Vom Ein- zum Vielzeller — Cyanobakterien als Modellsystem
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Evolutionäre Übergänge
Vom Ein- zum Vielzeller –
Cyanobakterien als Modellsystem
CLAUDIA TAUBENHEIM 1, KATRIN HAMMERSCHMIDT 2
1 KLINIK FÜR INNERE MEDIZIN II, UNIVERSITÄTSKLINIKUM SCHLESWIG-HOLSTEIN,
KIEL
2 INSTITUT FÜR ALLGEMEINE MIKROBIOLOGIE, UNIVERSITÄT KIEL
The evolution of multicellularity is an example of an evolutionary
transition in individuality (ETI). As in other ETIs, independent units
form new reproducing entities – the first step en route to higher complexity. How and why this happens, is not clear. Using cyanobacteria,
we study the ETI to multicellularity by combining experimental
evolution, phylogenetics, and theory. Our results feature phenotypic
plasticity and (functional) differentiation of single cells as a first step
of an ETI.
DOI: 10.1007/s12268-022-1812-8
© Die Autorinnen 2022
ó Das grundlegende Merkmal des Lebens
ist seine hierarchische Struktur: Jeder lebende Organismus besteht aus kleineren
Einheiten, die zusammen ein komplexeres
Ganzes bilden. Die hierarchische Struktur
des Lebens ist das Ergebnis von Evolution,
genauer gesagt von Prozessen, die als „große
evolutionäre Übergänge“ oder auch „evolutionäre Übergänge in der Individualität“ (ETIs) bezeichnet werden. Dazu gehören u. a. die Entstehung der eukaryotischen
Zelle aus einem Ur-Eubakterium und einem
Archae bakterium sowie die Entwicklung
der Vielzelligkeit aus Einzelzellen [1]. Der
Übergang vom Ein- zum Vielzeller ist
der Ursprung der enormen biologischen
Komplexität und Vielfalt, die wir heute
auf unserem Planeten beobachten können.
ETIs beginnen mit kleinen Entitäten
(Partikeln) und sind abgeschlossen, wenn
höhere Entitäten (kollektive) Eigenschaften entwickeln, um direkt am Evolutionsprozess durch natürliche Selektion teilzunehmen. Während einer ETI werden Kollektive also zu eigenständigen Selektionseinheiten [2] – allerdings sind die zugrunde
liegenden Prozesse nur unzureichend verstanden.
BIOspektrum | 05.22 | 28. Jahrgang
Zelldifferenzierung erster Vielzeller –
ähnlich wie Stammzellen?
Noch vor Kurzem gingen Wissen schaftler:innen davon aus, dass der Übergang zur
(klonalen) Multizellularität mit der Bildung
von Gruppen identischer Zellen begann, die
nur eine begrenzte Fähigkeit zur Differenzierung besaßen. Vermutet wurde, dass der
anfängliche Wettbewerbsvorteil gegenüber
Einzellern in der Größenzunahme als Schutz
vor Prädatoren begründet war. Laut dieser
Theorie folgte die zelluläre Differenzierung
erst später als eine evolvierte Eigenschaft der
vielzelligen Einheit, bei der sich dann einzelne Zellen auf die Erfüllung unterschiedlicher Aufgaben spezialisierten.
Doch war das wirklich so? Neue Erkenntnisse aus experimentellen Evolutionsstudien
und phylogenetischen Analysen deuten
darauf hin, dass die zelluläre Differenzierung
ein Merkmal evolvierender multizellulärer
Einheiten sein könnte und nicht eine neu
entstandene Eigenschaft der Vielzelligkeit.
Dementsprechend würde die Komplexität
früher Vielzeller in Bezug auf die Zelltypen
auf der Komplexität ihrer einzelligen Vorfahren beruhen. Dabei sind mit unterschiedlichen „Zelltypen“ Zellen derselben Art
gemeint, die sich in ihrem Phänotyp, ihrer
Funktion oder ihrer Morphologie unterscheiden. Ähnlich den heutigen Einzellern, wie
Bakterien oder Protozoen, müssen die Vor-
˚ Abb. 1: Potenzielle Evolution der Vielzelligkeit. In der klassischen Sichtweise ist Differenzierung ein evolviertes Merkmal der Vielzelligkeit und der Selektionsvorteil multizellulärer Entitäten
die Größenzunahme. Neue Ergebnisse weisen jedoch darauf hin, dass die Differenzierung schon
bei Einzellern angelegt ist, da diese unter komplexen Bedingungen Lebenszyklen mit verschiedenen Stadien ausbilden oder verschiedene (inkompatible) metabolische Prozesse ausführen müssen, wie z. B. CO2-Fixierung (grün) und N2-Fixierung (orange). Dementsprechend könnten erste
Vielzeller von vornherein von einer (funktionalen) Differenzierung und Arbeitsteilung profitieren.
