„Plate-assisted segmental bone transport“ mit Verlängerungsnagel und Platte
Leitthema – Invited Review Article
Unfallchirurg
https://doi.org/10.1007/s00113-018-0546-z
© Der/die Autor(en) 2018
Redaktion
C. Krettek, Hannover
Ulrik Kähler Olesen
Abteilung für Orthopädische Chirurgie, Copenhagen Limb Lengthening and Bone Reconstruction Unit,
Rigshospitalet, Kopenhagen, Dänemark
„Plate-assisted segmental bone
transport“ mit Verlängerungsnagel und Platte
Neue Technik zur Behandlung von
Knochendefekten in Tibia und Femur
Einführung
Die Distraktionsosteogenese stellt ein
wirksames Verfahren zur Behandlung
von Knochendefekten unterschiedlicher
Genese (Trauma, Tumor, Infektion, angeboren) dar. In der Vergangenheit standen
fast ausschließlich externe Verfahren zur
Verfügung, die mit ringförmigen, unilateralen oder Hybridkonstruktionen
die Teilaufgaben stabilisierende Defektüberbrückung und Segmenttransport
erreicht haben. Verschiedene Strategien
wie primäre Verkürzung und sekundäre
Verlängerung über einen Nagel haben
die Tragedauer für externe Fixateure
verringert (LATN/LAP/LON [„lengthening and then nailing“, „lengthening
and then plating“, „lengthening over a
nail“]; [1–3]). Unabhängig von der angewandten Methode kam es jedoch an den
Eintrittsstellen der Drähte oder SchanzSchrauben häufig zu Problemen und
Komplikationen (Infektion, Gelenkkontraktur), die patienten- und arztseitig die
Akzeptanz der Verfahren eingeschränkt
hat [4].
Die Entwicklung der Technik der Distraktionsosteogenese wird traditionell
Ilizarov zugeschrieben, der das Verfahren seit den 1940er-Jahren angewendet
und stetig weiterentwickelt hat [5]. Zuvor hatte aber bereits Codivilla im Jahr
1905 die Gliedmaßenverlängerung beschrieben [6]. Guichet et al. beschrieben
Dies ist ein eingeladener Übersichtsartikel. This
is an invited review article.
einen mechanisch von außen aktivierten
Verlängerungsnagel im Jahr 1988 [7].
Wenige Jahre später entwickelten Baumgart et al. einen ersten motorisierten
Knochenverlängerungsnagel [8].
Motorisierte intramedulläre Verlängerungsnägel in Kombinationen mit
anderen Entwicklungen und Fortschritten der muskuloskeletalen und Weichteilchirurgie haben die Möglichkeiten
der rekonstruktiven Chirurgie in zahlreichen Bereichen stark erweitert, die
bislang der externen Fixation vorbehalten waren [9–12].
Dieser Beitrag beschreibt eine wenig
invasive, interne Stabilisierungs- und
Transporttechnik für einen komplett
internen Segmenttransport. Bei dieser
Technik („plate assisted segmental bone
transport“, PABST) wird ein kommerziell
erhältlicher motorisierter Knochenverlängerungsnagel für den Segmenttransport benutzt. Das Transportsegment
wird entlang einer Knochenplatte transportiert, die für die Überbrückung und
den Positionserhalt des proximalen und
distalen Hauptfragments sorgt.
Indikation und Patientenvorbereitung
Die Indikation wird gestellt bei großen
extraartikulären Knochendefekten (Tibia >3–4 cm, Femur >4–6 cm), v. a. in den
Fällen, in denen eine akute Verkürzung
(und sekundäre Verlängerung) nicht
möglich ist. Voraussetzung ist ein Weichteilmantel, der eine Plattenosteosynthese
erlaubt. Bei tumorbedingten Defekten
sollte der Patient tumor- und rezidivfrei
sein sowie die Chemo-/Strahlentherapie
beendet haben. Ein neben dem Knochendefekt bestehender gleichzeitiger
Weichteildefekt kann eine Indikation
zur Verkürzung und sekundären Verlängerung sein und möglicherweise freien
Gewebstransfer überflüssig machen. Wie
bei allen Distraktionsosteogeneseverfahren sollte der Ernährungszustand des
Patienten optimiert und ein evtl. Nikotinkonsum eingestellt werden. Wir
verschreiben routinemäßig Vitamin D
und Kalzium während der Behandlung.
