Die soziale Dimension der Notfallmedizin

Jan 2009

C. Madler, U. Kreimeier

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Die soziale Dimension der Notfallmedizin

Institut fr Anaesthesiologie und Notfallmedizin I Westpfalz- Klinikum GmbH Kaiserslautern Kaiserslautern Klinik fr Anaesthesiologie Klinikum der Universitt Mnchen Mnchen Notfall + Rettungsmedizin 1 2009 | - Notfallmedizin zielt auf die Behandlung beeintrchtigter Vitalfunktionen. Insofern kann sie als typisches Beispiel einer ausschlielich krperlich kausal orientierten Organmedizin gelten. Darin stimmen der traditionelle Auftrag, wie er z. B. in den Rettungsdienstgesetzen formuliert ist, die Sichtweise anderer Disziplinen sowie das Selbstverstndnis der Notrzte berein [1, 2, 3]. Auf den ersten Blick scheint die Bercksichtigung von Rahmenbedingungen, Begleitumstnden speziell des sozialen Kontextes des Patienten fr den Ablauf und das Ergebnis einer akutmedizinischen Sofortbehandlung allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen. Eine nhere Betrachtung zeigt allerdings, dass die heutige Einsatzrealitt deutlich von sozialen Rahmenbedingungen geprgt ist. Fernab der klassischen Indikationen sind neue Einsatzkategorien genannt seien etwa der psychosoziale Notfall, der palliativmedizinische Notarzteinsatz am Lebensende sowie der geriatrische und der Pflegenotfall entstanden. Der einzelne Notarzt sowie die Notfallmedizin als Versorgungssystem sind deshalb aufgerufen, sich mit den sozialen Einflussgren, die diesen Entwicklungen zugrunde liegen, auseinander zu setzen. Zwei Faktoren sind in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Sie werden in dieser Ausgabe ausfhrlich und mit ihren Auswirkungen auf die Praxis der Notfallmedizin dargestellt. Es sind die soziale Benachteiligung und die demographische Entwicklung. J. Siegrist weist in seinem Beitrag auf den Zusammenhang zwischen soziokonomischen Konstellationen, psychosozialen Notlagen und akuten Verhaltensaufflligkeiten > Technische Assistenzsysteme sind kein Ersatz fr soziale Bindungen Im Hinblick auf die zweite groe gesellschaftliche Herausforderung, nmlich die demographische Entwicklung, ist die Notfallmedizin aufgerufen, nicht nur durch Anpassung an die individualmedizinischen Bedrfnisse betagter Patienten zu reagieren, sondern auch hinsichtlich der Verpflichtung, neue Versorgungsstrategien mitzugestalten. S. Prckner et al. stellen deshalb nicht nur die demographische Entwicklung und die medizinischen und sozialen Besonderheiten des geriatrischen Notfallpatienten in den Mittelpunkt ihres Beitrags, sie weisen auch auf die Verpflichtung der Notfallmedizin hin, ihre Expertise in die Entwicklung von technischen Assistenzsystemen, die ein sicheres und unabhngiges Leben im Alter ermglichen sollen, einflieen zu lassen. Das biopsychosoziale Vitalittsmodell des Menschen, welches dem Konzept einer elektronischen Notfallerkennung fr alleinlebende alte Menschen zugrunde liegt, wird von J. Nehmer ausfhrlich dargestellt. Sein Beitrag macht deutlich, welchen Stellenwert das Thema assisted living fr unsere Arbeit in Zukunft einnehmen wird. Unsere Aufgabe als Notrzte ist es aber auch, darauf hinzuwirken, dass technische Assistenzsysteme nicht dazu verwendet werden drfen, soziale Bindungen zu ersetzen, sondern sie zu untersttzen [4, 5]. Die Inkongruenz zwischen den Bedrfnissen unserer Gesellschaft, den von ihr abgeforderten Gesundheitsleistungen und den traditionellen Versorgungsstrukturen ist in der Notfallmedizin sehr unmittelbar zu spren. Immer mehr wird der Notarzt zum medico-psychosozialen Libero. Neben dem sozialen Wandel sind es vor allen Dingen Weiterentwicklungen medizinischer Behandlungsstrategien und technologischer Mglichkeiten sowie konomische Vorgaben, die es dringend geboten erscheinen lassen, die traditionellen Versorgungsstrukturen der Akutversorgung zu hinterfragen. C.K. Lackner et al. weisen insbesondere auf die sich abzeichnende Rolle der Notfallmedizin in einer vernetzten regionalen Gesundheitsversorgung hin. > In der Prklinik erlebt der Arzt unmittelbar die soziale Realitt des Patienten Zu guter Letzt: Fr junge rzte ist die prklinische Notfallmedizin eine der letzten verbliebenen Mglichkeiten, die soziale Realitt von Patienten unmittelbar zu erleben. Hier erfhrt man im wahrsten Sinne des Wortes die Bedeutung des Kontextes fr die Entstehung und Ausprgung akuter Erkrankung und Verletzung. Dies allein wre Grund genug, sich der sozialen Dimension der Notfallmedizin verstrkt zu widmen. Medicin ist eine sociale Wissenschaft, und Politik ist weiter nichts als Medicin im Groen. (Zitat aus R. Virchow, 1849: Die Noth im Spessart) Diese Maxime Rudolf Virchows gilt bis heute. Und wie wir meinen, fr die Notfallmedizin in besonderem Mae. Filmtipp: Interessierten Leserinnen und Lesern sei auch der BeitragAssisted Living des Fraunhofer-Instituts fr Experimentelles Software Engineering empfohlen: http://www.youtube.com/ watch?v=lXHsl6NZkbI U. Kreimeier, Mnchen Deutsches Zentrum fr Notfall medizin und IT gegrndet Informations- und Kommunikationssysteme spielen heute in der Rettungskette vom Notarzt bis zum Klinikum eine tragende Rolle. Zur effizienten notfallmedizinischen Versorgung der Bevlkerung ist deren zeit- und sachgeme Optimierung notwendig. Nur konsequent ist daher die Einrichtung des Deutschen Zentrums fr Notfallmedizin und Informationstechnologie (DENIT) am Fraunhofer-Institut fr Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern. Medizinischer Leiter ist seit dem 1. Januar 2009 Dr. Thomas Luiz. Das DENIT widmet sich der Erforschung und Entwicklung von Systemen fr optimierte Logistik und Kommunikation in der Notfallmedizin. Einsatzdatenbanken, Expertensysteme, Kommunikationsinfrastrukturen und telemedizinische Netzwerke sollen konzipiert und aufgebaut werden. Ziel ist es, die Erkenntnisse in die medizinische Praxis zu bertragen Darber hinaus wird das Forschungszentrum umfangreiche Dienstleistungen fr Industrie und ffentliche Hand erbringen. Hierzu zhlen insbesondere der Technologietransfer auf dem Gebiet des Software und Systems Engineering, sowie die Entwicklung fortschrittlicher Schulungs- und Ausbildungsmanahmen (Simulation, E-Learning) fr das Rettungswesen. (...truncated)


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C. Madler, U. Kreimeier. Die soziale Dimension der Notfallmedizin, 2009, pp. 7-8, Volume 12, Issue 1, DOI: 10.1007/s10049-008-1110-0