Ist die „liquid biopsy“ schon praxistauglich?
Adjuvante Therapie schon für
Stadium-II-Melanome?
W
ann eine adjuvante Therapie des
malignen Melanoms gerechtfertigt
ist, diskutierten James Larkin, London,
und sein Kollege Jean Jacques Grob, Marseille. Larkin nannte diverse Faktoren,
die bei der Nutzen-Risiko-Abwägung zu
berücksichtigen sind: die Höhe des Rezidivrisikos, die Heilungschancen eines Rezidivs, die Möglichkeit, dass eine Therapie in frühen Stadien die Wirksamkeit
einer Therapie im späten Stadium beeinträchtigt, und natürlich die Toxizität der
Behandlung: „Das ist anders als im Stadium IV, weil die Patienten möglicherweise
schon durch die Operation geheilt sind.“
Er empfahl eine adjuvante Therapie für
Melanome ab Stadium IIIB, entweder mit
gezielt wirkenden Therapeutika oder mit
Checkpointhemmern. Im Stadium IIIA
hielt Larkin dagegen eine differenziertere
Betrachtung für notwendig: Die meisten
Patienten würden durch die Operation
geheilt und bräuchten keine adjuvante
Therapie. „Nur dass wir nicht wissen, welche Patienten das sind.“ Zudem müsse bei
einer adjuvanten Behandlung mit Checkpointhemmern bei einigen Patienten mit
bleibenden Nebenwirkungen, etwa einer
Hypothyreose, sowie bei jedem 100. bis
1.000. mit einer mindestens mittelschweren Nerven-, Augen-, Herz- oder
Atemwegstoxizität gerechnet werden;
weitere bisher unbekannte Langzeitschäden könnten dazukommen.
Erste Daten über den Nutzen einer
adjuvanten Therapie schon im Stadium
IIIA kommen aus der COMBI-AD-Studie [Larkin J et al. J Clin Oncol 2018; 35
(Suppl): Abstr. 9591]. Durch die postoperative Behandlung mit Dabrafenib plus
Trametinib wurde im Vergleich zu einer
Placebobehandlung eine signifikante
Verlängerung des rezidivfreien Überlebens erreicht. Larkin hielt es deswegen
für „wahrscheinlich, dass die adjuvante
Therapie zukünftig für die meisten Patienten mit Stadium-III-Melanomen empfohlen wird“. Wegen dem schmalen Grat
zwischen Nutzen und Risiko müsse diese
Entscheidung im Stadium IIIA aber sorgfältig diskutiert werden.
Sein Kollege Grob ging in seinem Vortrag sogar noch einen Schritt weiter. Die
größte Chance auf das Ansprechen einer
adjuvanten Therapie habe man in den
Stadien I und II. „Es sollte einfacher sein,
Dracheneier zu zerstören als den Drachen
zu jagen“, so Grob. Dies werde auch durch
Ist die „liquid biopsy“ schon praxistauglich?
D
as Konzept der „liquid biopsy“ sieht
vor, dass sich im Blut oder anderen
Körperflüssigkeiten des Patienten zirkulierende Tumorzellen (CTC), zirkulierende tumorassoziierte DNA (ctDNA),
tumorassoziierte microRNA (miRNA)
oder Exosomen detektieren lassen. Anhand der gewonnen Informationen lassen sich idealerweise Therapietargets
und Resistenzen nachweisen sowie das
Therapieansprechen überwachen. Prof.
Klaus Pantel, Hamburg, Miterfinder
der Methode, stellte den aktuellen Forschungsstand vor.
Bekanntlich können manche Patienten mit metastasiertem Melanom, die
mit Checkpointinhibitoren behandelt
werden, langfristig eine Remission erhalten, andere sprechen dagegen nur
hautnah dermatologie 2018; 34 (4)
schlecht an und leiden unter der Toxizität einer (für sie) weitgehend unwirksamen Therapie. Wie Pantel berichtete,
lassen sich mit der „liquid biopsy“ Vorhersagen über das Therapieansprechen
treffen. Einer aktuellen Studie zufolge
profitieren Patienten, deren CTC-Score
innerhalb der ersten sieben Wochen der
Therapie abnimmt, hinsichtlich des
progressionsfreien Überlebens (Hazard
ratio [HR] 0,17; p = 0,008) und Gesamtüberlebens (HR 0,12; p = 0,04) [Hong X
et al. Proc Natl Acad Sci USA 2018; 115:
2467–72]. Ebenso lassen sich anhand
der ctDNA Aussagen über einen möglichen Progress bei Patienten mit reseziertem Melanom im Stadium II/III
treffen [Lee RJ et al. Ann Oncol 2018;
29: 490–6]. Auch zur Überwachung
die COMBI-AD-Resultate gestützt, nach
denen Dabrafenib plus Trametinib das
Rezidivrisiko bei IIIA-Melanomen stärker reduziert als im Stadium IIIC.
Grob hielt eine adjuvante Therapie
schon im Stadium II für möglich. Die
große Zahl der zu behandelnden Patienten sah der Onkologe – mit Verweis auf
andere Präventionsmaßnahmen – nicht
als prinzipielle Hürde, auch nicht als Barriere für pharmakologische Studien. Für
die adjuvante Therapie im Stadium II
würde Grob derzeit wegen der nur transienten Nebenwirkungen BRAF/MEKInhibitoren den Vorzug gegenüber PD-1Hemmern geben. Zur Optimierung der
Therapie müsse man testen, ob nicht drei
bis vier Monate zur Eradikation der Tumorzellklone schon ausreichten. Kürzere
Behandlungszeiten würden auch ein
engeres Monitoring im Hinblick auf
unerwünschte Wirkungen ermöglichen.
In Zukunft, so die Hypothese von Grob,
werde sich die medikamentöse Behandlung von Melanomen deutlich nach vorn
verlagern. „Ich wette, dass wir vor allem
eine frühe adjuvante Therapie durchführen werden und die Behandlung von
Metastasen dadurch an Bedeutung verlieren wird.“
Beate Schumacher
Symposium II:
„Adjuvant treatment of melanoma”
einer BRAF/MEK-Inhibitor-Therapie
lässt sich die ctDNA einsetzen: So war
BRAF-mutierte ctDNA in einer Studie
im Schnitt 110 Tage bevor sich eine
BRAF-Inhibitor-Resistenz anhand der
RECIST-Kriterien feststellen ließ, nachweisbar [Haselmann V et al. Clin Chem
2018; 64: 830–42].
Die bislang erhältlichen Testsysteme
müssen laut Pantel nun noch von unabhängigen Laboren/Arbeitsgruppen validiert werden. Ebenso wichtig seien zudem klinische Studien, die den Wert der
„liquid biopsy“ im klinischen Alltag
bestätigen.
Sebastian Lux
Key Note Lecture „Liquid biopsies: ready for
prime time in oncology?“
Kongressbericht vom 8th European
Post-Chicago Melanoma/Skin Cancer Meeting,
München, 28. und 29. Juni 2018
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