anwendung ist hilfreich.
Publikationsbias in der
Psychotherapieforschung?
Zahlreiche Cochrane-Reviews bestätigen die Wirksamkeit von Psychotherapie.
Weiterhin gelten folgende Psychotherapieverfahren in der Depressionsbehandlung als validiert:
4 Verhaltenstherapie (VT) und
4 kognitive Verhaltenstherapie (KVT),
4 interpersonelle Psychotherapie (IPT),
4 „Cognitive Behavioral Analysis
System of Psychotherapy“ (CBASP),
4 psychodynamische Kurzpsychotherapien [5].
Störungsspezifische Psychotherapieverfahren in Einzel- und Gruppensettings
wie KVT, IPT und CBASP erreichen
eine Wirksamkeitsevidenz Grad Ia für
die Behandlung leichter bis mittelgradiger Depressionen, die psychodynamische Kurzzeittherapie den Evidenzgrad
Ib. In einer aktuellen Metaanalyse [6]
findet sich allerdings kein Unterschied
im Therapieergebnis zwischen KVT und
psychodynamischer Kurzzeittherapie.
Evidenzbasiert (Level Ia) zeigen sich
KVT, IPT und antidepressive Pharmakotherapie bei leichten und mittelschweren Depressionen vergleichbar wirksam
(. Tab. 1). Bei Psychotherapien ist die
längere Wirklatenz von bis zu 12 Wochen bei wöchentlichen Sitzungen zu
bedenken.
Von Vorteil sind höhere Complianceraten, bessere psychosoziale Ergebnisparameter und länger dauernde Effekte. In
der Akuttherapie finden sich keine Wirksamkeitsvorteile einer Kombinationstherapie, bei schweren und chronischen Depressionen und in der Langzeitbehandlung ist die Kombinationsbehandlung jedoch wirksamer als die jeweilige Monotherapie.
Tab. 1 Evidenzebenen bei Erstellung einer Leitlinie (EBM)
Ia
Evidenz aus einer Metaanalyse von mindestens 3 RCTsa
Ib
Evidenz aus mindestens einer RTC oder einer Metaanalyse von weniger als 3 RCTs
IIa
Evidenz aus zumindest einer methodisch gut kontrollierten Studie ohne Randomisierung
IIb
Evidenz aus zumindest einer methodisch guten, quasi-experimentellen deskriptiven
Studie
III
Evidenz aus methodisch guten, nichtexperimentellen Beobachtungsstudien, wie z. B.
Vergleichsstudien, Korrelationsstudien und Fallstudien
IV
Evidenz aus Berichten von Expertenkomitees oder Expertenmeinung und/oder klinische
Erfahrung anerkannter Autoritäten
RCTs randomized controlled trials
a
psychopraxis.neuropraxis
Psychiatrie
Differentialdiagnostik der Depression
Leichte
Depression?
Schwere
Depression?
Mittelgradige
Depression?
Ja
Ja
Ja
Aufklärung/Psychoedukation
Aufklärung/Psychoedukation
Aufklärung/Psychoedukation
Partizipative
Entscheidung
Partizipative
Entscheidung
Partizipative
Entscheidung
Ja
Aktiv abwartende
Begleitung/niederschwellige
Interventionen (14 Tage)
Ja
Ja
Anhaltende
verschlechterte
Symptomatik?
Ja
Psychotherapie
ODER
Pharmakotherapie
Psychotherapie
ODER
Pharmakotherapie
Psychotherapie
ODER
Pharmakotherapie
Beobachten/Monitoring (1 x pro Woche)
Klinische Wirkungsprüfung nach 3-4 Wochen
Besserung
> 50 %
Besserung
< 50 %
Ja
Ja
Fortsetzen der Therapie
Therapieanpassung/
Ergänzung (Augmentation)
Monitoring alle 2-4 Wochen
ab dem 3. Monat > 4 Wochen
Monitoring alle 1-2 Wochen
Abb. 1 8 Therapie depressiver Störungen [4]. (Aus S3-Leitlinie/NVL „Unipolare Depression“, S. 59,
Langfassung, 2. Auflage, Version 3. © ÄZQ, DGPPN, BÄK, KBV und AWMF 2015)
Bei Psychotherapien ist die
»längere
Wirklatenz zu beachten
Nach der ubiquitär empfohlenen Psychotherapie in der veröffentlichten S3-Leitlinie von 2009 sind verschiedene Studien erschienen, die den Einfluss von
Pharmako- und Psychotherapie diskutieren [7, 8]. Turner et al. [9] berichteten über die in der Pharmakotherapieforschung im Bereich der Antidepressiva
psychopraxis.neuropraxis
verbreitete Tendenz eines ausgeprägten
Publikationsbias. Kirsch et al. [10] führten eine Metaanalyse über die sehr starke Placebowirkung von Antidepressiva
durch, wonach bis zu 50 % der Wirkung
von Antidepressiva auf Placeboeffekte
zurückzuführen sind. Auf Seiten der
Psychotherapieforschung wurde hingegen eine unzureichende externe Validität
thematisiert, die Unmöglichkeit zur Verblindung der Patienten, des Therapeuten
und des Raters, der Noceboeffekt der
Kontrollgruppen (Wartegruppe), mit
dem verzerrten Ergebnis hoher Effektstärken, eine unzureichende Beachtung
naturalistischer Therapien sowie die
Länge und Dosis von Psychotherapien,
da für die Bewertung im Rahmen evidenzbasierter Medizin (EBM zentral in
der Erstellung von Leitlinien) zumindest die Mitführung von randomisierten
Kontrollgruppen erforderlich ist und
hier vor allem Kurztherapien mit max.
50 h durchgeführt wurden. Randomisiert
kontrollierte Studien (RCTs, höchste Evidenz für die Leitlinienerstellung) sind
in naturalistischen Psychotherapiebehandlungssettings schwer valide durchführbar (Verblindung nicht möglich,
Allegiance-Effekt, sehr hoher Aufwand
adäquater Kontrolldesigns, schwer isolierbarer Placeboeffekt) und stoßen auf
erhe (...truncated)