Die Störungsgruppe der somatoformen Störungen

Der Nervenarzt, Sep 2012

H. Gündel, P. Henningsen, Prof. Dr. Dr. H.P. Kapfhammer, W. Rief

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Die Störungsgruppe der somatoformen Störungen

0 U niv. Klinik fur Psychiatrie, Medizinische Universitat Graz 1 K linik und Poliklinik fur Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Technischen Universitat Munchen, Klinikum rechts der Isar , Munchen 2 K linik und Poliklinik fur Psychosomatische Medizin und Psychotherapie , Universitatsklinikum Ulm 3 K linische Psychologie und Psychotherapie, Universitat Marburg 4 Literatur: Hammer C , Cichon S , Niesler B et al (2012) Replication of functional serotonin receptor type 3A and B variants in bipolar affective disorder: a European multicenter study. Translational Psychiatry doi:10.1038/ tp. 2012.30 Alte und neue Herausforderungen - DieStrungsgruppeder somatoformenStrungen Die mit dem DSM-III erstmals eingefhrte diagnostische Kategorie der somatoformen Strungen begleiten von Anfang an kritische Stimmen. Einerseits wurde mit dieser Neukonzeptualisierung einer bedeutsamen Patientengruppe in der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung ein einheitlicher diagnostischer Ort zugesprochen, von dem aus wichtige epidemiologische, klinisch-diagnostische und therapeutische Forschungsaktivitten gestartet und koordiniert werden konnten. Andererseits haften der diagnostischen Konstruktion der somatoformen Strungen erhebliche Mngel an. In der Begrifflichkeit somatoform setzt sich eine wissenschaftstheoretisch berholte Dichotomie von Leib-Seele fort. Das Postulat bedingender psychosozialer Stressoren kann empirisch keineswegs immer besttigt werden und legt einen einseitigen psychogenetischen Fokus auf ein komplexes pathogenetisches Geschehen, das vorteilhaft nur innerhalb eines biopsychosozialen Modells beschrieben werden kann. Die Forderung einer medizinischen Nichtbegrndbarkeit ist prinzipiell nicht zu verifizieren und fr die rztliche Routine wenig tauglich. Die zentrale Orientierung an einer lediglich aufzusummierenden Anzahl von medizinisch unerklrten krperlichen Symptomen bercksichtigt weder die einzelnen somatoformen Strungen zugrunde liegende psychopathologische Vielschichtigkeit noch die Charakteristika eines bestimmenden Krankheitsverhaltens. Die Konstruktion als exklusiver diagnostischer Kategorie verfehlt die gerade in der rztlichen Primrversorgung vorherrschende berschneidung von somatoformen Strungen mit anderen psychischen Strungen wie z. B. Angst- und depressiven Strungen einerseits, mit somatisch-medizinischen Krankheiten andererseits. Es berrascht nicht, dass die mit dem DSM-III erscheinende Diagnosegruppe der somatoformen Strungen im rztlichen Versorgungsalltag letztlich nicht wirklich angekommen ist und hier weiterhin mit Alternativkonzepten psychogener und funktioneller Strungen konkurriert. Bevorstehende Revisionen von DSM-5 und ICD-11 werden zentrale Charakteristika des Krankheitsverhaltens bercksichtigen Die bevorstehenden Revisionen von DSM-5 und ICD-11 haben in zahlreichen Task-Forces intensive Diskussionen zur Neukonzeptualisierung der somatoformen Strungsgruppe angestoen. Bedeutsame Vernderungen werden in ersten vorliegenden Entwrfen erkennbar. In einer einfhrenden Arbeit zum Schwerpunktthema somatoforme Strungen in diesem Heft bemhen sich Constanze Hausteiner-Wiehle und Peter Henningsen, die komplexen Fragen zur Konzeptualisierung und Diagnostik der somatoformen Strungen aufzunehmen und die sich in knftigen Klassifikationssystemen andeutenden diagnostischen Algorithmen darzustellen. Als eine wesentliche Vernderung zeichnet sich ab, dass knftig zentralen Charakteristika des Krankheitsverhaltens eine