Darmkrebsvorsorge zu COVID‑19‑Zeiten
Der
Gastroenterologe
Schwerpunkt
Gastroenterologe
https://doi.org/10.1007/s11377-020-00483-2
Jürgen F. Riemann1,2
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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von
Springer Nature 2020
Redaktion
S. Ciesek, Frankfurt am Main
J.F. Riemann, Ludwigshafen
Hintergrund
Mit über 33 Mio. infizierten Personen
hat die COVID-19(„coronavirus disease
2019“)-Pandemie weltweit inzwischen
einen Höhepunkt erreicht; mehr als
1.000.000 Menschen sind dieser Infektion bereits erlegen (Stand Oktober 2020).
Auch in Deutschland hat diese Pandemie
initial große Schrecken ausgelöst und
dazu geführt, dass viele Menschen aus
Furcht vor einer Infektion mit dem Coronavirus Klinik- und Arztbesuche jeder
Art erheblich eingeschränkt haben [1].
Hinzu kommt, dass Krankenhäuser wegen der Vorbereitung auf die befürchtete
große SARS(„severe acute respiratory syndrome“)-CoV(„coronavirus“)-2Welle ihre Kapazitäten für andere Erkrankte drastisch heruntergefahren und
viele elektive Eingriffe verschoben bzw.
abgesagt haben. Zu dieser allgemeinen
Angst und Unsicherheit haben natürlich auch das bislang unbekannte Virus,
ein gelegentlich vielstimmiger „Virologenchor“ sowie eine gut gedachte, aber
sicher gerade für den Laien häufig angstfördernde mediale Berichterstattung
geführt. Letztere hat der breiten Öffentlichkeit auf nahezu allen Sendern jeden
Tag mit verwirrenden Zahlen mehr oder
weniger transparent das Infektionsgeschehen vor Augen geführt und macht
das immer noch. Nicht zuletzt auch heftige Klagen zu Beginn der Pandemie über
einen Mangel an Schutzausrüstung für
Ärzte und Patienten haben ihre Wirkung
nicht verfehlt.
Med. Klinik C, Klinikum Ludwigshafen, Ludwigshafen, Deutschland
Stiftung LebensBlicke, Ludwigshafen, Deutschland
Darmkrebsvorsorge zu
COVID-19-Zeiten
Einbruch von Arztkontakten
und Absagen von Vorsorgeuntersuchungen
Erste Zahlen, z. B. der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz, waren alarmierend: Gerade die Kontakte zum Hausarzt, also zum Versorger an der Front,
sind um über 70 % eingebrochen. Eine
Erhebung des Berufsverbands niedergelassener Gastroenterologen (bng) unter
seinen Mitgliedern hat gezeigt, dass es zu
erheblichen Absagen elektiver Untersuchungen, so auch in der Wahrnehmung
von Terminen zur Darmkrebsvorsorge
bzw. ihrer Nachfrage, gekommen ist
(. Tab. 1; [2]).
Die COVID-19-Pandemie hat zu einem drastischen Einbruch der regulären
Arztkontakte geführt! Erkennbare Ursachen sind Angst vor einer Infektion und
Unsicherheit in der Pandemie.
Die Stiftung LebensBlicke hat schon
sehr früh darauf hingewiesen, dass natürlich in der ersten Phase der Pandemie, im ersten Monat, wegen der noch
nicht abzuschätzenden Infektiosität des
Virus, wo immer möglich, Termine
verschoben werden sollten. Es wurde
Tab. 1 Pandemiebedingte Leistungsänderungen in der Endoskopie. (Nach [2])
Diagnostische Koloskopien abge- 46,49 %
sagt
Elektive Kontrollkoloskopien
abgesagt
73,32 %
Vorsorgekoloskopien aktiv abgesagt
75,00 %
Rückgang von Koloskopienachfrage
82,57 %
Absage wegen fehlender
Schutzausrüstung
22,07 %
dann aber nach Abklingen der ersten
erschreckenden Infektionszahlen sehr
deutlich, dass die vorherrschende Einstellung der Menschen aus Angst und
Ungewissheit bestehen blieb und die
Absagen in Arztpraxen nicht geringer
wurden. Die Stiftung sah sich daher
schon sehr früh veranlasst, darauf aufmerksam zu machten, dass das Motto
„Leben retten durch präventive Maßnahmen“ nicht nur für die augenblickliche
Coronapandemie, sondern schon lange
auch für die Darmkrebsvorsorge gilt
(https://www.lebensblicke.de/auch-diedarmkrebsvorsorge-rettet-viele-leben/).
