Membrankomplexität und der Übergang vom Pro- zum Eukaryoten
492
W I S S ENS CH AFT
Zellmembranen
Membrankomplexität und der Übergang vom Pro- zum Eukaryoten
ERIK HANSPACH, SIMON STOCKHORST, SVEN B. GOULD
INSTITUT FÜR MOLEKULARE EVOLUTION, UNIVERSITÄT DÜSSELDORF
Biological membranes are a crucial part of cellular life and they provide
important insights into fundamental evolutionary questions. Studying
membranes and their composition sheds light on the origin of life itself
and how it diversified, and touches upon the origin of eukaryotes and
their cellular compartments. Here, we discuss the impact of membranes
and their associated proteins on evolutionary research and what that
might tell us about the emergence of the eukaryotic cell.
DOI: 10.1007/s12268-019-1080-4
© Die Autoren 2019
ó Biomembranen sind ein essenzieller
Bestandteil aller lebenden Zellen. Sie bestehen im Allgemeinen aus einer Doppelschicht
amphiphiler Lipide und eingelagerter Proteine, grenzen Zellen zu ihrem umgebenden
Medium ab und definieren intrazelluläre
Reaktionsräume. Neben ihrer abgrenzenden
Funktion sind Membranen in eine Vielzahl
zellulärer Prozesse involviert: Als Permeabilitätsbarrieren regulieren sie den Austausch
von Stoffen zwischen Zellen und ihrer
Umwelt; innerhalb der Zelle spielen sie eine
entscheidende Rolle bei der Weiterleitung von
Signalen und ermöglichen mittels Konzentrationsgradienten und Membranpotenzialen
die Erzeugung des Energieträgers ATP durch
chemiosmotische Kopplung.
Archaeen und Bakterien (Prokaroyten) sind
hinsichtlich ihrer Membranen einfacher aufgebaut als Eukaryoten und besitzen vor allem
meist keine intrazellulären, membrangebundenen Kompartimente. Bezüglich ihrer Biochemie sind eukaryotische und bakterielle
Membranen allerdings einander recht ähnlich und weisen gemeinsam Unterschiede zu
archaeellen Membranlipiden auf. Die Membranen von Bakterien und Eukaryoten bestehen vorwiegend aus einem hydrophilen
Grundgerüst aus Glycerolphosphaten, die mit
zwei hydrophoben Fettsäuren verestert sind.
Membranen der untersuchten Archaeen
bestehen hingegen aus Etherbindungen zwischen Glycerolkopfgruppen und hydropho-
ben Isopreneinheiten. Während bakterielle
Lipide typische Lipiddoppelschichten ausbilden, können Membranen der Archaeen aus
Einzelschichten miteinander verbundener Isoprene (Glyceroltetraether) bestehen (Abb. 1B).
Einer der definierenden Unterschiede zwischen pro- und eukaryotischen Zellen ist
das eukaryotische Endomembransystem. Es
umfasst den Zellkern, das endoplasmatische
Retikulum (ER), den Golgi-Apparat, Vakuolen, Endosomen, Peroxisomen und die zwischen den einzelnen Kompartimenten verkehrenden Vesikel (Abb. 1A). Darüber hinaus finden sich in Eukaryoten die Mitochondrien und in Algen und Pflanzen noch zusätzlich die Plastiden, beides Organellen endosymbiontischen Ursprungs. Einfache intrazelluläre Membranen finden sich auch in Prokaryoten; Beispiele sind die Thylakoide photosynthetischer Cyanobakterien, Einstülpungen der Plasmamembran von Gemmata obscuriglobus oder die Magnetosomen mancher
Bakterien. In seiner evolutionär konservierten
Form und Komplexität ist das eukaryotische
Endomembransystem allerdings einzigartig,
˚ Abb. 1: Das eukaryotische Endomembransystem. A, schematische Darstellung einer eukaryotischen Zelle und ihrer intrazellulären Membranen. Letztere gehen evolutionär auf vom Endosymbionten sekretierte OMVs (outer membrane vesicles) zurück. Membranen grenzen Zellorganellen
zum Cytoplasma ab und bewirken damit die Kompartimentierung eukaryotischer Zellen. Ein komplexes Netzwerk aus Vesikeln sorgt für den Stoffaustausch und die Kommunikation zwischen einzelnen Organellen sowie der Plasmamembran der Zelle. Das Vorliegen von Proteinen der prokaryotischen Plasmamembran im eukaryotischen Endomembransystem liefert Hinweise auf dessen
evolutionäre Entstehung. B, grundsätzlicher Aufbau archaeeller Lipide im Vergleich zu Lipiden
bakterieller und eukaryotischer Membranen. Archaeelle Membranen können aus Einzelschichten
miteinander verbundener Isopreneinheiten bestehen, während bakterielle- und eukaryotische
Membranen aus Lipiddoppelschichten aufgebaut sind (modifiziert nach [1]).
