Arteriosklerose – eine entzündliche Erkrankung?
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-018-0507-x
Stefan Kiechl
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich
© Der/die Autor(en) 2018
Arteriosklerose – eine
entzündliche Erkrankung?
Kasuistische Darstellung
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts wurde
von den Pathologen Rokitanksy (Wien)
und Virchow (Berlin) die Hypothese
aufgestellt, dass es sich bei der Arteriosklerose um eine entzündliche Erkrankung handelt. Dieses Konzept fußte
in erster Linie auf histologischen Befunden, die entzündliche Zellinfiltrate
in fortgeschrittenen arteriosklerotischen
Plaques zeigten. Rokitansky vermutete als Ausgangspunkt der Entzündung
eine Abwehrreaktion gegen Fibrinogenablagerungen, während Virchow die
direkte Infektion der Gefäße durch Erreger postulierte. Tatsächlich ist die
Gefäßwand reich an Entzündungszellen,
insbesondere Makrophagen, aber auch
an aktivierten T-Zellen, Mastzellen, neutrophilen Granulozyten (passager) sowie
Endothelzellen und glatten Muskelzellen,
die im Rahmen des arteriosklerotischen
Prozesses zu synthetischen und proentzündlichen Zellen konvertieren können
(. Abb. 1). Ursache für die Inflammation in arteriosklerotischen Plaques sind
in erster Linie Lipidablagerungen, aber
auch Abwehrreaktionen gegen veränderte Proteine.
Fortschritte in der Technik haben
es möglich gemacht, die Entzündung
in komplizierten Plaques direkt mittels MRT (Magnetresonanztomographie) oder auch PET-CT(Positronenemissionstomographie-Computertomographie)-Fusionstechniken bildgebend
darzustellen. Zahlreiche epidemiologische Studien, u. a. die Bruneck-Studie,
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwenden wir überwiegend das generische
Maskulinum. Dies impliziert immer beide Formen, schließt also die weibliche Form mit
ein.
haben einen Zusammenhang zwischen
entzündlichen Markern im Blut und
der Entstehung und Progression von
Arteriosklerose und klinischen Folgeerkrankungen klar belegt. Die im Labor
messbare (zum Beispiel mittels hochsensitivem CRP [C-reaktives Protein])
Entzündungsaktivität wird auch als systemische Inflammation bezeichnet. Sie
spiegelt die Inflammation in der arteriosklerotisch veränderten Gefäßwand
wider und stammt zum Teil auch von
proinflammatorischen Risikofaktoren.
Inflammation ist ein
»vielversprechender
Ansatz
für die Entwicklung neuer
Arteriosklerosemedikamente
Die Inflammationshypothese der Arteriosklerose wird auch durch eine Vielzahl von experimentellen Studien und
dem zuletzt rasant expandierenden Wissen über molekulare Mechanismen und
inflammatorische Pathways unterstützt.
Der endgültig wissenschaftliche Beweis ist 2017 durch eine große Interventionsstudie (The Canakinumab Antiinflammatory Thrombosis Outcome
Study [CANTOS]) gelungen. In dieser
Studie wurden Patienten mit stabilen
arteriosklerotischen Erkrankungen zusätzlich zur üblichen kardiovaskulären
Prävention mit einem monoklonalen
Antikörper gegen Interleukin-1β (Canakinumab) behandelt. Dieser Antikörper
reduziert spezifisch Inflammation, hat
aber keinen Effekt auf Plättchenaktivität oder Lipidspiegel bzw. andere Stoffwechselvorgänge. Tatsächlich konnte das
Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, insbesondere auch für ischämische
Schlaganfälle, durch diese entzündungshemmende Therapie signifikant gesenkt
werden. Bei Patienten, bei denen ein
deutlicher Abfall der Entzündungsmarker im Blut nachweisbar war, betrug
die Risikoreduktion 30 %. Patienten, die
keinen Abfall der Entzündungsmarker
im Blut zeigten, hatten auch keinen
Vorteil. Die Daten sind insgesamt sehr
überzeugend und belegen, dass durch
eine Behandlung der Entzündung in
der Arteriosklerose kardiovaskulären
Erkrankungen vorgebeugt werden kann.
