Antientzündlich, antioxidativ und immunmodulierend
aktuell
Melatonin
Antientzündlich, antioxidativ und immun
modulierend
Erste Untersuchungen zeigen, dass Melatonin durch verschiedene Mechanismen bei S ARS-CoV-2 sowohl
präventives als auch therapeutisches Potenzial haben dürfte.
FF
Als wirksamer Taktgeber für den
diese Weise die Auswirkungen einer
SARS-CoV-2-Infektion vermindern [1].
Als Adjuvans könnte es auch die Wir
kung von
SARS-CoV-2-Impfungen
verstärken. Allerdings nimmt die kör
pereigene Produktion von Melatonin
im Alter deutlich ab, was zusätzlich
ein Grund für schwerere Verläufe von
COVID-19 bei älteren Personen sein
könnte. Eine aktuelle Literaturanalyse
zeigte Ende vergangenen Jahres den
Stand der Forschung bezüglich Mela
tonin als Wirkstoff in Therapie und Prä
vention.
Einfluss auf die Entzündung
Einen Ansatzpunkt in der aktiven
Infektion stellt der Eintrittsweg von
SARS-CoV-2 in den menschlichen Orga
nismus über das Angiotensin-Con
verting Enzym (ACE) 2 in die Epithel
zellen der Lunge und anderer Gewebe
und Organe dar. Da Melatonin ein
wirksamer Inhibitor der Angiotensin
II Aktivierung ist, könnte sich hier ein
Wirkungsansatz ergeben. Seine über
©©©koto_feja/Getty Images/iStock
Schlaf-Wachrhythmus ist die Bedeu
tung des in der Zirbeldrüse gebildeten
Hormons Melatonin anerkannt, und
es hat sich als exogen verabreichte
Anwendung in den vergangenen
Jahren gut etabliert. Die positiven Fol
gewirkungen eines gesunden und
erholsamen Schlafs wurden bei unter
schiedlichen chronischen Krankheiten
wie Diabetes und Herz-Kreislaufer
krankungen, aber auch auf neurologi
sche Morbiditäten und auf die Entwick
lung eines Delirs bei Intensivpatienten
nachgewiesen. Nun zeigen erste Unter
suchungen, dass Melatonin durch ver
schiedene Mechanismen ebenso bei
SARS-CoV-2 sowohl präventives als
auch therapeutisches Potenzial haben
dürfte.
Melatonin kommt in allen aeroben
Organismen vor, mit der primären
Aufgabe, die Zellen zu schützen.
Es hat antioxidative, anti-inflamm
atorische und immunmodulie
rende Eigenschaften und könnte auf
8 Auf verschiedenen Ebenen könnte sich Melatonin als hilfreich im Kampf gegen
SARS-CoV-2-Infektionen erweisen
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psychopraxis. neuropraxis 2 · 2021
unterschiedliche Mechanismen gene
rierte antiinflammatorische Wirkung
setzt bei einer der massivsten Ursachen
für die Schwere der Krankheitsentwick
lung einer S ARS-CoV-2-Infektion an:
die dramatische Erhöhung der proinflammatorischen Zytokine, die durch
die Aktivierung von Neutrophilen,
Makrophagen und Mastzellen ausge
löst wird. Melatonin seinerseits führt zu
einer Reduktion der proinflammatori
schen Zytokine und zu einer Erhöhung
der antiinflammatorischen Zytokine.
Sowohl im Zellplasma als auch
im Zellkern weist Melatonin antioxi
dative und reinigende Wirkung auf
freie Radikale aus. Bei Krankheiten
mit einem hohen Entzündungsge
schehen wie beispielsweise Diabetes
mellitus, Peridontitis und schwerer
Multipler Sklerose zeigte Melatonin
bereits vielversprechende Ergebnisse
mit einer deutlichen Reduktion der
zirkulierenden Zytokinspiegel. Auch
in der Akutphase einer Entzündung,
beispielsweise bei hohem Stress wäh
rend einer Operation, bei zerebraler
Reperfusion oder der Koronararte
rien, reduzierte Melatonin den Spiegel
proinflammatorischer Zytokine. Pa
tienten mit schwerem Verlauf einer
COVID-19 weisen ein erhöhtes Risiko
für Sepsis und Herzstillstand auf. Ver
fügbare Daten deuten darauf hin, dass
Melatonin die Kaskade des septischen
Schocks abmildern kann [1].