grere Beachtung geschenkt werden wird. Damit sollen unabhngig von einer letztlich angestrebten psychosomatischen und somatopsychischen Bewertung jene Faktoren in einem umfassenden biopsychosozialen Diagnoseansatz beschrieben werden, die empirisch wesentlich zur funktionellen Beeintrchtigung der Patienten und damit zur Erkrankungsschwere beitragen und oft mit konkretem klinischem Handlungsbedarf verbunden sind. Michael Noll-Hussong und Harald Gndel machen in ihrem Beitrag klar, wie komplex die zahlreichen, potenziellen tiopathogenetischen Einflsse auf die Entstehung, Auslsung und Aufrechterhaltung somatoformer Strungen angenommen werden mssen. Die groe Disparitt der in den Studien gefundenen und in der wissenschaftlichen Literatur diskutierten Faktoren auf den unterschiedlichen theoretischen und methodischen Untersuchungsebenen verweist auf die Tatsache, dass nach wie vor eine vereinheitlichende Modellbildung schmerzlich vermisst wird. Japhia-Marie Gottschalk und Winfried Rief prsentieren einen berblick ber psychotherapeutische Anstze fr Patienten mit somatoformen Strungen. Sie beschreiben Grnde, warum rzte und Psychotherapeuten den Umgang mit dieser Patientengruppe oft so schwierig und herausfordernd erleben. In einem transdiagnostischen Ansatz skizzieren sie grundlegende Abschnitte des therapeutischen Vorgehens, das sich vorteilhaft in den Aufbau einer therapeutischen Beziehung, die Vermittlung eines Strungsmodells und die Vermittlung von Bewltigungsstrategien gliedert. In diese strukturelle Ausrichtung knnen sowohl kognitiv-verhaltenstherapeutische als auch psychodynamische Konzepte gewinnbringend eingefhrt werden, wie eine Zusammenstellung der randomisierten und kontrollierten Studien belegt. Hans-Peter Kapfhammer fhrt aus, dass eine biopsychosoziale Konzeptualisierung somatoformer Strungen und funktioneller Krpersyndrome eine Rationale auch fr psychopharmakotherapeutische Anstze begrnden kann. Anhand einer bersicht ber randomisierte, doppelblinde und zumeist auch placebokontrollierte Studien werden grundlegende psychopharmakologische Strategien beschrieben. Prof. Dr. Harald Gndel Prof. Dr. Peter Henningsen Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Kapfhammer Prof. Dr. Winfried Rief Korrespondenzadresse Prof. Dr. Dr. H.P. Kapfhammer Univ. Klinik fr Psychiatrie, Medizinische Universitt Graz Auenbruggerplatz 31/1, 8036Graz sterreich Interessenkonflikt. Der korrespondierende Autor gibt fr sich und seine Koautoren an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Fachnachrichten Depression bei Mnnern genetisch bedingt? Mnnliche Patienten mit bipolarer affektiver Strung zeigten in einer molekulargenetischen Studie des Universittsklinikums Heidelberg mit 4200 Teilnehmern besonders hufig eine bestimmte genetische Vernderung, betroffene Frauen allerdings nicht. Die untersuchte Genvariante, die zu vernderter Funktion des Serotoninrezeptors Typ 3 fhrt, erhht das Erkrankungsrisiko bei Mnnern um etwa 30%. Der Rezeptor als eines der Schlsselmolekle der neuronalen Kommunikation ist an Prozessen wie Lernen, Erkennen und Emotionen beteiligt. Laut den beteiligten Forschern knnte eine vernderte Signalwirkung des Neurotransmitters Serotonin eine Ursache fr die Entstehung von Angststrungen sein, die bei manischer Depression eine groe Rolle spielen. Auf Nervenzellen sitzen verschiedene Typen von Rezeptoren, an die das Serotonin nach dem Schlssel-SchlossPrinzip bindet und so zellulre Signale weiterleitet. Einer (...truncated)


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H. Gündel, P. Henningsen, Prof. Dr. Dr. H.P. Kapfhammer, W. Rief. Die Störungsgruppe der somatoformen Störungen, Der Nervenarzt, 2012, pp. 1095-1096, Volume 83, Issue 9, DOI: 10.1007/s00115-011-3436-y