Mitochondrien unter Stress: Die Rolle der Präsequenzprotease MPP
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Zelluläre Integrität
Mitochondrien unter Stress: Die Rolle
der Präsequenzprotease MPP
F.-NORA VÖGTLE
ZENTRUM FÜR MOLEKULARE BIOLOGIE DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG (ZMBH) UND
NETZWERK ALTERNSFORSCHUNG (NAR), UNIVERSITÄT HEIDELBERG
The majority of mitochondrial proteins are encoded in the nuclear
genome, so that the nearly entire proteome is assembled by
post-translational preprotein import from the cytosol. Proteomic
imbalances are sensed and induce cellular stress response pathways
to restore proteostasis. Here, the mitochondrial presequence protease
MPP serves as example to illustrate the critical role of mitochondrial
protein biogenesis and proteostasis on cellular integrity.
DOI: 10.1007/s12268-021-1589-1
© Die Autorin 2021
ó Der Aufbau des mitochondrialen Proteoms erfordert die koordinierte Expression
von Proteinen, die in zwei verschiedenen
Genomen codiert werden. Während der
Hauptteil des Proteoms im Zellkern codiert
ist, befindet sich die Information für acht Pro¯ Abb. 1: Mitochondriale Proteinbiogenese. Mitochondriale
Proteine sind sowohl
im Zellkern als auch
im mitochondrialen
Genom (mtDNA)
codiert. Für den
Import von Präproteinen aus dem Cytosol besitzen Mitochondrien Importmaschinerien, die die
Translokation und
Sortierung in die verschiedenen mitochondrialen Subkompartimente ausführen. Zentral für die
Biogenese der meisten mitochondrialen
Präproteine ist die
mitochondriale Prozessierungsprotease
MPP, die die Signalsequenzen nach dem
Import in der Matrix
abspaltet. AM:
Außenmembran; IMR:
Intermembranraum;
IM: Innenmembran.
teine (Hefe) bzw. 13 Proteine (Mensch) in der
mitochondrialen DNA (mtDNA) (Abb. 1). Die
Expression beider Genome wird durch eine
rege Kommunikation zwischen den Organellen aufeinander abgestimmt. Die Synthese
mitochondrialer Präproteine an cytosolischen Ribosomen birgt dabei einige Herausforderungen, da die Vorstufenproteine zum
Organell und dort an die richtige Stelle transportiert werden müssen [1]. Mitochondrien
bestehen aus zwei Lipiddoppelschichten, der
äußeren und inneren Membran, die den
Intermembranraum und die Matrix begrenzen. Transportsignale in den Vorstufenproteinen vermitteln den Import und die Sortierung in das richtige Subkompartiment [1].
Hierfür besitzen Mitochondrien mehrere
komplexe Proteinimportmaschinerien, die
für die Translokation über – bzw. die Assemblierung in – die Membran benötigt werden
(Abb. 1). Die Mehrheit der Vorstufenproteine
wird entlang des Präsequenzimportwegs
importiert. Als Signal dient eine N-terminale
Sequenz (Präsequenz), die von den Translokasen der Außen- und Innenmembran
(TOM und TIM23) erkannt wird und das Protein in die Matrix schleust. Hier trifft das
Vorstufenprotein auf ein komplexes Netzwerk an Proteasen, die neu importierte Proteine prozessieren und somit ihre Funktionalität und Stabilität mitbestimmen [2, 3]. Eine
zentrale Rolle nimmt die essenzielle mitochondriale Präsequenzprotease (MPP) ein.
MPP ist ein Heterodimer, das aus zwei miteinander strukturell verwandten Proteinen
besteht: Die β-Untereinheit (PMPCB in humanen Zellen, Mas1 in Hefe), in der sich das
aktive Zentrum befindet und die α-Untereinheit (PMPCA, bzw. Mas2), die vermutlich
eine Rolle bei der Substraterkennung spielt
[2, 4]. MPP ist eine zinkabhängige Metalloprotease und die Struktur des Hefeenzyms
konnte zeigen, dass eine flexible glycinreiche
Schleife in der α-Untereinheit bei der Substratbindung bzw. dem Freisetzen des reifen
Proteins eine wichtige Rolle spielt [5].
