Antreiber evolutionärer Transformation: die Endosymbiose
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Endosymbionten
Antreiber evolutionärer
Transformation: die Endosymbiose
MONA SCHREIBER, SVEN B. GOULD
ZELLBIOLOGIE DER PFLANZEN, UNIVERSITÄT MARBURG
Endosymbiosis is a transformative force of evolution. Endosymbionts
established billions of years ago shaped the face of earth and more
recent ones take up intriguing new duties. Benefits of exploring endosymbioses are manyfold: we gain a better understanding of fundamental biological principles such as why prokaryotes fail to frequently
evolve eukaryote-like complexity and can learn how beneficial partnerships are established. 50 years ago, endosymbiosis was met with
scepticism, but is now accepted as a phenomenon responsible for
some of life’s biggest transitions.
DOI: 10.1007/s12268-021-1670-9
© Die Autorinnen und Autoren 2021
ó Charles Darwins Evolutionstheorie fußt
auf der Idee der Vererbung kleinster vorteilhafter Veränderungen und deren Fixierung
in einer Spezies. So formulierte er, nur auf
Beobachtung der Natur beruhend, eines der
bedeutendsten Konzepte
p der theoretischen
Biologie und legte das Fundament für unser
Verständnis der vertikalen
kalen Vererbung adaptiver Eigenschaften. Im
m Laufe der Zeit führten neue Erkenntnisse,
sse,
wie die Mendelschee
Vererbungslehre, die
Entdeckung der DNAMutation und die Popu-lationsgenetik, zu Anpasassungen der Evolutionstheostheorie. In den vergangenen
enen
Jahrzehnten gewann
n die
horizontale Vererbungg genetischer Information (horizontal
horizontal
gene transfer, HGT) an Bedeutung. Endosymbiose kann
ann als extreme Form von HGT verstanden
werden, bei der das Wirtsgenom
mit Hunderten Genen
n und Darwins
Theorie um eine vertikale
ale Komponente
erweitert werden. Am eindrücklichsten
zeigt sich diese transformierende
formierende Kraft im
Ursprung der Eukaryoten
ten sowie später in der
Entwicklung der Archaeplastida.
aeplastida.
BIOspektrum | 07.21 | 27. Jahrgang
Zwei Milliarden Jahre bis zum
Ursprung eukaryotischer Zellbiologie
Der Übergang von einer Geo- zur ersten Biochemie vor etwa vier Milliarden Jahren markierte den Ursprung des Lebens. Die Erfor-
schung der Abiogenese hat aktuell beachtliche Fortschritte gemacht und so konnte
durch den Einsatz von Greigit (Fe3S4) oder
Awaruit (Ni3Fe) – charakteristische Mineralien der Hydrothermalquellen – CO2 zu Acetat und Pyruvat unter der Nutzung von H2 als
Elektronendonor reduziert werden [1]. Diese
Reaktionen spiegeln den Acetyl-CoA-Syntheseweg wider und damit einen der ältesten
biochemischen Synthesewege. Er ist Grundbaustein des ersten Lebens wie der genetische Code, das Ribosom und die etwa 350
universellen Proteinfamilien, welche auf
LUCA (last universal common ancestor)
zurückgehen. Das erste Leben war in seiner
Natur rein prokaryotisch und blieb es für
rund zwei Milliarden Jahre auch. Warum?
Die fundamentalen Unterschiede in der
Lipidbiochemie der Archaeen und Bakterien
belegen die frühe Aufspaltung der beiden
Gruppen. Sie beeindrucken in evolvierter
Biochemie und Enzymatik, während ihre
zelluläre und morphologische Komplexität
gering bleiben. Nur vereinzelt finden sich
membrangebundene
Kompartimente wie
g
die Thylakoide in Cyanobakterien oder das
¯ Abb. 1: De
Der Baum des Lebens mit
Fokus auf die
d Eukaryoten. Der letzte
gemeinsam
same universale Vorfahr (last universal common
co
ancestor, LUCA) spaltete sic
sich vor rund vier Milliarden
Jah
Jahren in Archaeen und Bakterieen auf. Die Integration eines
Bakteriums in einen archaeellen Wirt leitete die Eukaryogenese rund zwei Milliarden
Ja
Jahre später ein und mündete
in die Evolution der verschiedene
nen eukaryotischen Linien. Eine
zw
zweite Endosymbiose mit einem
Cy
Cyanobakterium markierte den
Ur
Ursprung der Archaeplastida
vor mindestens 1,5 Milliarden
Jahr
Jahren, aus welcher Gruppe vor
ca. 500
5 Millionen Jahren eine
stroptophytische
stropto
Alge ihren Weg an
Land fand
fan und letztendlich die
Embryophyta
bryophy evolvierten. CRUMs: Collodictyonida, Ri
Rigifilida und Mantamonadida;
TSAR: Telonemids,
Telonemid Stramenopila, Alveolata
und Rhizarien; Ga: Gig
Giga-annum (109 Jahre).
