Räuberische Pilze mit Anwendungspotenzial
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W I S S EN S CH AFT
Interspezies-Kommunikation
Räuberische Pilze mit
Anwendungspotenzial
VALENTIN WERNET, NICOLE WERNET, REINHARD FISCHER
INSTITUT FÜR ANGEWANDTE BIOWISSENSCHAFTEN, KARLSRUHER INSTITUT FÜR
TECHNOLOGIE (KIT)
Nematode-trapping fungi, such as Duddingtonia flagrans, are fascinating carnivorous microorganisms. In a nutrient-rich environment they
live as saprotrophs, but if nutrients are scarce and in the presence of
nematodes, they can switch to a predatory lifestyle. The switch is
characterized by the formation of complex, adhesive trap structures.
The interaction requires a sophisticated interspecies communication
with pheromones, secondary metabolites, and virulence factors.
DOI: 10.1007/s12268-021-1668-3
© Die Autorinnen und Autoren 2021
ó Nematodenfangende Pilze (NFP) wie
Duddingtonia flagrans sind eine besonders
faszinierende Gruppe karnivorer Mikroorganismen. In einer nährstoffreichen Umgebung
ernähren sie sich von totem, organischem
Material. Sind die Nährstoffe jedoch limitiert
und befinden sich Nematoden in der Nähe,
können die Pilze zu einem räuberischen
Lebensstil wechseln, der durch die Ausbildung komplexer, klebriger Fallenstrukturen
gekennzeichnet ist. Die Interaktion der beiden Organismen beruht auf einer ausgeklügelten Interspezies-Kommunikation mit
Phero monen, Sekundärmetaboliten und
Virulenzfaktoren.
Der erste nematodenfangende Pilz Arthrobotrys superba wurde bereits 1839 beschrieben, wobei die Fähigkeit, Nematoden zu fangen, jedoch erst 36 Jahre später von Wilhelm
Zopf entdeckt und 1994 von Donald H. Pfister
mit der Gattung Orbilia in Verbindung
gebracht wurde [1]. Da eine Vielzahl von
¯ Abb. 1: Anwendung von Duddingtonia
flagrans in der Tierhaltung. Die Pilzsporen keimen auf dem Dung aus und reduzieren dort die
Zahl der Nematoden (Caenorhabditis elegans)
wie in den Bildern unten gezeigt. Dadurch wird
die Reinfektion beim Grasen reduziert. Bild
oben: Freepik.com; Bilder unten aus [13].
Nematoden Schädlinge von Tieren oder
Pflanzen sind, haben NFP ein großes Potenzial als biologische Schädlingsbekämpfungsmittel [2]. D. flagrans bildet resistente Chlamydosporen, die sehr gut für die Anwendung
der Pilze geeignet sind, und wurde bereits
erfolgreich in Feldversuchen mit Nutztieren
eingesetzt (Abb. 1, [3]). D. flagrans ist auch
eng mit Pflanzenwurzeln assoziiert und verbessert deren Versorgung mit Phosphat,
sodass dieser Pilz auch Potenzial zur nachhaltigen Produktion von Lebens- und Futtermitteln hat [4]. Neben dem großen Anwendungspotenzial ist D. flagrans ein attraktives
Modellsystem, um verschiedene biologische
Phänomene auf molekularer, zellbiologischer
oder biochemischer Ebene zu untersuchen.
Pilz-Fadenwurm-Kommunikation
durch flüchtige Substanzen
Die Interaktion zwischen NFP und Nematoden gilt als evolutionäre Anpassung an eine
stickstoffarme Umgebung und geht auf eine
über 419 Millionen Jahre andauernde KoEvolution zurück, in der sich eine ausgeprägte Interspezies-Kommunikation entwickelt
hat [5]. Die Pilze locken ihre Beute mit flüchtigen Stoffen in die Fallen, die für die Nematoden nach Paarungs- und Nahrungssignalen
riechen. Nematodeneigene Pheromone, die
Ascaroside, die Prozesse wie die Entwicklung
der verschiedenen Larvenformen steuern,
werden wiederum von den Pilzen wahrgenommen [6, 7].
