Mechanismen des Proteinimports in das humane endoplasmatische Retikulum
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W I S S EN S CH AFT
Expert‘s view: Proteinbiogenese
Mechanismen des Proteinimports in das
humane endoplasmatische Retikulum
RICHARD ZIMMERMANN
MEDIZINISCHE BIOCHEMIE UND MOLEKULARBIOLOGIE DES SAARLANDES, HOMBURG
In human cells, one third of all polypeptides enter the secretory pathway
at the ER. This process involves N-terminal signal peptides or internal
transmembrane helices in the precursors and one hundred cytosolic
and ER proteins, which facilitate their ER import or processing. In the
past fifty years four pathways for targeting of precursors to the Sec61
channel plus various allosteric channel effectors and supporting or stand
alone membrane protein insertases were characterized by the field.
DOI: 10.1007/s12268-022-1797-3
© Der Autor 2022
ó Zellen sind grundsätzlich von mindestens
einer Membran, der Plasmamembran umgeben und weisen neben dem Cytosol, das
einen Hauptort der Proteinsynthese darstellt,
weitere Membranen und wässrige Kompartimente auf. So enthalten Gram-negative Bakterien neben der inneren oder Plasmamembran ein Periplasma sowie eine äußere Membran. Die kernhaltigen humanen Zellen
zeichnen sich durch eine weitaus größere
Zahl von wässrigen Kompartimenten aus, die
von mindestens einer Membran umgeben
sind und – in Analogie zur Unterteilung des
A
B
menschlichen Körpers in Organe – Zellorganellen genannt werden. Für beide Zelltypen
gilt in ähnlicher Weise, dass alle Proteine, die
an cytosolischen Ribosomen synthetisiert
werden und ihren Wirkort nicht im Cytosol
haben, entweder in eine Membran integriert
oder durch zumindest eine Membran hindurch transportiert werden müssen, um an
ihren jeweiligen Wirkort zu gelangen. Daher
stellen sich im Rahmen der Proteinbiogenese
für jedes nicht cytosolische Protein die Fragen nach den Mechanismen der Zielsteuerung (Targeting) und der Membranintegra-
C
tion bzw. des Membrantransports. Aufgrund
der höheren Komplexität der humanen
gegenüber der Gram-negativen Zelle sind die
Fragen nach der Zielsteuerung in der humanen Zelle zwangsläufig ungleich komplexer
als in der bakteriellen Zelle.
Das endoplasmatische Retikulum (ER) der
kernhaltigen humanen Zellen nimmt in diesem Zusammenhang eine Schlüsselstellung
unter den Zellorganellen ein (Abb. 1A). Hier
beginnt, wie von George Palade in den
1950er-Jahren entdeckt, nicht nur die Biogenese der sekretorischen Proteine, sondern
– wie wir heute wissen – auch die Biogenese
für etwa ein Drittel des jeweiligen zellulären
Proteoms, d. h. circa 10.000 verschiedene
Proteine. So werden auch die Proteine der
Membranen und des wässrigen Lumens
von ER, ER-Golgi-Zwischenkompartiment
(ERGIC), Golgi, Endosomen, Lysosomen und
sekretorischen Vesikeln sowie manche Proteine der Kernhülle, Peroxisomen, Lipidtropfen (Lipid Droplets) und sogar einige mitochondriale Proteine im Verlauf ihrer Biogenese an die ER-Membran dirigiert und
anschließend in diese Membran integriert
oder durch diese Membran transportiert. Mit
Ausnahme der ER-residenten Proteine gelan-
D
˚ Abb. 1: Struktur des endoplasmatischen Retikulums (ER). A, ER nach Import von grün fluoreszierendem Protein in das ER von lebenden adhärenten
Meerkatzenzellen (fluoreszenzmikroskopische Aufnahme von Peter Lipp, Zellbiologie, Universität des Saarlandes, Homburg). Die Zahlen charakterisieren
den Konzentrationsgradienten für freies Calcium zwischen Cytosol und ER-Lumen in einer ruhenden humanen Zelle. B, raues ER in Form von vom Autor
isolierten und fixierten rauen Mikrosomen aus Hundepankreas (elektronenmikroskopische Aufnahme von Volker Herzog, Zellbiologie, LMU München).
