Pilze: vom „Vitamin“- Überproduzenten zum robusten Alleskönner
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B I O T ECH NOLOGIE
Mikrobielle Produktionssysteme
Pilze: vom „Vitamin“- Überproduzenten
zum robusten Alleskönner
SUSANNE NIELAND 1, ARIEF I. ZAMANI 2 , C. LEONG NG 2 , K.-PETER STAHMANN 1
1 FACHGEBIET TECHNISCHE MIKROBIOLOGIE, BTU COTTBUS-SENFTENBERG
2 INSTITUTE OF SYSTEMS BIOLOGY, UNIVERSITI KEBANGSAAN MALAYSIA, BANGI
Ashbya gosspyii, a fungus overproducing riboflavin, is applied for
> 1000 t/a for two decades. Disadvantages of the overproducer are its
need of complex nutrients and a weak pH tolerance. An omnipotent
anabolism was shown for Phialemonium curvatum isolated from compost by screening for plant oil degradation on mineral salts medium at
pH 3. It can be cultivated in plastic vessels > 100 L with minimal sterile
technique. Its potential to convert crude palm oil into organic acids is
discussed.
DOI: 10.1007/s12268-021-1567-7
© Die Autoren 2021
ó Nach 50 Jahren Anlauf gelang Ende des
letzten Jahrhunderts die Ablösung der siebenstufigen chemischen Synthese von Ribo-
A
C
D
B
flavin durch mikrobielle Verfahren auf Basis
pflanzlicher Rohstoffe [1]. Interessanterweise sind zwei Verfahren wirtschaftlich
erfolgreich, eines mit dem filamentösen Pilz
Ashbya gossypii und ein weiteres mit dem
Gram-positiven Bakterium Bacillus subtilis.
Beide Verfahren haben den Vorteil, einstufig
zu sein. Ansonsten sind die Unterschiede so
vielfältig, dass bisher keine Vorhersage möglich ist, welches Verfahren sich ökonomisch
bzw. ökologisch durchsetzen wird [2, 3]. Die
ehrgeizigere Stammentwicklung war die mit
B. subtilis, denn hier gab es keine natürliche
Überproduktion. Auch der molekulare Regulationsmechanismus war unbekannt. Zwar
lassen sich in kurzer Zeit Antimetabolitresistente gelbe Klone gewinnen, die kommerziell relevanten Stämme tragen jedoch
> 100 Mutationen.
Der von Stammsammlungen erhältliche
Wildtyp (WT) von A. gossypii produziert
dagegen in einem einfachen Rührkessel
(Abb. 1A) 100 Milligramm Riboflavin pro
¯ Abb. 1: RiboflavinProduktion in Ashbya
gossypii A, A. gossypii produziert im
4-Liter-Rührkessel
das gelbe Riboflavin.
B, Ein Teil der
Hyphenzellen akkumuliert dieses grün
fluoreszierende Produkt (aus [4]). C, Die
Deletion von SHM2
verbessert die Produktbildung, d. h. die
Kolonie ist intensiver
gelb gefärbt. D, Die
erhöhte Produktion
ist durch die Vorstufenfunktion des
Glycins erklärbar.
Dieses wird durch die
Serinhydroxymethyltransferase (SHM2)
in Serin umgewandelt. Durch die Deletion des SHM2-Gens
steht mehr Glycin zur
Verfügung. Von diesem werden beide
C-Atome und der
Stickstoff ins Riboflavin eingebaut.
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A
Gramm Trockenbiomasse. Etwa die Hälfte
der Hyphenzellen bildet und akkumuliert
das gelbe Pigment, was sich mit grüner Fluoreszenz zeigt (Abb. 1B). In diesen Zellen
findet man eine gesteigerte Expression der
RIB-Gene, wie nach Umwandlung der
Hyphen in Protoplasten und Trennung im
Cellsorter erkennbar wird [4]. Die andere
Hälfte bildet z. B. Sporen. Deswegen wird
vermutet, dass Riboflavin beim Pilz eine
Bedeutung für die Sporen hat. Die hyalinen
Sporen überleben UV-Licht nur wenige
Sekunden. Es konnte gezeigt werden, dass
Riboflavin als Schutzpigment wirkt [5]. Die
gentechnische Stammverbesserung bei
A. gossypii ist erfolgreich. Ein überraschendes, aber vollständig aufgeklärtes Beispiel
ist die Deletion des Gens für die cytosolische
Serinhydroxymethyltransferase. ∆SHM2Mutanten wachsen langsamer, bilden aber
mehr Riboflavin (Abb. 1C). Das liegt daran,
dass weniger Glycin in Serin umgewandelt
wird, wodurch mehr für die Biosynthese von
GTP, der Vorstufe von Riboflavin (Abb. 1D),
übrigbleibt. Supplementiert man die Kultur
mit Adenin (1 mM), wird das WT-Wachstum
wieder hergestellt, weil dieses den C1-Stoffwechsel entlastet [6].
