Distale Tibiafrakturen
Neue Osteosynthesetechniken
Trauma Berufskrankh 2005 · 7[Suppl 1]:S58–S64
DOI 10.1007/s10039-004-0918-1
Online publiziert: 12. August 2004
© Springer-Verlag 2004
M. E. Wenzl1 · S. Fuchs2 · D. Wolter2 · C. Jürgens2
1 Klinik für Unfallchirurgie, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
2 Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, BG-Unfallkrankenhaus, Hamburg
Distale Tibiafrakturen
Erfahrungen mit einem winkelstabilen
Plattensystem
D
ie Therapie der Tibiafrakturen und pseudarthrosen wird in den meisten Publikationen als Domäne der Marknagelung
angesehen [, 3, 4, 0, 3, 9, 20, 22]. In einigen Studien [, 20, 22] wurde auch die drittgradig offene Unterschenkelfraktur (Typ
IIIB nach Gustillo und Andersen) als Indikation für den ungebohrten und sogar
den gebohrten Marknagel [0] angegeben.
Von diesen Autoren wurde ein deutlicher
Vorteil gegenüber der Ausbehandlung im
Fixateur externe festgestellt, sowohl bezüglich der früheren Belastbarkeit der Extremität als auch bezüglich der Infektraten.
Allerdings betrugen diese bis zu 7,5% [0]
und führten bei Gustilo-IIIB-Frakturen
auch teilweise zur Amputation [0, 20].
Auch im distalen Fünftel des Tibiaschafts
wurden gute Ergebnisse der ungebohrten
Tibiamarknagelung berichtet [9].
Die Plattenosteosynthese wird nur in
einzelnen Publikationen favorisiert [6, 7,
9], wobei es sich um die klassische Plattenosteosynthese und nicht um minimalinvasive Operationstechniken handelt.
Ein Problem der Tibiamarknagelung,
das in den meisten Arbeiten kaum gewürdigt wird, ist der ventrale Knieschmerz
im Bereich des Lig. patellae. Toivanen et
al. [24] fanden im Rahmen einer prospek-
tiven randomisierten Studie, in der sie bei
50 Patienten einen transtendinösen mit einem paratendinösen Zugang verglichen,
dass 70% der Patienten auch nach der
Marknagelentfernung noch Beschwerden
hatten, die in 50% der Fälle zu relevanten
Beeinträchtigungen führten. Dieses Problem, das meist fernab der ursprünglichen
Verletzungsregion liegt, tritt nach Plattenosteosynthesen nicht auf.
Die Plattenosteosynthese wird in letzter Zeit aufgrund der minimalinvasiven
Implantationstechniken wieder vermehrt
auch an der Tibia eingesetzt [6, 8].
Über die Anwendung winkelstabiler
interner Plattenfixateure in Verbindung
mit minimalinvasiven Implantationstechniken wurden bisher nur erste klinische
Erfahrungen publiziert [5, ]. Im Folgenden wird über die Ergebnisse mit einem
winkelstabilen Plattensystem (TiFix, Fa. Litos Hamburg) in der Therapie von Frakturen und Pseudarthrosen der distalen Tibia berichtet.
Material und Methode
Bei dem verwendeten TiFix-System handelt es sich um einen multidirektional
winkelstabilen Plattenfixateur interne aus
Abb. 1 9 Multidirektional
winkelstabiler Titanfixateur interne für den
Unterschenkel (TiFix)
S58 | Trauma und Berufskrankheit · Supplement 1 · 2005
Reintitan. Die winkelstabilen Schrauben
können bis zu Winkeln von 40° zur Plattenquer- und -längsachse frei platziert werden [25] (. Abb. 1).
Von September 997–Dezember 2000
wurden 4 Frakturen und 38 Pseudarthrosen der Tibia bei 76 Patienten mit diesem
System stabilisiert, wobei das distale Tibiadrittel mit mehr als 50% der Implantationen die Hauptlokalisation darstellte (. Tabelle 1).
Bei mehr als der Hälfte der Patienten
lagen offene Frakturen vor. Bei 30% mussten Begleitverletzungen therapiert werden.
Bei den 25 distalen Frakturen fanden sich
in 5 Fällen Frakturausläufer bis in das obere Sprunggelenk.
