Ko-translationale Assemblierung von Proteinkomplexen
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Methoden der Proteinforschung
Ko-translationale Assemblierung von
Proteinkomplexen
KAI FENZL, GÜNTER KRAMER, BERND BUKAU
ZENTRUM FÜR MOLEKULARE BIOLOGIE DER UNIVERSITÄT HEIDELBERG (ZMBH) UND
DEUTSCHES KREBSFORSCHUNGSZENTRUM (DKFZ), DKFZ-ZMBH ALLIANZ, HEIDELBERG
The majority of cellular proteins exerts their biological activity as oligomeric complexes. The general view was that complexes form by
random collision of folded subunits in the cytosol. Recent studies
question this view by demonstrating that a surprisingly high number
of complexes are formed during translation. Co-translational assembly
occurs by interaction either of fully synthesized subunits with nascent
partner subunits, or of two nascent polypeptides exposed by proximal
ribosomes.
DOI: 10.1007/s12268-021-1682-5
© Die Autoren 2021
ó Schon während der Translation beginnt
die Faltung neu synthetisierter Proteine in
native dreidimensionale Tertiärstrukturen,
wobei einzelne Proteindomänen, oft durch
Chaperone assistiert, sukzessive falten. Die
Mehrheit der gefalteten Proteine muss jedoch
noch zu Quartärstrukturen assemblieren, die
aus homomeren oder heteromeren Untereinheiten bestehen. Es wurde generell angenommen, dass sich die beteiligten Untereinheiten
über freie Diffusion und zufällige Kollisionen
innerhalb der Zelle finden. Während einerseits die Diffusionsgeschwindigkeit von Proteinen in der Zelle hoch genug erscheint, um
Proteinkomplexe innerhalb von Sekunden
ausbilden zu lassen, exponieren freie Untereinheiten oft hydrophobe Interaktionsflächen, was die Anfälligkeit für Aggregation,
proteolytischen Abbau und unspezifische
Interaktionen mit anderen Zellproteinen
erhöht. Ein Verlust an Effizienz der Proteinassemblierung ist somit höchst problematisch, gerade für wachsende menschliche
Zellen, die hunderttausende Proteine pro
Minute herstellen. Aktuelle Ergebnisse zeigen, dass die Assemblierung von stabilen
Proteinkomplexen in der Regel ko-translational, also während der Synthese der Untereinheiten durch das Ribosom, stattfindet und
damit die freie Diffusion aggregationsanfälliger Untereinheiten minimiert. Die ersten
BIOspektrum | 07.21 | 27. Jahrgang
Hinweise auf ko-translationale Assemblierung von Proteinkomplexen stammen bereits
aus den 1960er-Jahren, die belegen, dass das
Tetramer der bakteriellen β-Galactosidase
seine enzymatische Aktivität erlangt, bevor
die Synthese abgeschlossen ist [1]. In den
letzten fünf Jahren wurde dieser Prozess
mehrfach für Proteine in Bakterien, Bäckerhefe und humane Zellen nachgewiesen [2–7].
Dabei zeigte sich, dass zwei mechanistische
Varianten der ko-translationalen Assemblierung von Proteinkomplexen existieren.
Mechanismus 1:
Co-Post-Assemblierung
Bei der Co-Post-Assemblierung genannten
Variante assoziiert ein vollständig synthetisiertes, gefaltetes Protein mit einer naszierenden Partneruntereinheit und bildet am
translatierenden Ribosom einen dimeren
Komplex aus (Abb. 1A). Der Durchbruch zum
experimentellen Nachweis dieses Prozesses
war die Entwicklung einer Hochdurchsatzmethode, dem selective ribosome profiling
(SeRP) [8–10]. SeRP ermöglicht es, Interaktionen eines ausgewählten Proteins, z. B. der
Untereinheit eines Proteinkomplexes oder
eines Chaperons, mit translatierenden Ribosomen genomweit zu detektieren [8–10].
Dabei werden zunächst alle Ribosomen einer
Zelle isoliert, die sich als Polysomen auf
translatierten mRNAs aufreihen, gefolgt von
einem Nukleaseverdau der mRNA. Dabei
schützt jedes Ribosom ein kurzes mRNA Segment vor dem Verdau (ribosome footprint).
