Funktion und Biogenese von Eisen-Schwefel-Proteinen in Eukaryoten
242
W I S S EN S CH AFT
Proteinkofaktoren
Funktion und Biogenese von EisenSchwefel-Proteinen in Eukaryoten
ROLAND LILL
INSTITUT FÜR ZYTOBIOLOGIE UND ZENTRUM FÜR SYNTHETISCHE MIKROBIOLOGIE
(SYNMIKRO), UNIVERSITÄT MARBURG
Iron-sulfur (FeS) clusters are versatile protein cofactors that fulfil
numerous catalytic and regulatory functions in mitochondria, cytosol,
and nucleus. Maturation of FeS proteins requires the mitochondrial
iron-sulfur cluster assembly (ISC) and the cytosolic iron-sulfur protein
assembly (CIA) machineries for de novo cluster synthesis on scaffold
proteins, cluster trafficking via transfer proteins, and cluster integration into recipient apoproteins. Here, I provide a cursory overview of
FeS protein function and maturation.
DOI: 10.1007/s12268-020-1372-8
© Der Autor 2020
ó Eisen-Schwefel(FeS)-Cluster sind evolutionär alte Proteinkofaktoren, die zahlreiche
biochemische Funktionen in der Zelle ausführen, z. B. Elektronentransfer, Katalysen,
Schwefelmobilisierung, Genregulation und
Proteindomänenstabilisierung. Die häufigsten Clustertypen sind rhombische [2Fe-2S]und kubische [4Fe-4S]-Cluster. Vor etwa
zwei Jahrzehnten wurde entdeckt, dass die
Synthese der FeS-Cluster in Zellen nicht
spontan erfolgt, sondern durch komplexe,
konservierte Synthesemaschinerien bewerkstelligt wird [1, 2]. In eukaryotischen Zellen
wie Humanzellen oder Pilzen wurden seither
über 30 meist lebenswichtige Biogenesefaktoren in Mitochondrien und dem Cytosol
identifiziert, die die mehr als 70 FeS-Proteine im Mitochondrium, Cytosol oder Zellkern
mit dem FeS-Kofaktor versorgen (Abb. 1). In
Algen und Pflanzen finden sich FeS-Proteine
auch in Plastiden, die ein eigenes Biogenesesystem beherbergen [3]. In diesem kurzen
Überblick sollen zunächst die zahlreichen
Funktionen von FeS-Proteinen in Eukaryoten (ohne Plastiden) vorgestellt werden. Im
Anschluss werden kursorisch die Komponenten und Hauptschritte der FeS-Proteinbiogenese im Mitochondrium und Cytosol
erläutert, die vor allem an Hefe und menschlicher Zellkultur erarbeitet wurden (für tiefer gehende Zusammenfassungen siehe
[4–7]).
¯ Abb. 1: Lokalisierung
und Funktion wichtiger
FeS-Proteine in Eukaryoten. Die Assemblierung
mitochondrialer (rot)
sowie cytosolischer und
nukleärer (grün) FeSProteine wird von den
ISC(iron-sulfur cluster
assembly)- und
CIA(cytosolic iron-sulfur
protein assembly)Maschinerien unterstützt.
FeS-Proteine sind an vielen biosynthetischen Prozessen (Aminosäure-,
Nukleotid- und Kofaktorsynthesen), der Bildung
von ATP in den Mitochondrien, der cytosolischen
Proteinbiosynthese und
der nukleären Genomerhaltung beteiligt. Weitere
FeS-Proteine unterstützen
die Virenabwehr, die
Mitose und die Eisenregulation. ER: endoplasmatisches Reticulum.
BIOspektrum | 03.20 | 26. Jahrgang
Die vielseitigen Funktionen von
FeS-Proteinen
Die bekanntesten FeS-Proteine sind im Mitochondrium lokalisiert, wo sie z. B. an Elektronentransferreaktionen innerhalb der
Atmungskettenkomplexe I–III oder der
β-Oxidation von Fettsäuren (ETF-Dehydrogenase) beteiligt sind (Abb. 1, [6]). Als Katalysatoren wirken die FeS-Cluster in der Aconitase des Citratzyklus oder in Enzymen der
Biosynthese anderer Kofaktoren, wie dem
Molybdän-Kofaktor (Moco) oder Häm. In der
Biotin- oder Lipoylsynthase dient je einer der
beiden FeS-Cluster dieser Enzyme als Schwefeldonor für den Biotin- bzw. Lipoyl-Kofaktor.
All diese FeS-abhängigen Kofaktoren sind
wiederum selbst an zahlreichen Zellfunktionen beteiligt, was die lebenswichtige Rolle
von FeS-Clustern unterstreicht (Abb. 1).