Bessere Schlafqualität – weniger
Langzeitfolgen
Etwa 15 % der hospitalisierten COVID-
Patienten sind von kognitiven Stö
rungen betroffen, die von Bewusst
seinstrübung über Verwirrtheit bis
zu Delirium, Stupor und Koma rei
chen können. 80 % der Patienten an
einer Beatmungsmaschine leiden
unter einem Delir und es ist erwiesen,
dass eine tiefe Sedierung bei kritisch
kranken Patienten mit einer erhöhten
Langzeitsterblichkeit assoziiert ist.
Da Melatonin die Notwendigkeit für
Sedierung, die Häufigkeit von Schmer
zepisoden, Agitiertheit und Ängst
lichkeit reduzieren kann, sowie die
Schlafqualität erhöht, kann damit das
Risiko eines Delirs und so eine Reduk
tion von negativen Langzeitfolgen
erreicht werden.
Verbesserte Immunantwort
Im Tiermodell wurde nachgewiesen,
dass Melatonin die Immunantwort
auf einen Impfstoff verbessern kann,
indem es die CD4+ T-Zellen und die
IgG bildenden B-Zellen im peripheren
Blut erhöht [1]. Die Verabreichung von
exogenem Melatonin könnte also die
Immunantwort einer Impfung und
die Dauer deren Wirksamkeit unter
stützen. Die aktuelle Datenlage weist
auf die Kapazität von Melatonin hin,
einen positiven (immunmodulie
renden) Effekt sowohl auf die zell
vermittelte als auch auf die humorale
Immunantwort zu haben. Da auch
das Immunsystem einem starken zir
kadianen Rhythmus unterliegt, sollte
eine Dosierung angestrebt werden,
die einen anhaltenden Blutspiegel
des Hormons über mindestens sieben
bis acht Stunden erreicht. Aufgrund
der kurzen Halbwertszeit müssen
kurzwirksame Präparate sehr hoch
dosiert verabreicht werden, während
verzögert freigesetzte Melatoninzu
bereitungen mit einer Dosis von 2 mg
pro Tag eingesetzt werden können.
Zu hoch dosierte Präparate können
dagegen eine Reduktion der Immu
nantwort zur Folge haben und sollten
vermieden werden, stellt Maestroni
fest [2]. Die antioxidativen Eigen
schaften und die Mehrfachwirkung
von Melatonin auf das Immunsystem
können darüber hinaus mögliche
Nebenwirkungen der Impfung ver
hindern. Exogenes Melatonin ist gut
verträglich und mögliche Nebenwir
kungen sind lediglich mild und stehen
in Zusammenhang mit dem Potenzial,
die Schlafstruktur zu verändern.
Autor: Dr. Verena Kienast
Literatur
1. Cardinali DP et al (2020) Can Melatonin Be a
Potential „Silver Bullet“ in Treating C
OVID-19
Patients? Diseases. https://doi.org/10.3390/
diseases8040044
2. Maestroni G (2020) Exogenous melatonin as
potential adjuvant in anti-SarsCov2 vaccines.
J Neuroimmune Pharmacol 15:572–573.
https://doi.org/10.1007/s11481-020-09956-1
Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt
in Hinblick auf geografische Zuordnungen
und Gebietsbezeichnungen in veröf
fentlichten Karten und Institutsadressen
neutral.
psychopraxis. neuropraxis 2021 · 24:76–77
https://doi.org/10.1007/s00739-021-
00714-3
© Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil
von Springer Nature 2021
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