Wie kleine Amyloid-β-Peptide zum großen Problem im Gehirn werden können
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Proteincharakterisierung
Wie kleine Amyloid-β
β-Peptide zum großen Problem im Gehirn werden können
RENÉ ZANGL, NINA MORGNER
INSTITUT FÜR PHYSIKALISCHE UND THEORETISCHE CHEMIE, UNIVERSITÄT
FRANKFURT A. M.
The formation of amyloid-β oligomers plays a key role in the onset of
Alzheimer’s disease. We investigated the aggregation of amyloid-β
oligomers by mass spectrometry and ion mobility spectrometry,
revealing those structural properties, which lead to the formation of
mature fibrils. We can show that the arrangement of the first oligomers is crucial for the topology of the resulting species, leading to
the formation of non-toxic aggregates or fibrils.
DOI: 10.1007/s12268-021-1678-1
© Die Autorinnen und Autoren 2021
ó Aufgrund der steigenden Lebenserwartung stellen Demenzerkrankungen wie Alzheimer ein immer größer werdendes Problem
unserer Gesellschaft dar. Gleichzeitig stehen
für deren Behandlung keine Therapiemethoden zur Verfügung. Bei Patienten und
Patientinnen mit Alzheimer wird ein Rückgang der Hirnmasse beobachtet, der auf das
Absterben von Neuronen zurückzuführen ist
[1]. Neben der Neurodegeneration wird das
Auftreten von Proteinplaques im Gehirn
beobachtet, die aus dem Amyloid-β-Protein
aufgebaut sind. Diese Plaques galten lange
als Auslöser der Erkrankung. Inzwischen
geht man davon aus, dass es sich hierbei um
ein Nebenprodukt handelt, während die kleineren, aus 42 Aminosäuren (AS) bestehenden Amyloid-β(Aβ42)-Oligomere als neurotoxisch gelten [2].
Amyloidbildung
Die Bildung von Fibrillen lässt sich in drei
Phasen unterteilen: In der ersten Verzögerungsphase liegt das amyloidogene Peptid
primär in seiner monomeren Form vor.
Durch Proteinfehlfaltungen wird die
anschließende Wachstumsphase initiiert, bei
der die autokatalytische Anlagerung weiterer
Untereinheiten erfolgt, bis diese letztendlich
in der Sättigungsphase endet, bei der hochgeordnete Fibrillen vorliegen (Abb. 1A, [3]).
BIOspektrum | 07.21 | 27. Jahrgang
Während das monomere Aβ42 als unstrukturiert gilt, finden während der Aggregation
Änderungen in der Sekundär-, sowie Tertiärstruktur statt, die z. B. mittels Fluoreszenzassays, NMR oder Kryo-EM beobachtet
werden können [4]. Insbesondere die KLVFF-AS-Sequenz sowie K28 scheinen entscheidend für die intramolekulare Interaktion zu weiteren Untereinheiten zu sein.
Während die Fibrillen durch die genannten
Methoden gut charakterisiert werden konnten, liegt derzeit der Fokus der Forschung
auf den erstgenannten Phasen. Gerade die
Anfälligkeit zur Aggregation, die ein Hauptziel der Untersuchungen darstellt, macht
ebensolche Untersuchungen schwierig, da
sich der oligomere Zustand nicht beliebig
genau definieren lässt. Während die genannten analytischen Methoden stets ein Ensemble aus undefinierbaren oligomeren Zuständen betrachten, können individuelle Oligomere hierüber nicht separat charakterisiert
werden.
Untersuchung der Aggregation auf
oligomerer Ebene
Die von uns genutzte Methode ist die native
Massenspektrometrie (MS), womit sich die
unterschiedlichen Oligomere anhand ihres
Masse-zu-Ladungs-Verhältnisses (m/z) klar
voneinander separieren lassen.