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W I S S EN S CH AFT
¯ Abb. 2: Drei Beispiele biologisch interessanter Symbiosen.
Die Endosymbionten
der Wirte sind jeweils
rot/orange hervorgehoben. A, Der Zwergtintenfisch Euprymna scolopes mit seinen biolumineszenten Bakterien, welche
sich auf der ventralen
Seite anreichern.
B, Die Schmierlaus
Planococcus citri mit
ihrem Endosymbiontenkomplex bestehend aus zwei Bakterienarten. C, Der
Wasserfarn Azolla mit
seinem diazotrophen
Cyanbakterium Nostoc azollae, welcher
in einem spezialisierten Hohlraum eines
jeden photosynthetisch aktiven Blattes
lebt.
Acidocalcisom in Agrobakterien. Kompartimente sind aber kein definierendes Merkmal
der Prokaryoten und ihre Evolution mündete
nie in ein Taxon mit komplexem und mehrzelligem Aufbau [2]. Erst die Perfektionierung der syntrophischen Beziehung zwischen einem Archaeon und einem
Alphaproteobakterium führten zur eukaryotischen Zellbiologie (Abb. 1).
Phylogenetisch stehen die durch Metagenomdatenassemblierung entdeckten Asgardarchaea der Wirtszelle der Eukaryogenese
am nächsten. Vertreter dieser diversen
Gruppe codieren eine Reihe von Proteinen,
welche als typisch für Eukaryoten und ihre
Charakteristika galten: ESCRT-Proteine des
Endomembransystems, Aktinzytoskelettregulierende Komponenten und ein Ubiquitinierungssystem beispielweise. Erste Aufnahmen des Asgardarchaeons Prometheoarchaeon syntrophicum zeigen jedoch keinerlei eukaryotische Merkmale und mit nur
0,3 Prozent ist die Menge an Proteinfamilien
des last eukaryotic common ancestor (LECA),
die exklusiv auf Asgardarchaea zurückgehen, sehr gering. Genomgröße und Anzahl
codierter Proteine korrelieren eben nicht
mit der Komplexität einer Spezies. So codieren manche prokaryotischen Taxa an die
10.000 Proteine, einige Eukaryoten wie
Encephalitozoon hingegen nur 2.000. Die
zelluläre Komplexität der Eukaryoten sowie
ihre innovative Kraft in der Entwicklung
neuer Proteinfamilien gehen auf andere
Mechanismen zurück und führen zum Mitochondrium.
In der Eukaryogenese war die Rolle des
Mitochondriums vielgestaltig. Es zahlte für
die Explosion an Proteinfamilien mit einer
optimierten Energieversorgung sowie der
Verlagerung seiner genetischen Information
und dessen Regulation in den Zellkern.
Damit konnte die Proteinbiosynthese, dem
mit etwa 70 Prozent des gesamten ATP-Budgets teuersten Prozess, in Eukaryoten um das
etwa 200.000-Fache gesteigert werden [3].
Früh ermöglichte dies die Entstehung tausender neuer Proteinfamilien, welche die
eukaryotische Zelle stützen und steuern.
Neben Energie lieferte das Mitochondrium
auch Membranmaterial in Form von sekretierten Vesikeln. Mitochondria-derived vesicles (MDVs) transformierten die Lipidzusammensetzung von innen heraus und bildeten
Kompartimente. Bis heute sind MDVs an der
Neusynthese von Peroxisomen beteiligt, fusionieren mit diversen Kompartimenten und
unterstützen unser Immunsystem.
Viele der eukaryotischen Kompartimente
und Merkmale fungieren als evolution (...truncated)