Die Stiftung hat, unterstützt durch namhafte Persönlichkeiten des öffentlichen
Lebens wie den ARD-Vorsitzenden Tom
Buhrow, die Öffentlichkeit durch Informationskampagnen zur Patientensicherheit in der Pandemie immer wieder
aufgeklärt. Mit zahlreichen Online-Veranstaltungen (Onlineseminaren) und
Positionspapieren versuchen deutsche
und europäische Fachgesellschaften, zu
informieren und gegenzusteuern [3].
Erste Mitteilungen zeigen inzwischen,
dass das Risiko einer Coronainfektion
in der Endoskopie gering ist [4].
Denn trotz vieler Fortschritte in der
Bekämpfung des kolorektalen Karzinoms sind die aktuellen Prognosen für
Deutschland, was die Zahl der Neuerkrankungen und der Sterbeanfälle
Tab. 2 Darmkrebs – Prognose 2020. (Gemäß Robert Koch-Institut [RKI], 2019; [3])
Inzidenz
Mortalität
Männer: 31.300
Männer: 12.873
Frauen: 24.100
Frauen: 10.879
Gesamt: 55.400
Gesamt: 23.752
Der Gastroenterologe
Zusammenfassung · Abstract
angeht, immer noch erschreckend hoch
(. Tab. 2). 2020 werden etwa 55.400 Neuerkrankungen und 23.742 Todesfälle
erwartet [5]. Dabei liegen wie in den
letzten Jahren die Männer unverändert
deutlich an der Spitze.
Das bisherige Darmkrebsscreening,
insbesondere die Vorsorgekoloskopie,
war erfolgreich; Inzidenz und Mortalität
konnten signifikant reduziert werden.
Die Teilnahmeraten hätten besser gewesen sein können.
Krebsfrüherkennungs- und
-registergesetz (KFRG)
Das moderne Darmkrebsfrüherkennungsprogramm, das seit 2002 mit
dem Test auf okkultes Blut im Stuhl
(„Guaiac-based fecal occult blood testing“, g-FOBT) und der Vorsorgedarmspiegelung gilt, war ein echtes Erfolgsmodell. V. a. die Daten der Vorsorgekoloskopie haben gezeigt, dass mit der
konsequenten Anwendung tatsächlich
eine signifikante Reduktion der Neuerkrankungen und der Sterblichkeit
an Darmkrebs möglich ist (. Abb. 1;
[6]). Ernüchternd war jedoch die bisher
eher moderate Teilnahmerate, die zu
wünschen übriglässt. Mit dem neuen
Krebsfrüherkennungs- und -registergesetz (KFRG) ist inzwischen das seit
2002 geltende opportunistische Darmkrebsscreening durch ein bundesweites organisiertes Einladungsverfahren
abgelöst worden. Mit diesem KFRG
wird es erstmals möglich, Menschen
ab 50 Jahren aus allen Schichten der
Bevölkerung persönlich, also individuell, einzuladen. Erste Daten zeigen,
dass die Inanspruchnahme der Koloskopie wieder anzusteigen beginnt. Dieser
Paradigmenwechsel ist ein Erfolg der
Bemühungen im Nationalen Krebsplan
der Bundesregierung, das Darmkrebsscreening weiterzuentwickeln [7]. Die
Krankenkassen laden seit Juli 2019 ihre
Versicherten im Alter von 50, 55, 60
und 65 Jahren zur Darmkrebsprävention ein. Als deutlich besserer Test auf
okkultes Blut im Stuhl wird seit 2017
der immunologische Stuhltest ausgegeben. Männer haben mit dem KFRG im
Gegensatz zu vorher die Chance, bereits
mit 50 Jahren entweder einen Stuhltest
Der Gastroenterologe
Gastroenterologe https://doi.org/10.1007/s11377-020-00483-2
© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2020
J. F. Riemann
Darmkrebsvorsorge zu COVID-19-Zeiten
Zusammenfassung
Die Coronapandemie hat trotz bisher guter
Bewältigung der Krise gerade in Deutschland
einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesundheitslandschaft. So sind in der Pandemie
Arztbesuche in Praxen sowie Aufnahmen
in Kliniken deutlich zurückgegangen,
häufig zulasten von Frühdiagnose bzw.
Frühtherapie. Die Darmkrebsprävention,
die sich über Jahre im Aufwind befand (...truncated)