Wie Zellen kommunizieren: extra-zelluläre Vesikel als Signalübermittler
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Extracellular Vesicles
Wie Zellen kommunizieren: extrazelluläre Vesikel als Signalübermittler
LEONIE WITTE 1,2 UND JULIA CHRISTINA GROSS 1,2
1 HÄMATOLOGIE UND ONKOLOGIE, UNIVERSITÄTSMEDIZIN GÖTTINGEN
2 ENTWICKLUNGSBIOCHEMIE, UNIVERSITÄTSMEDIZIN GÖTTINGEN
Development and homeostasis of multicellular organisms requires a
constant exchange of information. Intercellular communication can be
mediated by extracellular vesicles – tightly packed informational units
that are secreted by virtually all cell types. Depending on their origin
they carry distinct sets of proteins and RNAs and elicit diverse signalling responses in close and distant target cells. Despite their crucial
role for health and disease, their biogenesis remains poorly understood.
DOI: 10.1007/s12268-020-1429-8
© Die Autorinnen 2020
ó Eine grundlegende Voraussetzung für
Entstehung und Homöostase komplexer
mehrzelliger Organismen ist der regulierte
Austausch kontextabhängiger Signale.
Signalmoleküle wie Hormone, Wachstumsfaktoren oder Zytokine verteilen sich dazu im
extrazellulären Raum und erreichen ferne
und nahe Zielzellen. Zusätzlich zur freien
Sekretion löslicher Faktoren erfordert der
Austausch komplexer Botschaften die Integration verschiedener molekularer Botenstoffe in stabile Informationseinheiten, die
mit hoher räumlicher und zeitlicher Präzision
im gesamten Organismus verteilt werden
können. Extrazelluläre Vesikel sind solche
kompakten Informationseinheiten – mit
essenziellen Funktionen für physiologische
sowie pathologische Entwicklungsprozesse.
direkt von der Plasmamembran (PM) abgeschnürt werden und 2) Exosomen oder kleine
EV (small EV, sEV) mit einem Durchmesser
von 50–150 nm, die als intraluminale Vesikel ins Innere von multivesikulären Endosomen (MVE) abgeschnürt und anschließend
durch Fusion mit der PM freigesetzt werden
(Abb. 1, [1]).
Für die Biogenese von sEV werden
zunächst Mitglieder der ESCRT(endosomal
sorting complexes required for transport)Maschinerie an die MVE-Membran rekrutiert, wo sie die Beladung von sEV mit Fracht-
molekülen, Membraninvagination und Vesikelabschnürung koordinieren [1]. Ebenso
existieren ESCRT-unabhängige Entstehungswege unter Beteiligung von Ceramid-reichen
Membrandomänen und Tetraspaninen [1].
Während die Beladung von sEV mit microRNA
über spezifische Erkennungssequenzen und
die Interaktion von ESCRT-Komponenten mit
RNA-Bindeproteinen erfolgen kann, sind die
Mechanismen hinter der Beladung mit
mRNA und DNA noch weitgehend unverstanden. Die letztendliche Sekretion von sEV
wird durch sekretorischen MVE-Transport
und Fusion mit der PM vermittelt. Da ein
Großteil aller MVE lysosomal abgebaut wird,
stellt der spezifische sekretorische Transport
von MVE-Subpopulationen eine regulatorische
Ebene der sEV-Sekretion dar. Endosomale
RabGTPasen wie Rab27, Rab35 oder Rab11
sind an der Kontrolle der MVE-Sekretion
ebenso beteiligt wie die SNARE (soluble NSF
attachment receptor)-Proteine VAMP7,
SNAP23 und Ykt6, die letztendlich die Fusion
der MVE-Membran mit der PM mediieren [1].
