Darmkrebsvorsorge zu COVID‑19‑Zeiten

Nov 2020

Die Coronapandemie hat trotz bisher guter Bewältigung der Krise gerade in Deutschland einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesundheitslandschaft. So sind in der Pandemie Arztbesuche in Praxen sowie Aufnahmen in Kliniken deutlich zurückgegangen, häufig zulasten von Frühdiagnose bzw. Frühtherapie. Die Darmkrebsprävention, die sich über Jahre im Aufwind befand, muss erhebliche Rückschläge auch in Form abgesagter Vorsorgedarmspiegelungen hinnehmen. Gerade jetzt in der Abklingphase der Pandemie ist es daher besonders wichtig, daran zu erinnern, dass das inzwischen bundesweite Einladungsverfahren zum Darmkrebsscreening von jedem Anspruchsberechtigten wahrgenommen werden sollte, denn auch die Darmkrebsprävention rettet Leben!

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Darmkrebsvorsorge zu COVID‑19‑Zeiten

Der Gastroenterologe Schwerpunkt Gastroenterologe https://doi.org/10.1007/s11377-020-00483-2 Jürgen F. Riemann1,2 1 2 © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 Redaktion S. Ciesek, Frankfurt am Main J.F. Riemann, Ludwigshafen Hintergrund Mit über 33 Mio. infizierten Personen hat die COVID-19(„coronavirus disease 2019“)-Pandemie weltweit inzwischen einen Höhepunkt erreicht; mehr als 1.000.000 Menschen sind dieser Infektion bereits erlegen (Stand Oktober 2020). Auch in Deutschland hat diese Pandemie initial große Schrecken ausgelöst und dazu geführt, dass viele Menschen aus Furcht vor einer Infektion mit dem Coronavirus Klinik- und Arztbesuche jeder Art erheblich eingeschränkt haben [1]. Hinzu kommt, dass Krankenhäuser wegen der Vorbereitung auf die befürchtete große SARS(„severe acute respiratory syndrome“)-CoV(„coronavirus“)-2Welle ihre Kapazitäten für andere Erkrankte drastisch heruntergefahren und viele elektive Eingriffe verschoben bzw. abgesagt haben. Zu dieser allgemeinen Angst und Unsicherheit haben natürlich auch das bislang unbekannte Virus, ein gelegentlich vielstimmiger „Virologenchor“ sowie eine gut gedachte, aber sicher gerade für den Laien häufig angstfördernde mediale Berichterstattung geführt. Letztere hat der breiten Öffentlichkeit auf nahezu allen Sendern jeden Tag mit verwirrenden Zahlen mehr oder weniger transparent das Infektionsgeschehen vor Augen geführt und macht das immer noch. Nicht zuletzt auch heftige Klagen zu Beginn der Pandemie über einen Mangel an Schutzausrüstung für Ärzte und Patienten haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Med. Klinik C, Klinikum Ludwigshafen, Ludwigshafen, Deutschland Stiftung LebensBlicke, Ludwigshafen, Deutschland Darmkrebsvorsorge zu COVID-19-Zeiten Einbruch von Arztkontakten und Absagen von Vorsorgeuntersuchungen Erste Zahlen, z. B. der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, waren alarmierend: Gerade die Kontakte zum Hausarzt, also zum Versorger an der Front, sind um über 70 % eingebrochen. Eine Erhebung des Berufsverbands niedergelassener Gastroenterologen (bng) unter seinen Mitgliedern hat gezeigt, dass es zu erheblichen Absagen elektiver Untersuchungen, so auch in der Wahrnehmung von Terminen zur Darmkrebsvorsorge bzw. ihrer Nachfrage, gekommen ist (. Tab. 1; [2]). Die COVID-19-Pandemie hat zu einem drastischen Einbruch der regulären Arztkontakte geführt! Erkennbare Ursachen sind Angst vor einer Infektion und Unsicherheit in der Pandemie. Die Stiftung LebensBlicke hat schon sehr früh darauf hingewiesen, dass natürlich in der ersten Phase der Pandemie, im ersten Monat, wegen der noch nicht abzuschätzenden Infektiosität des Virus, wo immer möglich, Termine verschoben werden sollten. Es wurde Tab. 1 Pandemiebedingte Leistungsänderungen in der Endoskopie. (Nach [2]) Diagnostische Koloskopien abge- 46,49 % sagt Elektive Kontrollkoloskopien abgesagt 73,32 % Vorsorgekoloskopien aktiv abgesagt 75,00 % Rückgang von Koloskopienachfrage 82,57 % Absage wegen fehlender Schutzausrüstung 22,07 % dann aber nach Abklingen der ersten erschreckenden Infektionszahlen sehr deutlich, dass die vorherrschende Einstellung der