An Nebenwirkungen gab es selten
schwere systemische Infektionen, dafür
aber auch deutlich weniger Todesfälle
durch maligne Tumoren (insbesondere
Lungenkarzinome).
Aufbauend auf diesen ermutigenden
Ergebnissen werden aktuell mehrere
antiinflammatorische Medikamente an
Herzinfarkt- und Schlaganfallpatienten
getestet.
Interessant und vielversprechend ist
Colchicin, das wir aus der Gichtbehandlung kennen. Ebenso wie der monoklonale Antikörper aus der CANTOS-Studie
greift Colchicin an der durch das Inflammasom erzeugten Entzündung an. Niedrig dosiertes Colchicin ist gut verträglich
und hat in früheren kleineren Studien
schon positive Effekte auf das Risiko von
Herzinfarkt und Schlaganfall gezeigt. Gespannt warten wir auf diese und andere
Studienergebnisse. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass bereits in wenigen Jahren
neben Lipidsenkung und Plättchenhemmung auch antientzündliche Therapien
eine wichtige Säule in der Vorbeugung
von Gefäßerkrankungen darstellen.
psychopraxis. neuropraxis
Neurologie
T -Zelle
Adhäsions
moleküle
Endothelzelle
Monozyten
Intima
LDL
ox-LDL
Scavenger
rezeptor
Glatte
Muskelzelle
T -Zelle
Proinflammatorische
Zytokine
Chemokine
Makrophagen
Schaumzellen
Glatte
Muskelzelle
Media
Makrophage
Abb. 1 8 Wichtige Mechanismen in der Entstehung der Arteriosklerose sind die Aktivierung des Endothels mit Expression
von Adhäsionsmolekülen, Invasion von Entzündungszellen, v. a. Monozyten und T-Zellen, Immunaktivierung, Bildung von
Schaumzellen und Einwanderung glatter Muskelzellen aus der Media (aus [1]; mit freundlicher Genehmigung)
Inflammationshypothese
Ein weiterer klinisch wichtiger Aspekt
der Inflammationshypothese ist die Tatsache, dass alle Erkrankungen, die mit
Inflammation einhergehen, auch zu einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre
Erkrankungen und Schlaganfall führen.
Dies ist gut belegt für chronisch-bakterielle Infektionen (zum Beispiel chronische Bronchitis), allergisches Asthma
und Tumorerkrankungen, die mit einer
frühzeitigen Gefäßalterung und erhöhten Last an Arteriosklerose im Fall des
Überlebens verbunden sind. Ein starker
Zusammenhang zwischen entzündlichen Erkrankungen und Schlaganfall
trifft ganz besonders auf Autoimmunerkrankungen zu: So ist das Risiko für
ischämische Schlaganfälle bei Patienpsychopraxis. neuropraxis
ten mit rheumatoider Arthritis (RA;
Prävalenz 1/100–1/200), entzündlichen
Darmerkrankungen, insbesondere dem
M. Crohn (Prävalenz 5/1000), und Psoriasis (Prävalenz 2/100) um etwa 50 %
erhöht. Dies gilt speziell für aktive Krankheitsphasen. Ein sehr hohes Risiko liegt
bei der Wegener-Granulomatose und
der eosinophilen Vaskulitis ebenso wie
beim systemischen Lupus erythematodes (SLE; Prävalenz 1/1000) vor. Der
SLE erhöht das Risiko für ischämische
Schlaganfälle um den Faktor 3 und das
für intrazerebrale Blutungen und subarachnoidale Blutungen um den Faktor
3–4. Bei jungen Patienten im Alter von
35–45 Jahren ist das Schlaganfallrisiko
sogar um das 50-Fache im Vergleich zur
Normalbevölkerung erhöht. Die häufigste Ätiologie von Schlaganfällen beim
SLE ist die durch systemische Entzündung ausgelöste prämature Arteriosklerose gefolgt von Gerinnungsstörungen,
während Vaskulitis und autoimmune
Endokarditis Raritäten darstellen.
chronisch entzünd»licheJedeErkrankung
führt zu
Arteriosklerose und erhöh (...truncated)