Nach ihrer Ausschüttung erreichen EV
über den extrazellulären Raum und nahezu
alle Körperflüssigkeiten ihre Zielzellen. So
ergibt sich, z. B. im Blutplasma, eine immense
Entstehung von extrazellulären
Vesikeln
Extrazelluläre Vesikel (EV) sind eine heterogene Gruppe membranöser Vesikel, die von
nahezu allen Zellen sekretiert und aufgenommen werden können. Abhängig von
Ursprungszelle und biologischem Kontext
tragen sie ein vielfältiges Repertoire aus
Membranproteinen in ihrer Hülle sowie lösliche Faktoren wie Proteine, DNA und RNA in
ihrem Lumen. Zwei Arten von EV werden
unterschieden: 1) Mikrovesikel oder große EV,
die mit einem Durchmesser von 100–1000 nm
BIOspektrum | 05.20 | 26. Jahrgang
˚ Abb. 1: Biogenese und Zusammensetzung kleiner und großer extrazellulärer Vesikel (EV). Kleine EV werden als intraluminale Vesikel in multivesikuläre Endosomen abgeschnürt und können
durch deren Fusion mit der Plasmamembran unter Beteiligung von Motorproteinen, SNARE-Proteinen und RabGTPasen ausgeschüttet werden. Große EV werden dagegen direkt von der Plasmamembran abgeschnürt. Die Komposition von EV spiegelt die endosomale bzw. cytoplasmatische
Herkunft wieder und unterliegt zelltyp- und kontextabhängiger Regulation.
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Vielfalt an EV aus allen denkbaren Organen
und Zelltypen. Aus dem jeweiligen Beladungsmuster ergeben sich kontextabhängige
Botschaften, die in ihren Zielzellen komplexe
Signalkaskaden auslösen.
Extrazelluläre Vesikel im gesunden
und kranken Organismus
Der Grunderhalt eines Organismus hängt
von Zell- und Gewebehomöostase ab. Hier
leisten EV einen wichtigen Beitrag: Durch
eine Membranhülle geschützt erhöht sich
Stabilität und Reichweite sekretierter Botenstoffe und die spezifische Interaktion von EV
mit Zielzellen ermöglicht eine zielgerichtete
und effiziente Kommunikation (Abb. 2). So
wird der Erhalt der Stammzellnische von
Stammzell-EV gesichert, die Faktoren wie
nanog, Oct-4 oder Wnt tragen [2, 3]. Durch
ihre proliferationsfördernden und pro-angiogenen Eigenschaften bergen EV, insbesondere sEV mesenchymaler Stromazellen
(MSZ), ein hohes regeneratives Potenzial. Die
vielfältigen therapeutischen Eigenschaften
von MSZ-sEV zeigen sich in kardialen und
zerebralen Infarktmodellen sowie bei fibrotischen Nieren- und Lungenerkrankungen [4].
Auch Tumorzellen machen sich EV zu
Nutze, um proliferationsfördernde Signale
auszutauschen, Immunzellen abzuwehren
und die Metastasierung voranzutreiben. So
modulieren Tumor-sEV (T-EV) das Immunsystem, indem sie, z. B. durch Transfer von
miR-1246 in sEV, Makrophagen zu pro-tumorigenen, tumorassoziierten Makrophagen
umprogrammieren [5]. Durch Sekretion von
Fibronektin auf sEV können Tumorzellen
zudem die Interaktion mit der extrazellulären Matrix erhöhen und durch die sEV-Sekretion von Matrixmetalloproteasen, wie MT1MMP, Motilität und Invasivität steigern [6].
Am Beispiel von Brustkrebszellen konnte
gezeigt werden, dass Motilität, Invasion und
Metastasierung zudem von sEV stimuliert
werden, die von tumorassoziierten Fibroblasten sekretiert werden [6]. Erreichen T-EV den
Blutkreislauf, können sie in verschiedenen
Organen metastatische Nischen vorbereiten,
wobei der Organtropismus der Metastasierung maßgeblich von T-EV-ständigen Integrinen vermittelt wird [7]. Daher stellt die
Charakterisierung von T-EV aus Flüssigbiopsien eine schonende und vielversprechende
Möglichkeit dar, Tumore frühzeitig zu diagnostizieren, sowie Therapieerfolge langfristig zu überwachen. Beispielsweise sind im
Prostatakarzinom Claudin-3 und microRNA
(miR-10a-5p und miR-29b-3p) spezifisch in
Blutproben erkrankter Patienten angereichert [8]. Vorausset z u ng dafür, ihr
diagnostisches und
therapeutisches
Potenzial voll auszunutzen, ist jedoch
zunächst ein besseres Verständnis für
die Biogenese und
kontextabhängige
Sekretion von EV.
˚ Abb. 2: Überblick über physiologische und pathologische Funktionen
extrazellulärer Vesikel [2].
Forschung an extrazellulären
Vesikeln i (...truncated)