Während weitere mitochondriale Proteasen ebenfalls an der Prozessierung von
Präproteinen beteiligt sind, dabei allerdings
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nur eine sehr geringe Anzahl an Substraten haben, gilt MPP als die Hauptpräsequenzprotease [2, 6]. Studien aus
der Bäckerhefe legen nahe, dass ca. 70
Prozent aller mitochondrialen Vorstufenproteine eine spaltbare Präsequenz
als Importsignal verwenden und dass
MPP die Mehrheit dieser Proteine nach
dem Import prozessiert [7].
Da nach der Spaltung durch MPP häufig Phenylalanin, Tyrosin oder Leucin
als N-terminale Aminosäure vorliegt,
was mit einer verringerten Proteinhalbwertszeit korreliert, werden diese Proteine ein zweites Mal prozessiert: Die Entfernung einer weiteren einzelnen Aminosäure durch die intermediate cleaving
peptidase Icp55 oder von acht Aminosäuren durch die mitochondrial intermediate protease MIP/Oct1 bildet reife Proteine, die mit einer stabilisierenden
Aminosäure (meist Serin oder Alanin)
beginnen (mitochondriale N-end-Regel)
[2, 6, 7]. Das System aus MPP, Icp55 und
MIP/Oct1 bildet so eine zentrale proteolytische Qualitätskontrolle beim Aufbau
eines funktionellen mitochondrialen
Proteoms.
MPP-Mutationen führen zu
schweren neurologischen
Erkrankungen
MPP kommt eine essenzielle Rolle beim
Aufbau des mitochondrialen Proteoms
zu. Deutlich wird dies auch durch Punktmutationen in MPP, die in beiden Untereinheiten des humanen Enzyms in Patienten mit schweren neurologischen
Symptomen identifiziert wurden [8-10].
Diese umfassen Störungen der Bewegungskoordination (cerebelläre Ataxie),
Epilepsie und Neurodegeneration, die
sich bereits im frühen Kindesalter entwickeln. Patienten mit Mutationen in
der katalytischen Untereinheit PMPCB
scheinen schwerere Krankheitsverläufe
zu entwickeln, während bei PMPCA die
Nähe der Mutation zu der für die Substraterkennung wichtigen glycinreichen
Schleife mit einem schwereren Krankheitsbild korreliert [8-10]. Während die
Menge der mutierten PMPCA- oder
PMPCB-Proteine meist stark reduziert
ist, konnte bei der Analyse von MPPSubstraten bisher nur eine aberrante
Prozessierung von Frataxin (FXN) entdeckt werden. FXN ist ein besonderes
MPP-Substrat, da es zweimal hintereinBIOspektrum | 04.21 | 27. Jahrgang
ander von MPP gespalten wird. In den
Patienten konnte eine Akkumulierung
des intermediären und eine Verringerung des reifen FXN detektiert werden.
FXN spielt eine Rolle bei der Synthese
von Eisen-Schwefel-Zentren und Analysen von Patientenproben konnten eine
verminderte Aktivität von Proteinen, die
Fe-S-Zentren besitzen (beispielsweite
der mitochondrialen Atmungskette), im
Muskel nachweisen [10]. Defekte in der
Synthese von Fe-S-Zentren haben auch
Auswirkungen auf andere Zellkompartimente, da diese Ko-Faktoren aus den
Mitochondrien exportiert und in viele
extra-mitochondriale Proteine eingebaut
werden [11]. Dadurch können die Mutationen in MPP auch zelluläre Funktionen in anderen Kompartimenten beeinträchtigen. Zwar konnten bisher nur
FXN-Prozessierungsdefekte in humanen
Patientenproben identifiziert werden, es
ist allerdings unwahrscheinlich, dass
keine weiteren MPP-Substrate betroffen
sind. Hierfür spricht auch eine Analyse
im Modellorganismus Bäckerhefe, in der
Patientenmutationen in das homologe
Mas1 eingefügt wurden und zu einer
defekten Prozessierung aller getesteten
MPP-Substrate führte [10]. Es ist anzunehmen, dass FXN aufgrund der zweifachen MPP-Spaltung besonders sensitiv
auf Dysfunktion (...truncated)