Hashimoto-Enzephalopathie
Psychiatrie
psychopraxis.neuropraxis
DOI 10.1007/s00739-017-0381-y
© Der/die Autor(en) 2017. Dieser Artikel ist
eine Open-Access-Publikation.
Matthäus Fellinger · Fabian Friedrich · Florian Vafai Tabrizi · Josef Baumgartner ·
Nilufar Mossaheb
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie,
Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
Hashimoto-Enzephalopathie
Eine organische Differenzialdiagnose von
Psychosen
Einleitung
Die Hashimoto-Enzephalopathie (HE),
erstmals 1966 von Brain beschrieben,
auch bekannt als steroidresponsive Enzephalopathie assoziiert mit Autoimmunthyreoiditis (SREAT) ist eine oftmals unterdiagnostizierte Erkrankung mit einer
geschätzten Prävalenz von ca. 2:100.000.
Sie betrifft häufiger Frauen (4:1) und tritt
primär im 5. bis 6. Lebensjahrzehnt auf,
wenngleich etwa ein Fünftel aller in der
Literatur berichteten Fälle Kinder sind.
Charakterisiert ist sie durch eine unspezifische Enzephalopathie, die durch
eine Bewusstseins- und Befindlichkeitsveränderung und dem Vorliegen von
Thyreoperoxidase-Antikörpern (TPOAK) und/oder Thyreoglobulin-Antikörpern (TG-AK) bei Ausschluss sonstiger ursächlicher Erkrankungen gekennzeichnet ist. Das klinische Bild
ist pleomorph, ähnlich einer Vielzahl
an psychiatrischen und neurologischen
Erkrankungen. Entsprechend kann die
Symptomatik von leichter kognitiver Beeinträchtigung bis zum Status Epilepticus
reichen. Oftmals zeigen sich Wesensveränderungen wie Verwirrtheit, kognitive
Einschränkungen, Amnesien, Ataxie,
Anfälle, Myoklonus und psychiatrische
Symptome wie Halluzinationen, Wahn
und Depressionen (Details s. . Tab. 1).
Psychiatrische Symptome als Erstmanifestation wurden sowohl bei Kindern
als auch bei erwachsenen Patienten beobachtet. Zu den Symptomen gehören
akute Psychosen, formale Denkstörungen, sozialer Rückzug, Depression, rasch
Weitere Literatur beim Verfasser
fortschreitende Demenz mit psychotischen Episoden, Rigidität und Bewusstseinsfluktuationen, die laut dem Review
von Montagna et al. [3] in allen Fällen
im Zusammenhang mit Halluzinationen
(visuell und auditiv) stehen.
Die Ausprägung und der Verlauf der
psychiatrischen Symptomatik kann von
unspezifisch chronisch bis hin zu einem
rasch progredienten delirantenweitg Zustandsbild oftmals mit begleitender neurologischer Symptomatik reichen.
Die Hashimoto-Enze»phalopathie
ist eine seltene,
möglicherweise unterdiagnostizierte Erkrankung
Die Pathogenese der HE als auch deren
Beziehung zur Hashimoto-Thyreoditis
sind noch unklar. Als mögliche Mechanismen werden derzeit eine autoimmun
bedingte Vaskulitis des ZNS mit oder
ohne Immunkomplexablagerungen, eine
Autoimmunreaktion auf von der Schilddrüse und dem ZNS geteilten Antigenen
oder die toxische Wirkung von Thyreotropin freisetzendem Hormon (TRH)
im ZNS diskutiert.
Während die meisten Fälle von HE
bei Patienten mit euthyreoter oder leicht
hypothyreoter Stoffwechsellage diagnostiziert werden, liegt selten auch eine
Hyperthyreose vor. Obligat für die
Diagnostizierung ist das Vorhandensein erhöhter Schilddrüsen-Antikörper(SD-AK-)Titer (Anti-TPO- und/oder
Anti-TG) im Serum und Liquor. Charakteristischerweise finden sich zu je
etwa 80 % eine leichte bis mittelschwere
Proteinerhöhung im Liquor und diffuse
Verlangsamungen ohne epileptische Aktivität im EEG, deren Ausprägung mit
dem klinischen Bild korreliert. Andere
EEG-Anomalien umfassen typische und
atypische „triphasic waves“ und frontale
intermittierende rhythmische Delta-Aktivitäten (FIRDA). Hingegen zeigen sich
in etwa der Hälfte aller HE-Fälle keine
Auffälligkeiten in der Bildgebung. Charakteristisch in der kranialen MRT sind
unspezifische fokale und konfluierende
Hyperintensitäten der weißen Substanz,
globale oder fokale Hypoperfusion in
der SPECT bzw. ein Hypometabolismus
im 18F-FDG-PET (. Tab. 1).