Regulation der Fallenbildung durch
pilzliche Sekundärmetabolite und
nematodeneigene Pheromone
Eine interessante Frage betrifft die Regulation der Fallenbildung. Voraussetzung zur
Einleitung des Entwicklungsprogramms ist
eine Limitierung der Nährstoffe, und zusätzlich müssen Nematoden vorhanden sein. Die
Fallenbildung sollte allerdings erst ab einer
bestimmten Anzahl von Nematoden initiiert
werden, damit die Fallen, die einige Stunden
nach dem Kontakt mit den Nematoden gebildet wurden, auch erfolgreich eingesetzt werBIOspektrum | 07.21 | 27. Jahrgang
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den können. Die Nematoden, die zuerst mit
dem Myzel in Kontakt kamen, sind dann
wahrscheinlich in der Umgebung verschwunden. Zur zeitlichen und räumlichen Steuerung der Fallenbildung werden pilzliche
Sekundärmetabolite und die oben genannten
Ascaroside eingesetzt [8, 9]. D. flagrans nutzt
eine Polyketidsynthase zusammen mit einigen modifizierenden Enzymen zur Bildung
von Arthrosporol, was die Fallenbildung
unterdrückt [7]. Wenn eine große Anzahl
Nematoden vorhanden ist, steigt die Ascarosidkonzentration über einen Schwellenwert
und hemmt die Arthrosporolsynthese – d. h.
die Fallenbildung wird durch die Hemmung
eines negativen Faktors eingeleitet. Da
sowohl Arthrosporol als auch Ascaroside
konzentrationsabhängig wirken, ist damit
eine Populationsdichtebestimmung möglich
(Abb. 2).
Kürzlich wurde ein weiterer Level an Komplexität entschlüsselt und gezeigt, dass nicht
in allen Bereichen des Myzels der komplette
Arthrosporolbiosyntheseweg abläuft, sondern in den Hyphenspitzen nur das erste
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Intermediat, 6-Methylsalicylsäure (6-MSA),
entsteht. Dieses Molekül dient als Lockstoff
für Caenorhabditis elegans [7]. Methylsalicylsäure ist ein wichtiges Pheromon in PilzPflanze-Interaktionen. Allerdings handelt es
sich hier um einen Methylester von Salicylsäure (Shikimatweg), während D. flagrans
6-MSA über den Polyketidweg produziert.
Perfekte Krümmung: Wie wird ein
Ring gebildet?
Die Fallenbildung stellt eine zellbiologisch
komplexe morphologische Veränderung dar,
an der verschiedene Signalwege sowie das
Cytoskelett beteiligt sind. Die Fallenringe
entstehen durch die Abzweigung einer vegetativen Hyphe, die sich während des Wachstums krümmt, um mit der ursprünglichen
Hyphe zu fusionieren. Schon vor physischem
Kontakt zwischen den beiden Hyphen entsteht von der basalen Hyphe ausgehend eine
weitere Hyphe, die der ersten entgegenwächst. Dies deutet auf eine interzelluläre
Kommunikation hin, wie sie bei der Keimlingsfusion von Neurospora crassa anhand
des Zelldialogmodells beschrieben wurde.
Hier fungieren die mitogenaktivierte Proteinkinase (MAPK) MAK-2, sowie das SoftProtein als Vermittler des Zelldialogs, indem
sie abwechselnd an die Plasmamembran der
Hyphenspitzen lokalisieren [10]. So wechseln die Hyphen koordiniert den Zustand
zwischen Signalsender und Empfänger. Eine
Besonderheit der Fallenbildung von NFP
liegt darin, dass die interagierenden Kompartimente im Gegensatz zur Keimlingsfusion
nur vier bis fünf Hyphensegmente voneinander entfernt sind. Die Pilze müssen somit die
intrazelluläre Selbststimulation durch die
gleichzeitige Generierung und Wahrnehmung chemotroper Signale verhindern. Tatsächlich ist das Zellkommunikationsmodell
in D. flagrans konserviert (Abb. 3). Intrazellulär wird der evolutionär konservierte
STRIPAK-Signalkomplex für die Signalverarbeitung benötigt (Abb. 3, [11, 12]). Wie die
Zell-Zell-Kommunikation und intrazelluläre
Signalverarbeitung mit dem Cytoskelett, das
letztlich die Ringbildung und den Ringschluss
bewirkt, verbunden ist, ist noch nicht geklärt.
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¯ Abb. 2: Regulation der Fallenbildung. Der
pilzliche Sekundärmetabol (...truncated)