Menschen aus Angst und Ungewissheit bestehen blieb und die Absagen in Arztpraxen nicht geringer wurden. Die Stiftung sah sich daher schon sehr früh veranlasst, darauf aufmerksam zu machten, dass das Motto „Leben retten durch präventive Maßnahmen“ nicht nur für die augenblickliche Coronapandemie, sondern schon lange auch für die Darmkrebsvorsorge gilt (https://www.lebensblicke.de/auch-diedarmkrebsvorsorge-rettet-viele-leben/). Die Stiftung hat, unterstützt durch namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie den ARD-Vorsitzenden Tom Buhrow, die Öffentlichkeit durch Informationskampagnen zur Patientensicherheit in der Pandemie immer wieder aufgeklärt. Mit zahlreichen Online-Veranstaltungen (Onlineseminaren) und Positionspapieren versuchen deutsche und europäische Fachgesellschaften, zu informieren und gegenzusteuern [3]. Erste Mitteilungen zeigen inzwischen, dass das Risiko einer Coronainfektion in der Endoskopie gering ist [4]. Denn trotz vieler Fortschritte in der Bekämpfung des kolorektalen Karzinoms sind die aktuellen Prognosen für Deutschland, was die Zahl der Neuerkrankungen und der Sterbeanfälle Tab. 2 Darmkrebs – Prognose 2020. (Gemäß Robert Koch-Institut [RKI], 2019; [3]) Inzidenz Mortalität Männer: 31.300 Männer: 12.873 Frauen: 24.100 Frauen: 10.879 Gesamt: 55.400 Gesamt: 23.752 Der Gastroenterologe Zusammenfassung · Abstract angeht, immer noch erschreckend hoch (. Tab. 2). 2020 werden etwa 55.400 Neuerkrankungen und 23.742 Todesfälle erwartet [5]. Dabei liegen wie in den letzten Jahren die Männer unverändert deutlich an der Spitze. Das bisherige Darmkrebsscreening, insbesondere die Vorsorgekoloskopie, war erfolgreich; Inzidenz und Mortalität konnten signifikant reduziert werden. Die Teilnahmeraten hätten besser gewesen sein können. Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) Das moderne Darmkrebsfrüherkennungsprogramm, das seit 2002 mit dem Test auf okkultes Blut im Stuhl („Guaiac-based fecal occult blood testing“, g-FOBT) und der Vorsorgedarmspiegelung gilt, war ein echtes Erfolgsmodell. V. a. die Daten der Vorsorgekoloskopie haben gezeigt, dass mit der konsequenten Anwendung tatsächlich eine signifikante Reduktion der Neuerkrankungen und der Sterblichkeit an Darmkrebs möglich ist (. Abb. 1; [6]). Ernüchternd war jedoch die bisher eher moderate Teilnahmerate, die zu wünschen übriglässt. Mit dem neuen Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) ist inzwischen das seit 2002 geltende opportunistische Darmkrebsscreening durch ein bundesweites organisiertes Einladungsverfahren abgelöst worden. Mit diesem KFRG wird es erstmals möglich, Menschen ab 50 Jahren aus allen Schichten der Bevölkerung persönlich, also individuell, einzuladen. Erste Daten zeigen, dass die Inanspruchnahme der Koloskopie wieder anzusteigen beginnt. Dieser Paradigmenwechsel ist ein Erfolg der Bemühungen im Nationalen Krebsplan der Bundesregierung, das Darmkrebsscreening weiterzuentwickeln [7]. Die Krankenkassen laden seit Juli 2019 ihre Versicherten im Alter von 50, 55, 60 und 65 Jahren zur Darmkrebsprävention ein. Als deutlich besserer Test auf okkultes Blut im Stuhl wird seit 2017 der immunologische Stuhltest ausgegeben. Männer haben mit dem KFRG im Gegensatz zu vorher die Chance, bereits mit 50 Jahren entweder einen Stuhltest Der Gastroenterologe Gastroenterologe https://doi.org/10.1007/s11377-020-00483-2 © Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020 J. F. Riemann Darmkrebsvorsorge zu COVID-19-Zeiten Zusammenfassung Die Coronapandemie hat trotz bisher guter Bewältigung der Krise gerade in Deutschland einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesundheitslandschaft. So sind in der Pandemie Arztbesuche in Praxen sowie Aufnahmen in Kliniken deutlich zurückgegangen, häufig zulasten von Frühdiagnose bzw. Frühtherapie. Die Darmkrebsprävention, die sich über Jahre im Aufwind befand (...truncated)


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Jürgen F. Riemann. Darmkrebsvorsorge zu COVID‑19‑Zeiten, 2020, pp. 1-4, DOI: 10.1007/s11377-020-00483-2