BIOspektrum | 05.19 | 25. Jahrgang
WI SSENSCHA F T
495
˘ Abb. 2: Schematischer Vergleich der
Proteinkomposition
der Hüllen verschiedener Vesikel.
Gemeinsam ist allen
gezeigten Vesikelhüllen ein Aufbau aus
membranverankerten Proteinen (rot),
Adapterkomplexen
(blau) und formgebenden Komplexen
aus coatomer-Proteinen (grün). Coatomer-Proteine aller
umhüllter Vesikel
bestehen aus β-Propeller-Domänen
(dunkelgrün) sowie
α-Solenoid-Domänen
(hellgrün).
und sein Ursprung ist verknüpft mit dem
Ursprung des Mitochondriums und der eukaryotischen Zelle selbst.
Eine kürzlich vorgeschlagene Theorie zieht
hierbei die Rolle von Vesikeln in Betracht,
welche von prokaryotischen Zellen in die
Umwelt abgegeben werden. Vesikel sind
sowohl außerhalb als auch innerhalb von Zellen von erheblicher Bedeutung: Sie werden
von vielen Mikroorganismen in das extrazelluläre Medium abgegeben und können beispielsweise der Kommunikation mit benachbarten Individuen oder dem Transport toxischer Substanzen dienen, wodurch sekretierte
Vesikel insbesondere in pathogenen Spezies
von Bedeutung sind. Die Sekretion solcher
outer membrane vesicles (OMVs) des endosymbiotisch aufgenommenen Bakteriums
(Vorläufer des heutigen Mitochondriums)
könnte zur Akkumulation von Membranvesikeln innerhalb der archaeellen Wirtszelle
geführt haben (Abb. 1A). Fusionen der Vesikel untereinander sowie mit der Plasmamembran der Wirtszelle können im Verlauf
der evolutionären Entwicklung des letzten
gemeinsamen Vorfahren aller Eukaryoten
(last eukaryotic common ancestor, LECA) zur
Entstehung des heutigen eukaryotischen
Endomembransystems geführt haben sowie
den Aufbau heutiger eukaryotischer Membranen erklären [1]. Im Endomembransystem der Eukaryoten finden sich Proteine, welche aus der prokaryotischen Plasmamembran
bekannt sind, und Mitochondrien sekretieren bis heute Vesikel in unseren Zellen.
BIOspektrum | 05.19 | 25. Jahrgang
Eukaryotische Zellkompartimente
und deren Kommunikation durch
Vesikel
Nach der von Eberhard Schnepf formulierten
Kompartimentierungsregel (Schnepf’sches
Theorem) trennen Membranen nicht-plasmatische von plasmatischen Phasen ab. Der
Transport von Molekülen zwischen den sich
hieraus ergebenden Kompartimenten ist meist
Vesikel-abhängig und benötigt Hunderte verschiedener Proteine. Ein sekretiertes Protein
passiert zwischen seiner Synthese an den
Ribosomen und seiner Sekretion in das extrazelluläre Milieu meist das Lumen des ER
sowie des Golgi-Apparats. Um einen Kontakt
solcher Proteine mit dem reduzierenden
Milieu des Cytosols zu vermeiden, nutzen Zellen ein ausgeklügeltes, vesikelbasiertes Transportsystem (Abb. 1A). Cytosolische Vesikel
weisen in der Regel eine Hülle aus Proteinen
(coat) auf, welche die Reifung der Vesikel
ermöglichen und ihre Identität sichern.
Derzeit sind drei Arten von coated vesicles
bekannt, die sich in den am Aufbau der Hülle beteiligten Proteine (...truncated)