Ein Vorteil beim Produktionsverfahren mit
A. gossypii ist die Nutzung von Triglyceriden.
Es können große Mengen in den Rührkessel
gegeben werden, ohne Osmostress zu erzeugen. Die vom Pilz gebildete Lipase setzt –
wegen einer kurzen Halblebensdauer und
stringenter Regulation [7] – nur häppchenweise Fettsäuren frei, sodass keine unerwünschte Entkopplung der Atmungskette
erfolgt.
Palmöl: Selektivitätsförderndes
Substrat – zertifizierter Anteil wächst
langsam
Die Nutzung pflanzlicher Triglyceride als
einzige Kohlenstoff- und Energiequelle
beschränkt die kultivierbaren Pilze auf
Lipaseproduzenten (Abb. 2A). Senkt man den
pH-Wert auf drei und setzt nur Salze als
weitere Substrate ein, entstehen Selektivbedingungen. Die Verwendung von Nitrat
anstatt Ammoniak als Stickstoffquelle erhöht
die Selektivität [8]. Im Genom von A. gossypii
findet man kein putatives Gen für eine Nitratreduktase, was eine Erklärung dafür ist, warum er auf diesem Medium nicht wächst
(Abb. 3A). Das Kompostisolat Phialemonium
curvatum dagegen (Abb. 2B) generiert aus
Nitrat so viel Ammoniak, dass mit Mineralsäure titriert werden muss, um den pH-Wert
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B
C
˚ Abb. 2: Die Kultivierung von Phialemonium curvatum A, P. curvatum wächst unter Selektivbedingungen (rote Fläche). B, Der filamentöse Pilz bildet auf der Agarplatte ein strukturiertes Luftmyzel. C, In einem 500-Liter-Plastikbehälter ist eine Kultivierung mit minimaler Steriltechnik möglich.
unter fünf zu halten. Steigt der pH-Wert an,
kommt es zu bakteriellen Kontaminationen,
welche die Pilzkultur überwachsen. Als
Kohlenstoff- und Energiequelle eignet sich
z. B. Rapsöl (R). Interessanter ist das seit
Jahren in der Kritik stehende Palmöl (P),
denn Flächenbedarf (R: 1,2 ha/t; P: 0,26 ha/t),
Verbrauch an Dünger (R: 99 kg/t; P: 47 kg/t)
und Pestiziden (R: 11 kg/t; P: 2 kg/t) sind
geringer. Malaysia ist der zweitgrößte Hersteller von Palmöl [8]. Um die weitere Abholzung von Regenwald zu stoppen, hat die
Regierung 2019 vier politische Ziele formuliert, z. B. die Begrenzung der Palmölpflanzung auf 6,5 Millionen Hektar [9]. Weltweit
werden nur etwa 20 Prozent der Gesamtproduktion den über 40 Kriterien der Nachhaltigkeit gerecht. Um die Erhöhung dieses
Anteils bemüht sich z. B. der „Roundtable on
sustainable Palm Oil“. In Deutschland hat die
freiwillige Selbstverpflichtung im Rahmen
des Forums Nachhaltiges Palmöl e.V. im Jahr
2020 eine Zertifizierungsquote von 100 Prozent erreicht. Die mikrobielle Umsetzung zu
langlebigeren und höherpreisigen Produkten
– im Vergleich zu Biodiesel – könnte einen
Weg aufzeigen, den Zertifizierungsanteil zu
erhöhen.
Phialemonium curvatum in
100-Milliliter- und 100-Liter-Kultur
Der omnipotente Anabolismus von P. curvatum, kombiniert mit Selektivbedingungen
(Abb. 3A), erlaubt eine monoseptische Kultur
in nicht sterilen Plastikfässern [10]. Vergleicht man im 100-Liter-Maßstab die Investitionskosten (< 1 h/L) mit denen eines Stahlfermenters, lassen sich > 90 Prozent einsparen. Ein Indiz für die Robustheit des Systems
ist, dass auch ungelernte Mitarbeiter mit
350-Liter-Kulturen (Abb. 2C) keine Kontaminationsprobleme haben [10].
Mögliche Produkte könnten polymerisierbare organische Säuren sein. Da bei Wachstum auf Fettsäuren die Isocitrat-Ly (...truncated)