Ordnung am Ribosom — der multifunktionale Komplex NAC
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W I S S EN S CH AFT
Proteinbiosynthese
Ordnung am Ribosom –
der multifunktionale Komplex NAC
KARINA GENSE, MARTIN GAMERDINGER
MOLEKULARE MIKROBIOLOGIE, FACHBEREICH BIOLOGIE, UNIVERSITÄT KONSTANZ
Newly synthesized proteins are processed by a variety of ribosomeassociated factors that regulate cotranslational protein folding, transport and degradation. How these competing factors gain regulated and
timely access to ribosomes and specific nascent substrates is poorly
understood. Recent studies identified a key factor in eukaryotes that
coordinates multiple cotranslational events at the ribosomal tunnel
exit – the nascent polypeptide-associated complex (NAC).
DOI: 10.1007/s12268-020-1367-5
© Die Autoren 2020
ó In allen Organismen synthetisieren Ribosomen im Cytoplasma der Zelle neue Proteine. Bei diesem als Translation bezeichneten
Prozess wird die Nukleotidsequenz eines
mRNA-Moleküls in die codierte Aminosäurensequenz eines Polypeptids übersetzt, um
ein Protein zu bilden. Die wachsende Polypeptidkette wandert zunächst durch einen
engen Tunnel der großen 60S-Ribosomenuntereinheit, bevor sie mit einer Länge von
35–40 Aminosäuren das Cytoplasma
erreicht (Abb. 1). Dort angekommen, muss
die noch lang gestreckte Polypeptidkette
sich in die richtige dreidimensionale Struktur falten und zu ihrem subzellulären Wirkungsort gelangen. Die korrekte Faltung
und Lokalisierung neu synthetisierter Proteine wird durch verschiedene Proteinbiogenesefaktoren gesteuert, die dynamisch an
den ribosomalen Tunnelausgang binden
(Abb. 1, [1]). Die direkte Ribosomenbindung
ermöglicht es diesen Faktoren, zum frühestmöglichen Zeitpunkt und noch während der
laufenden Proteinsynthese auf ihre Substrate einzuwirken. Sie erkennen spezifisch naszierende Polypeptidsubstrate, unterstützen
ihre Faltung direkt im Cytoplasma und lenken ihren ko-translationalen Transport zu
Zellorganellen wie dem endoplasmatischen
Reticulum (ER) oder den Mitochondrien. Viele der Ribosomen-assoziierten Faktoren konkurrieren um Bindungsstellen am Tunnelausgang, und es ist nicht gut verstanden, wie
sie präzise und schnell ihre Substrate auswählen. Jüngste Studien weisen auf einen
übergeordneten Faktor in Eukaryoten hin,
der ordnend am Tunnelausgang wirkt und
andere Proteinbiogenesefaktoren bei der
Substratfindung entscheidend unterstützt –
der nascent polypeptide-associated complex
(NAC).
˚ Abb. 1: Auswahl einiger konkurrierender
Proteinbiogenesefaktoren in Eukaryoten, die
ko-translational an den ribosomalen Tunnelausgang und Substrate binden. PTC: Peptidyltransferase-Zentrum; tRNA: TransferRNA; MAP: Methionin-Aminopeptidase; NAT:
N-Acetyltransferase; RAC: ribosome-associated complex; NAC: nascent polypeptide-associated complex; SRP: signal recognition particle; SR: SRP-Rezeptor; Sec61: ER-Translokon-Komplex.
Nascent polypeptide-associated
complex (NAC)
Einer der Hauptfaktoren in Eukaryoten, der
transient mit Ribosomen interagiert, ist der
hochkonservierte und ubiquitär exprimierte
Proteinkomplex NAC [2]. Der heterodimere
Komplex besteht aus einer α- und einer
β-Untereinheit, welche über ihre homologen
NAC-Domänen dimerisieren und eine β-Fassähnliche Struktur bilden (Abb. 2). Die Deletion des NAC-Gens führt zu embryonaler Letalität bei Metazoen, was auf eine grundlegende
Haushaltsfunktion in der Proteinbiogenese
hinweist. Interessanterweise ist NAC im Vergleich mit anderen Ribosomen-assoziierten
Faktoren in sehr hoher Konzentration in der
Zelle vorhanden, vergleichbar mit der Konzentration der Ribosomen, was auf ein sehr
breites Substratspektrum schließen lässt [1].