Cytosolische FeS-Proteine erfüllen wichtige
katalytische Funktionen im Aminosäure- und
Nukleotidstoffwechsel sowie bei verschiedenen Aspekten der Proteintranslation, wie
z. B. bei tRNA-Modifikationen oder der Ribosomenfunktion (ABCE1-Rli1) [6]. Das iron
regulatory protein 1 (IRP1) übernimmt eine
regulatorische Funktion als Eisensensor in
der Eisenhomöostase. Erst kürzlich wurden
das für die Mitose und Cytokinese bedeutsame cytosolische, FeS-haltige Kinesin 4A und
das Radikal-SAM-FeS-Protein Viperin, das als
Teil der angeborenen Immunantwort zur
Virusabwehr den RNA-Synthese-Inhibitor
ddhCTP synthetisiert, entdeckt. Im Zellkern
sind essenzielle FeS-Proteine, wie z. B. die
DNA-Polymerasen POLD1, POLZ sowie die
Primase, an verschiedenen Aspekten des
Nukleinsäurestoffwechsels beteiligt. DNAHelikasen und andere FeS-haltige Enzyme
unterstützen die DNA-Reparatur, Chromosomendynamik und Telomerlängenregulierung
[8]. Aus dieser (unvollständigen) Zusammenstellung wird deutlich, dass FeS-Cluster zentrale und vielseitige Proteinkofaktoren für
zahlreiche zelluläre Prozesse darstellen. Diese universelle Bedeutung könnte zumindest
teilweise auf die vermutete katalytische
Funktion von FeS-Clustern bei der Entstehung des Lebens zurückzuführen sein.
Biogenese mitochondrialer
FeS-Proteine
Die Biogenese mitochondrialer FeS-Proteine
wird von der iron-sulfur cluster assembly(ISC)Maschinerie bewerkstelligt, die darüber hinaus auch für die Reifung extramitochondrialer Proteine verantwortlich ist (siehe unten).
Das ISC-System besteht aus 18 Proteinen und
katalysiert die Biogenese in drei Hauptschritten: (1) Synthese eines [2Fe-2S]-Clusters auf
einem Gerüstprotein; (2) Transfer des Clusters zu einem Glutaredoxin und nachfolgende Insertion in Apoproteine; (3) Synthese
eines [4Fe-4S]-Clusters, gefolgt von der
Insertion in Apoproteine. Der erste Schritt
wird von einem dynamischen Dodecamer aus
2 × 6 Proteinen durchgeführt, dessen Struktur bekannt ist (Abb. 2, [9, 10]). Dabei
erzeugt zunächst der CysteindesulfuraseSubkomplex NFS1-ISD11-ACP1 aus freiem
Cystein ein enzymgebundenes Persulfid
(-SSH), das dann auf das Eisen-bindende
Gerüstprotein ISCU2 übertragen wird. Der
Persulfidtransfer wird vom Protein Frataxin
(FXN) unterstützt, das in der Friedreich-Ataxie, einer neurodegenerativen Erkrankung,
funktionell gestört ist. Das sechste Komplexprotein Ferredoxin FDX2 bindet in reduzierter Form an die anderen ISC-Proteine und
überträgt dabei Elektronen auf das Persulfid,
das dadurch zu Sulfid reduziert wird. Die
Reduktion des dann oxidierten FDX2 erfolgt
durch NADPH und die Ferredoxinreduktase
FDXR. Auf dem ISCU2-Gerüstprotein entsteht der [2Fe-2S]-Cluster entweder durch
eine Wiederholung dieser Reaktionen oder
durch Interaktion zweier Komplexe. Das Produkt ist schließlich ein ISCU2-Dimer, das
durch den [2Fe-2S]-Cluster verbrückt ist.
Im zweiten Schritt wird der ISCU2-gebundene Cluster durch ein spezifisches HSP40HSP70-Chaperonsystem auf das Monothiol
Glutaredoxin GLRX5 übertragen (Abb. 2).
Dazu bindet zunächst das J-Protein HSC20
(Hefe Jac1) an ISCU2, um dadurch das mitochondriale HSP70 (HSPA9; Hefe Ssq1) an
diesen Komplex anzudocken. Nach ATPHydrolyse wird ISCU2 fest an HSPA9 gebunden, wodurch der [2Fe-2S]-Cluster vom
ISCU2-Dimer dissoziiert und auf GLRX5
übertritt. Die direkte Bindung des GLRX5 an
HSPA9 unterstützt diese Transferreaktion.
Nun kann der auf GLRX5 gebundene [2Fe2S]-Cluster direkt auf Ziel-Apoproteine übertragen werden, (...truncated)