Wenn Angst zur Krankheit wird

Nov 2006

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Wenn Angst zur Krankheit wird

aktuelle medizin – kongressberichte – Als Hausarzt sind Sie oft die erste Anlaufstelle Wenn Angst zur Krankheit wird Klagt ein Patient über Herzrasen, Thoraxschmerzen, Schwindel und Angstzustände, stellt sich die Frage, ob die Angst eine Reaktion auf primär somatische Beschwerden ist – oder ob die Angst selbst den Patienten krank macht. Werden Angsterkrankungen frühzeitig diagnostiziert, sind sie in der Regel gut behandelbar. – Somatische Ursache? Differenzialdiagnosen von Angststörungen Bevor die Diagnose einer Angsterkrankung gestellt wird, muss eine Reihe von Differenzialdiagnosen ausgeschlossen werden: Angst ist ein Begleitphänomen vieler somatischer Erkrankungen, insbesondere von kardiovaskulären und pulmologischen Erkrankungen, die mit Atemnot oder Arrhythmien einhergehen. Auch endokrine Erkrankungen, z. B. der Schilddrüse, und neurologische Erkrankungen wie Epilepsie und Hirntumoren müssen als Angstauslöser diskutiert werden. Einige Medikamente können ebenfalls Angstgefühle induzieren. Dazu gehören Appetitzügler, Anticholinergika, L-Dopa, Kortikosteroide, Sympathomimetika und Schilddrüsenhormone. Gleiches gilt für Drogen wie Cannabis, Amphetamine und Kokain. Der Entzug von Benzodiazepinen, Barbituraten oder Opiaten geht auch meist mit Angstgefühlen einher. MMW-Fortschr. Med. Nr. 48 / 2006 (148. Jg.) de Angst nach Beseitigung der Bedrohung erfordern ebenfalls eine Therapie. Situationsgebunden oder nicht? Im ICD-10 wird zwischen situationsgebundenen Angsterkrankungen, die auch als Phobien bezeichnet weden, und nicht situationsgebundenen Ängsten unterschieden. Zu Ersteren gehören die soziale Phobie und die Agoraphobie, zu Letzteren die Panikstörung und die generalisierte Angststörung. Typisch für eine Panikattacke ist, dass sie innerhalb von ein bis drei Minuten ihr Maximum erreicht und innerhalb von 10–30 Minuten wieder abklingt. Dagegen verläuft die generalisierte Angststörung chronisch: Es besteht eine andauernde Angstsymptomatik, die mit vielfältigen körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Hitzewallungen, Tachykardien und Übelkeit einhergehen kann. Angst kann zusammen mit anderen psychischen Störungen auftreten. Häufige Komorbiditäten sind Abhängigkeitserkrankungen und die Depression. Angst ist gut behandelbar Bei frühzeitiger Diagnose sind Angststörungen gut behandelbar. Unbehandelt neigen sie dagegen zu einem chronischen Verlauf und erhöhen das Risiko von Folgeerkrankungen. Zudem verursachen sie häufig nutzlose und kostspielige somatische Untersuchungen. „Die Therapie von Angststörungen erfordert ein mehrdimensionales Vorgehen“, so Dr. Reinhard J. Boerner, Quakenbrück. Am sinnvollsten ist eine Kombination aus medikamentöser und Verhaltenstherapie. Medikamente der Wahl sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Eine ver- Foto: Superbild – Von einer Angsterkrankung muss man ausgehen, wenn die Angst ohne reale Bedrohung auftritt oder mit starken körperlichen Symptomen einhergeht, erklärte Prof. Klaus Wahle, Münster. Typische körperliche Beschwerden sind Tachykardie, Thoraxschmerzen, Beklemmungsgefühl, Hitzewallungen, Kurzatmigkeit, Zittern, Schwindel, Parästhesien und Hyperventilation. Ein Krankheitswert besteht laut Wahle auch dann, wenn eine ausgeprägte Erwartungsangst besteht, die zu einem Vermeidungsverhalten führt. Die lähmende Angst, die der Bewältigung einer Bedrohung im Wege steht, und die anhalten- Panikattacken bauen sich sehr schnell auf und klingen nach etwa 30 Minuten wieder ab. gleichbare Wirkung entfalten selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Für den Einsatz eines SSRI oder SNRI spricht neben der guten Verträglichkeit auch die Tatsache, dass begleitende Depressionen ebenfalls günstig beeinflusst werden. Der Erfolg einer medikamentösen Therapie sollte, so Boerner, frühestens nach drei Wochen abgeschätzt werden. Bei einer partiellen Besserung ist eine Dosissteigerung sinnvoll, bei Nichtansprechen ein Wechsel der Substanzgruppe. Wenn der Patient weitgehend be schwer defrei ist, wird eine me dikamentöse Rezidivprophylaxe über mindestens zwölf Monate empfohlen. Vorsicht mit Benzodiazepinen! Wegen ihres Abhängigkeitspotenzials dürfen sie nur bei stärkerer Symptomatik und auch nur initial und kurzfristig eingesetzt werden. Die medikamentöse Therapie sollte besonders bei schweren Verläufen durch eine kognitive Verhaltenstherapie ergänzt werden. Sie beinhaltet die ausführliche Analyse und Therapie Angst auslösender Faktoren, die gezielte Behandlung eines ängstlichen Vermeidungsverhaltens und Entspannungsverfahren. Dr. med. Peter Stiefelhagen ó ó Quelle: Pri-Med-Fortbildung, München, 1. November 2006 19 (...truncated)


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Wenn Angst zur Krankheit wird, 2006, pp. 19, Volume 148, Issue 48, DOI: 10.1007/BF03364857