Geriatrischer BG-Patient
Übersicht
Trauma Berufskrankh 2017 · 19 (Suppl 3):S225–S230 C. Kruppa1 · C. Maier2,3 · P. Zahn3 · T. A. Schildhauer1
DOI 10.1007/s10039-017-0276-4
1
Chirurgische Universitätsklinik und Poliklinik, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum, RuhrOnline publiziert: 28. Juli 2017
Universität Bochum, Bochum, Deutschland
© Springer Medizin Verlag GmbH 2017
2
Abteilung für Schmerzmedizin, BG-Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum, Ruhr-Universität
Bochum, Bochum, Deutschland
3
Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Palliativ- und Schmerzmedizin,
Berufsgenossenschaftliches Universitätsklinikum Bergmannsheil Bochum, Ruhr-Universität Bochum,
Bochum, Deutschland
Geriatrischer BG-Patient
Epidemiologie und Komorbidität
Hintergrund
Die deutsche Gesellschaft für Geriatrie
charakterisiert den geriatrischen Patienten mit den Kernmerkmalen „höheres
Lebensalter“, „Multimorbidität“ und „alterstypische Vulnerabilität“ mit der Gefahr des „Autonomieverlustes“ [5]. In
der Vergangenheit war dieser Patient gar
nicht oder nur sehr selten als z. B. Rehabilitand unter den BG-Patienten zu
finden. So berichtet die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) in
ihrem Jahresbericht 2014 zum Arbeitsunfallgeschehen, dass es sich bei den Patienten jenseits des 65. Lebensjahrs überwiegend um Patienten handelt, die z. B.
während eines Reha-Aufenthaltes einen
Sturzunfall erlitten hatten [6]. Das Statistische Bundesamt geht von einem starken
Anstieg der Bevölkerungsgruppe jenseits
des 65. Lebensjahres innerhalb der nächsten 20 Jahre aus. Im Vergleich zum Jahr
2013 auf 2060 wird eine Verdopplung der
Menschen über 80 Jahre in Deutschland
prognostiziert [3]. In der Vergangenheit
hat sich bereits eine Zunahme der Lebenserwartung von 65-Jährigen und 80Jährigen gezeigt. So berichtet das Robert
Koch-Institut über eine Erhöhung der
ferneren Lebenserwartung von 65-Jährigen im Vergleich 1971/73 zu 2009/2011
um gut 5 Jahre für Männer und Frauen.
Bei den 80-Jährigen beträgt diese Zunahme im gleichen Zeitraum knapp 3 Jahre [1]. Eine zunehmend alternde Bevölkerung sowie eine Erhöhung des Renteneintrittsalters werden voraussichtlich
zu einer schrittweisen Veränderung der
Patientenstruktur bei BG-Patienten führen, sodass auch geriatrische Patienten
zunehmend dazukommen werden. Geht
man von einer zunehmenden Prävalenz
von Komorbidität und Multimorbidität
mit zunehmendem Alter aus, wie sie z. B.
für die kardiovaskulären Erkrankungen
oder den Diabetes mellitus seitens einer
von der Gesundheit in Deutschland Aktuell (GEDA) 2009 durchgeführten Patientenbefragung festgestellt wurde [4],
werden sich hierdurch zukünftig vermutlich auch im BG-Wesen Veränderungen
anbahnen müssen, um diesen Charakteristika in der Behandlung des BG-geriatrischen Patienten gerecht zu werden.
Bisher werden im BG-Wesen Komorbiditäten nicht einheitlich statistisch erfasst, und eine systematische Analyse ihrer Anzahl und Auswirkungen auf den
klinischen Verlauf wurde bisher nicht
durchgeführt.
Ziel dieses Beitrags ist die Darstellung von Epidemiologie und Komorbidität bei geriatrischen BG-Patienten an
einem Universitätsklinikum der Maximalversorgung.
Tab. 1
Material und Methoden
Anhand der klinikinternen Daten (OPS
[Operationen- und Prozedurenschlüssels] sowie ICD [International Classification of Diseases]-10-Codes) wurden für
die Jahre 2005, 2010 und 2015 alle stationär operativ behandelten bg-lich versicherten Patienten ausgewertet. In die
Auswertung wurden lediglich Patienten
ab dem 60. Lebensjahr eingeschlossen.
Die . Tab. 1 zeigt die demografischen
Daten der Patienten. Wesentliche internistische und neurologische Komorbiditäten (. Tab. 2 ) wurden erfasst. Als
Multimorbidität wurde das Vorhandensein von 3 oder mehr Komorbiditäten
bei einem Patienten definiert.