Mithilfe der laser-induced liquid bead ion
desorption(LILBID)-MS konnte z. B. die frühe
Aggregationsphase von Aβ42 untersucht werden [5]. Bei dieser Methode werden wässrige
Analyttröpfchen mit einem Durchmesser von
etwa 30 bis 50 Mikrometer bei einer Frequenz von 10 Hertz im Vakuum erzeugt, die
anschließend von einem IR-Laserpuls
bestrahlt werden, der zur Anregung der O-HStreckschwingung des Solvens führt. Diese
führt zur explosionsartigen Expansion des
Analyttröpfchens und zur Freisetzung von
niedrig geladenen Ionen, die anschließend
anhand ihres m/z-Verhältnisses analysiert
werden (Abb. 1B). Diese Ionisationstechnik
gilt als besonders sanft, wodurch sich die
Aggregation auf oligomerer Ebene zeitlich
verfolgen lässt. Eine weitere, häufig genutzte
MS-Hybridtechnik ist die ElektrosprayIonenmobilitätsspektrometrie (ESI-IMS),
worüber sich die Ionen neben ihrem m/zVerhältnis auch anhand ihrer Größe und
Form unterscheiden lassen. Nach der sanften
Ionisation werden Ionenpakete in eine mit
Inertgas gefüllte Kammer überführt, durch
welche die Ionen unter Einfluss einer sanften
Spannung geleitet werden. Ionen mit einer
größeren Oberfläche und somit einem größeren Kollisionsquerschnitt Ω (collision cross
section, CCS) erfahren mehr Stöße mit dem
Inertgas, wodurch diese für das Passieren der
Kammer eine längere Driftzeit (dt) benötigen.
Dies eröffnet die Möglichkeit, Ionen anhand
ihrer oligomeren Größe und Konformation zu
unterscheiden (Abb. 1C). Zudem können die
experimentell ermittelten Driftzeiten in CCS
umgerechnet werden, was den Vergleich mit
theoretischen CCS von Modellstrukturen
ermöglicht, wodurch auch strukturelle Informationen gewonnen werden können.
Monomerer Grundstein als
Fundament der Aggregation
Durch die Kombination eines MS-Ionenmobilitätsspektrometers mit einem IR-Spektrometer konnten in früheren Studien diverse
Modellpeptide analysiert werden, die zu
höheren Aggregaten mit unterschiedlichen
Morphologien fibrillieren [6]. Durch die
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te, bezüglich deren Durchmesser orthogonal
zur Fibrillachse.
Dieses Phänomen konnte ebenfalls bei der
Analyse der CCS der jeweiligen Oligomere
beobachtet werden, der abhängig vom untersuchten Modellpeptid, bei gleicher Peptidlänge, zu einem höheren oder niedrigeren
CCS-Zuwachs bei einer Anlagerung einer
zusätzlichen Monomeruntereinheit führt [7].
Bei Modellpeptiden, die einen geringen CCSZuwachs pro zusätzlicher Anlagerung aufweisen, war zudem die Amid-I-Bande bereits
bei vergleichsweise niedrigen Oligomergrößen ausgeprägt. Dies deutet darauf hin, dass
im Laufe der Aggregation die Anlagerung
von je zwei weiteren Monomeruntereinheiten pro Ebene ähnlich dem Schließen eines
Reißverschlusses zu erfolgen scheint. Im
Gegensatz dazu sprechen ein hoher CCSZuwachs und eine schwächer ausgeprägte
Amid-I-Bande sowie ein geringerer Durchmesser der resultierenden Fibrillen für eine
Oligomerisierung von einer Monomeruntereinheit pro Ebene, analog einer Perlenkette
(Abb. 2A, [7]).
Ersterer Aggregationsaufbau liegt auch für
Aβ42 nahe, da die bekannten Modelle vorrangig von einer reißverschlussartigen Struktur
ausgehen [4]. Die Anwendung der CCS der
jeweiligen Oligomere auf die genannten
Modelle zeigt, dass im Fall von Aβ42 die
Aggregation zunächst über ein isotropes
Wachstum erfolgt, welches in ein geordnetes
Fibrillwachstum übergeht, wobei der Grundstein für das folgende Wachstum bereits auf
dimerer Ebene gelegt wird (Abb. 2B und C).
A
B
C
Unterschiedliche Aggregationswege
für Aβ42
˚ Abb. 1: Schematische Darstellung des Aggregationsverlaufs von Aβ42 sowie der Ionisationstechniken LILBID-MS und ESI-IMS-MS. A, Der Aggregationsverlauf lässt sich z. B. über die Fluoreszenzintensität interkalierender Farbstoffe verfolgen. In der Verzögerungsphase liegt Aβ42 primär
im monomeren Zustand vor. Lagern sich diese über die Zeit aneinander, erf (...truncated)