C, Teilbereich des rauen ER von HeLa-Zellen (Kryoelektronentomogramm von Stefan Pfeffer, MPI für Biochemie, Martinsried). Das ER ist gelb coloriert,
80S-Ribosomen sind blau eingefärbt. D, 3D-Ausdruck des Komplexes aus einem 80S-Ribosom mit kleiner (gelb) bzw. großer (blau) Untereinheit, der
ER-Membran (grau) und dem Translokon aus Sec61 (verdeckt durch die Membran), TRAP (grün) und Oligosaccharyltransferase (rot) nach Kryoelektronentomografie von rauen Mikrosomen (Stefan Pfeffer, MPI für Biochemie, Martinsried).
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gen die neu synthetisierten Proteine durch
vesikulären Transport an ihren jeweiligen
Wirkort in endo- oder exozytotisch aktiven
Organellen oder auf der Zelloberfläche (d. h.
in Plasmamembran oder Extrazellularraum)
bzw. werden als Bestandteile neu gebildeter
Peroxisomen oder Lipidtropfen abgeschnürt
oder an die Mitochondrien mittels eines
ER-SURF getauften Reaktionswegs weitertransportiert.
Eine der Schlüsselbeobachtungen von
George Palade und Keith Porter sowie in der
Folge ihrer Kollegen David Sabatini und
Günter Blobel war, dass an der ER-Membran
Ribosomen gebunden sind, die offensichtlich
mit der Synthese von sekretorischen Proteinen beschäftigt sind (Abb. 1B, C und Abb. 2,
[1, 2]). Dies führte nach der Etablierung eines
ersten zellfreien Systems zum Studium des
ER-Proteinimports im Jahr 1975 durch
Günter Blobel und Bernhard Dobberstein
(bestehend aus Weizenkeimlysat und Pankreasmikrosomen) schließlich zur Signalhypothese, die den ER-Proteinimport in ersten
Grundzügen beschrieb und Günter Blobel im
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Jahr 1999 den Nobelpreis für Medizin
bescherte [3, 4]. Die Signalhypothese beinhaltet, dass N-terminale Signalsequenzen
oder Signalpeptide in den naszierenden Vorstufen sekretorischer Proteine enthalten
sind, die die Zielsteuerung dieser naszierenden Polypeptidketten zusammen mit den
jeweiligen Ribosomen an die ER-Membran
und somit auch den an die Translation gekoppelten ER-Import der Polypeptidketten
gewährleisten. Entsprechend wurde der
Mechanismus als cotranslationaler Transport
definiert, mit dem die proteolytische Abtrennung der jeweiligen Signalsequenz durch
eine Signalpeptidase einhergeht. Nachdem
Gottfried Schatz und Walter Neupert auf der
Basis von Experimenten an Schimmelpilzzellen sowie zellfreier Systeme (bestehend aus
Retikulozytenlysat und Mitochondrien aus
Pilzzellen) unabhängig von einander
beschrieben, dass die Vorstufen mitochondrialer Proteine zunächst im Cytosol akkumulieren, bevor sie in Mitochondrien importiert
werden, war der posttranslationale Proteintransport definiert und die erste große Kon-
troverse im Bereich des intrazellulären Proteintransports formuliert. Daran war ich als
Diplomand im Neupert-Labor beteiligt. In den
folgenden Jahren drehte sich die Frage nach
der Biogenese aller möglicher Proteine vor
allem darum, ob der Mechanismus des Transports in das jeweilige Zellorganell co- oder
posttranslational erfolgt. Wobei es sich
durchaus nicht um eine semantische, sondern um eine mechanistische Frage handelt,
nämlich nach der treibenden Kraft des Transports.
In den 1980er-Jahren wurden durch biochemische Untersuchungen in den Labors
von Günter Blobel und Bernhard Dobberstein
erste Komponenten des ER-Proteinimports in
Mammalia entdeckt. Dabei handelte es sich
um das cytosolische Signalerkennungspartikel oder SRP und seinen Rezeptor in der
ER-Membran (SR (...truncated)