Nach Ausschluss einer möglichen
sonstigen Ätiologie wird bei oben beschriebener Klinik und Laborkonstellation, neben der symptomorientierten Therapie, die Gabe von Steroiden
empfohlen. Hinsichtlich der genauen
Dosierung und Behandlungsdauer von
First- und Second-line-Therapien liegen
derzeit noch nicht ausreichend evidenzbasierte Studien bzw. Richtlinien vor.
Es besteht jedoch ein weitgehender Expertenkonsensus über die Anwendung
einer First-line-Therapie mit intravenösem Methylprednisolon in einer Dosis
von 500–1000 mg/Tag für etwa 5 Tage
bzw. oralem Prednison (1–2 mg/kg/Tag)
als isolierte Therapie oder nach i. v. Therapie mit schrittweiser Dosisreduktion
und Erhaltungstherapie für 1–2 Jahre. Als
Second-line-Therapien stehen Immuntherapien wie Azathioprin, Methotrexat,
Rituximab, Mycophenolat, Immunglobuline und Plasmapherese zur Verfügung. In etwa 75–90 % der Fälle kommt
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Psychiatrie
Tab. 1 Symptomatik und apparative Befunde bei HE-Patienten in Prozent des gesamten Kollektivs. (Adaptiert nach [1])
Klinik
[%]
– Krämpfe
47
– Verwirrung
46
– Sprachstörung
37
– Gedächtnisstörung
43
– Gangstörung
27
– Verfolgungswahn
25
– Myoklonus
22
– Kopfschmerzen
16
– Koma
15
– Depression
12
– Isoliert fortschreitende kognitive
Beeinträchtigung
11
– Isolierte psychiatrische Erkrankung
10
– Fieber
7
Diagnostik
[%]
– Anti-TPO-AK und Anti-TG-AK im
Serum
69
– Leichte bis mittelschwere Proteinerhöhung im Liquor, Medianwert 0,71 g/L [0,13-7,65]
82
– Abnormales EEG (typisch: diffuse
Verlangsamung ohne epileptische Aktivität)
82
– EEG übereinstimmend mit
Enzephalopathie
70
– EEG übereinstimmend mit
epileptischen Anfällen
14
– Auffälliges cMRT (typisch: unspezifische fokale und konfluierende
Hyperintensitäten der weißen
Substanz)
52
– Auffällige Einzelphotonen-Emissions-CT (SPECT)
82
– Davon globale Hypoperfusion
9
– Davon fokale Hypoperfusion
73
TPO-AK Thyreoperoxidase-Antikörper;
TG-AK Thyreoglobulin-Antikörper
es zur Vollremission, wenngleich auch
von letalen Ausgängen berichtet wird.
Trotz wachsendem Bewusstsein für
Autoimmunprozesse bei psychiatrischer
Symptomatik wird die HE als Differenzialdiagnose oftmals nicht in Erwägung
gezogen. Der dargestellte Fall einer 40jährigen Frau mit neuropsychiatrischer
Symptomatik zeigt die Notwendigkeit einer detaillierten organischen Abklärung
und interdisziplinären Zusammenarbeit
auf.
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Kasuistik
Eine 40-jährige Patientin wurde aufgrund neuerlicher Exazerbation einer
seit mehreren Jahren vorbestehenden
psychotischen und depressiven Symptomatik an unserer Station mit Psychose-Schwerpunkt stationär aufgenommen. Anamnestisch waren traumatische
Lebensereignisse, herausfordernde Lebenssituationen als auch eine positive
Familienanamnese für SchizophrenieSpektrum-Erkrankungen erhebbar. Zusätzlich erlitt die Patientin vor 5 Jahren erstmals einen Grand-Mal-Anfall
mit Zeichen erhöhter Erregungsbereitschaft und epilepsiespezifischen Paroxysmen im EEG bei unauffälligem
cMRT. Trotz antiepileptischer Einstellung mit Topiramat 350 mg/Tag und
Pregabalin 200 mg/Tag traten weiterhin
häufig Anfälle auf. Seither kam es zu
einem deutlichen (...truncated)