Die Ribosomenbindung von NAC ist sehr
ungewöhnlich. Der Komplex bindet über die
flexiblen N-terminalen Domänen und stellt
mehrere alternative Kontakte am Tunnelausgang her (Abb. 2, [3]). Geladene Sequenzmotive in den N-terminalen Domänen interagieren zudem miteinander und regulieren
dadurch die Ribosomenbindung von NAC,
vermutlich in Abhängigkeit vom jeweiligen
Polypeptidsubstrat, das den Tunnelausgang
verlässt. Die außergewöhnlichste Eigenschaft von NAC ist jedoch seine Bindung tief
im Inneren des ribosomalen Tunnels. Ist dieser nicht von einem Substrat besetzt, fügt
NAC die flexible N-terminale Domäne seiner
β-Untereinheit bis in die Nähe des Peptidyltransferase-Zentrums des Ribosoms ein, wo
Aminosäuren zu Peptiden verknüpft werden
(Abb. 2B, links). Die flexible NAC-Domäne
kontaktiert also eine wachsende Polypeptidkette schon bei der Entstehung und begleitet
sie zum Tunnelausgang, wo NAC eine alternative Bindung an der Oberfläche der Ribosomen eingeht (Abb. 2B, rechts). Diese
Fähigkeit ist einzigartig unter den Ribosomen-assoziierten Proteinbiogenesefaktoren
und weist darauf hin, dass NAC sämtliche
neu synthetisierten Proteine als erster Faktor
bindet. Angesichts all dieser Eigenschaften
wird vermutet, dass NAC am Tunnelausgang
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substratspezifische Konformationen annimmt,
um Polypeptidsubstrate in verschiedene Biogenese- und Transportpfade zu leiten, wie
nachfolgend beschrieben.
Proteintransport
Der Proteintransport zu Zellorganellen wie
dem ER erfolgt ko-translational, indem die
translatierenden Ribosomen gezielt zu den
Translokationsporen der Organellen gebracht
werden. Der Transport zum ER wird über das
signal recognition particle (SRP) vermittelt,
das spezifisch an hydrophobe Signalsequenzen in Polypeptidketten und an das Ribosom
selbst bindet [4]. Nach der Substratbindung
interagiert SRP mit dem SRP-Rezeptor (SR),
der sich an der ER-Membran befindet und
das Ribosom auf den Porenkomplex Sec61
überträgt. SRP und Sec61 binden selektiv
hydrophobe Signalsequenzen in ER-Substraten, zeigen aber generell auch eine hohe
intrinsische Bindungsaffinität zu Ribosomen,
die unabhängig vom synthetisierten Substrat
ist. Für eine hohe Transportspezifität ist es
daher notwendig, unspezifische Ribosomenkontakte der Transportfaktoren zu unterdrücken, was über den NAC geschieht (Abb. 2B,
links) [1, 5]. NAC blockiert wichtige Bindungsstellen für SRP und Sec61 am Tunnelausgang der Ribosomen, die keine ER-Proteine synthetisieren. In Abwesenheit von NAC
sind diese Bindungsstellen frei, was zu
unspezifischen SRP- und Sec61-Interaktionen und damit zu fehlerhaftem ER-Proteintransport führt. Wie in einer Studie beim
Fadenwurm Caenorhabditis elegans gezeigt
wurde, führt der Knock-down von NAC insbesondere zu einer Fehllokalisierung von
mitochondrialen Proteinen im ER-Lumen mit
fatalen Folgen für die Proteinhomöostase in
beiden Organellen [5]. Diese Studien belegen, dass NAC die Substratauswahl von
anderen Ribosomen-assoziierten Faktoren
entscheidend beeinflusst, wofür seine einzigartige Fähigkeit, Substrate bereits im ribosomalen Tunnel und damit als erster Faktor zu
binden, notwendig zu sein scheint. Dies wurde anhand einer NAC-Mutante gezeigt, die
nicht im Tunnel binden und unspezifische
Ribosom-Sec61-Interaktionen nicht mehr
inhibieren kann [3]. Die berechtigte Frage,
wie NAC reagiert, wenn ein Ribosom ein ERSubstrat synthetisiert, ist nicht abschließend (...truncated)