Ergebnisse
Der Anteil der Patienten, die älter als
60 Jahre waren, lag in den analysierten
Jahren zwischen 13,0 und 13,7 %. Bei den
Patienten jenseits des 80. Lebensjahres
zeigte sich eine prozentuale Verdopplung
im Verlauf der letzten 10 Jahre (. Abb. 1).
Auchwennderprozentuale Anteil derPatienten jenseits des 60. Lebensjahr ähnlich blieb, kam es jedoch bei der Anzahl
Demografische Daten
2005
2010
2015
631
846
1180
Gesamt
86 (13,6 %)
110 (13,0 %)
162 (13,7 %)
Männlich
69 (80,2 %)
84 (76,4 %)
128 (79,0 %)
Weiblich
17 (19,8 %)
26 (23,6 %)
34 (21,0 %)
Gesamtpatientenzahl
Patienten >60 Jahre
Trauma und Berufskrankheit · Suppl 3 · 2017
S225
Übersicht
Tab. 2
Komorbiditäten
Kategorie
ICDs
Infektionen
A00–A09, A15–A19, A30–A49, B00–B09, B15–B19, B20–B24, Mykosen B35–B49,
B90–B94, B95–B98, B99–B99
Neubildungen
C15–C26, C30–C39, C40–C41, C43–C44, C45–C49, C64–C68, C76–C80, C97–C97
Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe sowie
bestimmte Störungen mit Beteiligung des Immunsystems
D50–D89
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten
E00–E07, E10–E14, E15–E16, E20–E35, E50–E64, E65–E68, E70–E90
Psychische und Verhaltensstörungen
F00–F09, F20–F29, F30–F39
Krankheiten des Nervensystems
G00–G09, G20–G26, G30–G32, G35–G37, G40–G47, G50–G59, G60–G64,
G70–G73, G80–G83, G90–G99
Glaukom
H40–H42
Krankheiten des Kreislaufsystems
I10–I15, I20–I25, I26–I28, I30–I52, I70–I79, I80–I89, I95–I99
Krankheiten des Atmungssystems
J30–J39, J40–J47, J60–J70, J80–J84, J85–J86, J90–J94, J95–J99
Krankheiten des Verdauungssystems
K20–K31, K35–K38, K40–K46, K50–K52, K55–K64, K65–K67, K70–K77, K80–K87,
K90–K93
Krankheiten der Haut und der Unterhaut
L00–L08, L50–L54, L80–L99
Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Bindegewebes
M00–M03, M05–M14, M30–M36, M60–M63, M70–M79, M80–M85
Krankheiten des Urogenitalsystems
N00–N08, N10–N16, N17–N19, N20–N23, N25–N29, N30–N39
Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen
Z80–Z99
ICD International Classification of Diseases
15,0
160
0,2%
1,2%
3,2%
3,1%
3,0%
14
>80 Jahre
10,0
(%)
70–79 Jahre
60–69 Jahre
5,0
10,0%
9,7%
9,6%
Anzahl Paenten
0,5%
35
120
3
80
2
>80 Jahre
26
70–79 Jahre
60–69 Jahre
20
113
40
63
82
0
0,0
2005
2010
2005
2015
Abb. 1 8 Altersverteilung 2005, 2010 und 2015
keine
Komorbidität (1–3)
2010
2015
Abb. 2 8 Anzahl der behandelten Patienten jenseits des 60. Lebensjahrs
Mulmorbidität (>3)
50,0
100,0
40,0
30,0
60,0
2005
(%)
(%)
80,0
40,0
2010
20,0
2015
20,0
10,0
0,0
60–69 70–79 >80 60–69 70–79 >80 60–69 70–79 >80
Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre Jahre
2005
2010
Trauma und Berufskrankheit · Suppl 3 · 2017
60–69 Jahre
70–79 Jahre
Diabetes mellitus
2015
Abb. 3 8 Komorbidität und Multimorbidität im Vergleich 2005, 2010 und
2015
S226
0,0
Abb. 4 8 Diabetes mellitus
über 80 Jahre
Zusammenfassung · Abstract
der zu behandelnden Patienten zu einer
Zunahme (. Abb. 2).
Im Jahr 2005 hatten 70,9 % der Patienten mindestens 1 Komorbidität, 11,6 %
Patienten davon waren multimorbide. Im
Jahr 2010 hatten 82,7 % der Patienten
1 Komorbidität, wovon 18,2 % der Patienten eine Mu (...truncated)