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W I S S EN S CH AFT
˚ Abb. 2: Stammesgeschichtliche Evolution von Merkmalen bei Cyanobakterien mit Fokus auf
die Evolution von Vielzelligkeit [4]. Wir unterteilen die Reihenfolge der Merkmalsevolution in vier
zeitliche Phasen: (i) der cyanobakterielle Ursprungstyp, (ii) Lebensraumerweiterung, (iii) Vielzelligkeit und (iv) höhere Komplexität.
fahren der Einzeller phänotypisch plastisch
und heterogen gewesen sein. Sie verfügten
wahrscheinlich über physiologisch inkompatible Funktionen und durchliefen während
ihrer Lebenszyklen eine Vielzahl verschiedener Lebensstadien. In diesem Fall müsste der
Verlauf der Evolution der differenzierten
Vielzelligkeit neu gedacht werden (Abb. 1):
Die Zellen der ersten vielzelligen Einheiten
wären bereits in der Lage gewesen, sich in
eine Reihe verschiedener Zelltypen zu differenzieren, ähnlich wie moderne Stammzellen. Somit hätten diese neuen Entitäten
sofort von einer funktionellen Komplementierung profitieren können.
Bakterielle Modellsysteme für die
Evolution von Vielzelligkeit
Vielzelligkeit gilt als charakteristisches
Merkmal von Eukaryoten, entstand aber
mehrmals unabhängig in verschiedenen
Prokaryoten-Taxa, z. B. bei Aktino-, Myxound Cyanobakterien. Echte multizelluläre
Bakterien weisen die wichtigsten Merkmale
der eukaryotischen Multizellularität auf,
darunter Zell-zu-Zell-Adhäsion, peri- oder
cytoplasmatische Kontinuität, interzelluläre
Kommunikation, strukturierte Vielzelligkeit,
programmierten Zelltod und Arbeitsteilung.
Neben permanenten vielzelligen Formen
kommt auch vorübergehende Mehrzelligkeit
bei vielen Bakterien in der Form von Kolonien, Biofilmen und zellulären Aggregaten
vor. So bildet beispielsweise Bacillus subtilis
bei Nährstoffentzug Biofilme, in denen sich
die Zellen je nach Umweltbedingungen in
bewegliche, matrixbildende oder Sporenzellen entwickeln. Auf den ersten Blick wirkt
diese Art der Zelldifferenzierung in Aggregaten zwar wie Arbeitsteilung, es handelt sich
dabei jedoch um evolutionäre Anpassungen
auf der Zellebene, da sie der jeweiligen Zelle
direkt einen Fitnessvorteil verschafften. Im
Gegensatz dazu sind die Zellen bei echter
Arbeitsteilung voneinander abhängig und
spezialisieren sich auf die Durchführung
komplementärer Aufgaben, beispielsweise
somatischer Funktionen oder den programmierten Zelltod. Diese sind nicht auf der
Ebene der einzelnen Zelle von Vorteil, sondern für die Kolonie – sie sind also neu auftretende Eigenschaften auf einer höheren
Organisationsebene.
Vielzelligkeit bei Cyanobakterien
Bakterielle Arbeitsteilung lässt sich besonders gut bei Cyanobakterien beobachten. So
bilden einige der teilweise hochkomplexen,
filamentbildenden Cyanobakterienarten bis
zu fünf verschiedene Zelltypen: vegetative
(photosynthetische) Zellen, Akineten (sporenähnliche Zellen), Hormogonien (reproduktive, bewegliche Filamente), Nekridien
(apoptotische Zellen zur Freisetzung von
Hormogonien) und Heterozysten. Letztere
bilden sich unter Stickstoffmangel und sind
auf die Fixierung von Stickstoff (N2) aus der
Luft durch das Enzym Nitrogenase spezia (...truncated)