Für die operative Versorgung aller Tibiafrakturen mit dem TiFix-System wurde folgendes Konzept entwickelt und konsequent befolgt:
F Geschlossene Frakturen ohne wesentlichen Weichteilschaden wurden primär stabilisiert. Die Reposition erfolgte geschlossen (ggf. wurde temporär
intraoperativ ein Fixateur externe angelegt). Der TiFix wurde minimalinvasiv in der Untertunnelungstechnik
über 2 kleine Hautinzisionen eingeschoben und an der medialen Tibiafacette nach entsprechender Anpassung
der Plattenkontur mit 6 winkelstabilen Schrauben fixiert.
F Offene und geschlossene Frakturen mit
drittgradigen Weichteilschäden wurden primär im Fixateur externe stabilisiert. Falls sich noch eine korrekturbedürftige Fehlstellung zeigte, wurde mit
dem Hexapodensystem [2] eine suk-
zessive Fehlstellungskorrektur durchgeführt. Nach Abheilung oder plastischer
Deckung der Hautweichteilschäden
wurden — bei reizlosen Eintrittsstellen
der Fixateurpins — in einer Sitzung
der TiFix in minimalinvasiver Technik
bei noch liegendem externem Fixateur
implantiert und dieser anschließend
entfernt. Lag der Fixateur externe über
mehr als 3 Wochen ein oder waren die
Pineintrittsstellen entzündet, wurde ein
fixateurfreies Intervall bis zum Abklingen der Entzündungszeichen zwischengeschaltet (Minimum 9 Tage).
Bei der folgenden klinischen Auswertung
werden nur noch die distalen Tibiafrakturen und -pseudarthrosen berücksichtigt.
Distale Tibiafrakturen
und -pseudarthrosen
Hier waren Primärimplantationen nur bei
40% der Patienten möglich. In 6 von 5 Fällen erschien ein direkter Umstieg vom Fixateur externe auf einen TiFix zu riskant
(. Tabelle 2).
In der Gruppe der Pseudarthrosen waren in 75% der Fälle offene Frakturen vorausgegangen, woraus sich die hohe Anzahl von primären Fixateur-externe-Behandlungen erklärt.
In 50% der Fälle war es zur distalen Tibiafraktur im Rahmen von Mehrfachverletzungen bzw. Polytraumen gekommen,
initial lagen bei 20% der Patienten Nervenschäden vor. Die Anzahl der Voroperationen war mit durchschnittlich 3,4 sehr
hoch (. Tabelle 3).
Bis auf 3 von 20 Fällen war auch bei
den Pseudarthrosen eine minimalinvasive Operationstechnik möglich. Grundsätzlich wurde autologe Spongiosa vom vorderen oder hinteren Beckenkamm transplantiert. Bei der regelhaft durchgeführten bakteriologischen Untersuchung des Pseudarthrosengewebes fand sich bei 3 von 9 untersuchten Präparaten ein positiver Keimbefund (5,8%)!
In mehr als der Hälfte der Fälle wurden bei den distalen Tibiafrakturen und pseudarthrosen zur Infektprophylaxe Septopalketten an die Platten angelegt, die bis
zur Materialentfernung verblieben.
Die Nachbehandlung erfolgte in allen
Fällen frühfunktionell unter Teilbelastung
Tabelle 1
Patientendaten bei Tibiafrakturen
Proximal
Diaphyse
Distal
Zeitraum der Versorgung
9/99–12/00
10/98–12/00
11/97–12/00
Patientenzahl
8 (3W, 5M)
6 (1W, 5M)
24 (9W, 15M)
Anzahl Frakturen
8
8
25
Alter [Jahre]
• Durchschnitt
• Spannweite
39,3
17–62
29,13
17–51
44,1
19–70
Klassifikation nach AO
• A1–3
• B1–3
• C1–3
4
0
4
4
2
2
19
0
6
Weichteilschaden geschlossen
3
2
15
Weichteilschaden offen
• Grad 1
• Grad 2
• Grad 3
2
1
2
3
2
1
4
5
1
Primärer Gefäß-Nerven-Schaden
2
3
1
Unfallart
• Monotrauma
• Mehrfachverletzung
• Polytrauma
4
1
3
3
2
1
18
1
5
Unfallursache
• Verkehr
• Arbeit
• Sport
• Stürze
5
2
0
1
5
0
0
3
5
8
1
11
der verletzten Extremität anfänglich mit
0 kg Körpergewicht, dann abhängig vom
radiologischen Befund mit sukzessiver Belastungssteigerung.
Ergebnisse
Al (...truncated)