Planung
Eine subtile präoperative muskuloskeletale Analyse und Planung sind essenziell
und zielen auf ausgeglichene seitengleiche Länge und Torsion der betroffenen
Röhrenknochen sowie eine normale mechanische Achse.
Bildgebende Untersuchung
Es werden größenkalibrierte projektionsradiographische Aufnahmen in 2 Ebenen
des betroffenen Knochens und der Gegenseite angefertigt, und wenn möglich,
Achsenaufnahmen beider Beine im Stehen. In speziellen Fällen kann ein „magnetic resonance imaging“ (MRI) oder eine Positronen-Emissions-TomographieComputertomographie (PET-CT) sinnvoll sein, um die Vitalität und andere
Der Unfallchirurg
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Aspekte von Knochen oder Weichteilen
zu beurteilen.
Platte
Die Plattenlänge muss ausreichen, um
den Nagel, den Knochendefekt und begleitende Frakturen zu überbrücken sowie eine evtl. notwendige Verlängerung
zuzulassen (z. B. Kondylenplatten). Die
Platte wird mit mindestens 4 Schrauben
ober- und unterhalb des Defekts fixiert.
Am Femur verwenden wir das „less invasive stabilization system“ (LISS; Fa. DePuy Synthes, Massachusetts, USA), erhältlich bis zu einer Länge von 436 mm
(19 Löcher). An der Tibia wird die Platte (gerade, T oder L) anterolateral oder
medial eingebracht.
Nagel
Abb. 1 8 a Ein 51 Jahre alter Motorradfahrer wurde von einem Auto angefahren und erlitt eine offene
extraartikuläre Fraktur der distalen Tibia mit einem erheblichen Weichteildefekt (. Tab. 1, Fall-Nr. 1).
b Die Fraktur wurde mithilfe eines Expert-Nagels (Fa. Synthes, West Chester, PA, USA) stabilisiert, in
der Folge ausbleibende Frakturheilung und Nagelbruch (c) nach 9 Monaten. Nach Débridement und
Resektion des avitalen Knochens verblieb ein 3,5 cm großer Defekt. d Einbringen einer medialen defektüberbrückenden Platte und eines anterograden Verlängerungsnagels sowie Osteotomie eines
Transportsegments oberhalb des Defekts. Beim Andocken erneuter Eingriff und Beckenkammspongiosatransplantation. e Nach 15 Monaten wurde eine radiologische Konsolidierung beobachtet. Entfernung von Platte und Transportnagel und Stabilisierung mit einem konventionellen Nagelimplantat
(Fa. Synthes). (Abbildungen mit freundl. Genehmigung von Matthew Gardner)
Der Unfallchirurg
Der Hub (d. h. die Verlängerungsfähigkeit) des Nagels sollte mit dem Knochendefekt und einer zusätzlichen Verlängerung übereinstimmen. Der Durchmesser
des Nagels sollte nicht größer als der medulläre Kanal am Isthmus des Knochens
sein. Wir verwenden derzeit FITBONE(Fa. Wittenstein, Igersheim, Deutschland) und PRECICE-Implantate (Fa. NuVasive, San Diego, CA, USA). Die Nägel
sind in Längen von 150 mm bis 245 mm,
Hüben von 30 mm bis 80 mm lieferbar.
Normale Nägel haben Durchmesser von
8,5 mm bis 12,7 mm. Spezielle kurze
Amputationsstumpfverlängerungsnägel
(100–136 mm) mit größeren Hüben (bis
zu 136 mm), wenn auch mit größeren
Durchmessern (13–16 mm), sind bei
großen Defekten sehr nützlich. Eine
Mindestlänge von 5 cm gesundem Knochen wird gefordert, um das proximale
Ende des Nagels stabil unterzubringen.
Schrauben
In Gelenknähe sind häufig Pollerschrauben erforderlich, um Procurvatum- (proximale Tibia) oder Recurvatum-Deformitäten (distaler Femur) zu verhindern
und den Nagel im Kondylenbereich sicher zu fixieren.
Zusammenfassung · Abstract
Unfallchirurg https://doi.org/10.1007/s00113-018-0546-z
© Der/die Autor(en) 2018
U. Kähler Olesen
„Plate-assisted segmen (...truncated)