Anschließend wird die zu untersuchende
Untereinheit eines Proteinkomplexes zusammen mit der assoziierten naszierenden Partneruntereinheit und dem translatierenden
Ribosom affinititätsgereinigt. Durch das
Sequenzieren der ribosome footprints kann
ausgelesen werden, mit welcher naszierenden Polypeptidkette die affinitätsgereinigte
Proteinuntereinheit ko-translational interagiert. Dadurch kann bestimmt werden,
wann die Assemblierung während der
Translation beginnt, und somit auch die
Länge der naszierenden Polypeptidkette, bei
der die Assemblierung anfängt (Abb. 1B).
Die ko-translationale Komplexbildung konnte für mehrere heteromere Proteinkomplexe
nachgewiesen werden, z. B. für die Fettsäuresynthase der Bäckerhefe [4] und für
Transkriptionsfaktoren in menschlichen Zellen [7]. Von zwölf untersuchten Proteinkomplexen der Hefe folgten neun einem ko-translationalen Assemblierungsprozess, und für
die drei Fälle, in denen dies nicht beobachtet
wurde, war bekannt, dass die Assemblierung
durch spezielle Faktoren posttranslational
reguliert wird [4]. Die ko-translationale
Assemblierung zeigte meist einen gerichteten Verlauf, d. h. ein vollständig synthetisiertes „Protein A“ interagiert mit der naszierenden Kette des „Partnerproteins B“, aber nicht
umgekehrt (Abb. 1C). Diese gerichtete
Assemblierung korreliert mit dem Grad der
Aggregations- und Degradationsanfälligkeit
der naszierenden Polypeptidketten. In allen
untersuchten Fällen unterdrückt die Bindung
der Partneruntereinheiten die Aggregation
und Degradation der ko-translational assemblierenden Proteinuntereinheiten. Die Partneruntereinheiten, die als vollständig gefaltete Proteine binden, neigen dagegen nicht
zur Aggregation oder Degradation [4]. Daher
liegt es nahe anzunehmen, dass dieser
Assemblierungsmodus instabile Untereinheiten während der Synthese stabilisiert und
damit die Evolution komplex gefalteter Pro-
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W I S S EN S CH AFT · S PECIA L : PROTE INANALYTI K
A
B
C
˚ Abb. 1: Detektion von Co-Post-Assemblierung. A, Co-Post-Assemblierung kann zwischen zwei Ribosomen auf derselben mRNA (cis-Assemblierung,
häufig in Prokaryoten) oder auf zwei unterschiedlichen mRNAs (trans-Assemblierung, häufig in Eukaryoten) auftreten. B, SeRP-Methode: Ribosomen
werden nach Zelllyse und Ribonukleaseverdau (1) direkt oder nach einer Affinitätsaufreinigung eines Zielproteins (z. B. einer Untereinheit) isoliert (2).
Die ribosome footprints beider Fraktionen werden sequenziert und der translatierten Sequenz eines Genes zugeordnet (3). Ein Anstieg spezifischer
ribosome footprints in der aufgereinigten Fraktion einer codierenden Sequenz weist auf eine Co-Post-Assemblierung hin. C, SeRP-Analyse des Fettsäuresynthasekomplexes aus Hefe [4]: Die Assemblierung beruht auf der gerichteten Interaktion einer vollständig synthetisierten β-Untereinheit mit
einer naszierenden α-Untereinheit. Abbildung in Anlehnung an [4].
teine ermöglicht. Im Einklang mit dieser
protektiven Funktion ist der Befund, dass in
allen untersuchten Fällen die Bindung der
Partneruntereinheit sofort nach dem Austreten der Interaktionsdomäne aus dem ExitTunnel des Ribosoms während der Translation stattfindet. Ko-translational agierende
Enzyme und Chaperone müssen daher räumlich und funktional darauf abgestimmt und
vermutlich zum Zeitpunkt der Partnerbindung bereits von der naszierenden Peptidkette dissoziiert sein. Dies konnte für das
ribosomenassoziierte Hsp70 Chaperon der
Hefe, Ssb, nachgewiesen werden [4,11].
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