Herausgeberbrief
Herausgeberbrief
psychopraxis. neuropraxis 2021 · 24:215
https://doi.org/10.1007/s00739-021-00740-1
Angenommen: 5. Juli 2021
Kurt Stastka
© Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von
Springer Nature 2021
Herausgeberbrief
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Die dritte Welle der COVID-19-Krise mit
annähernder Auslastung der kritischen
Infrastruktur ist im Juni abgeklungen.
Die Durchimpfungsraten steigen, Kollateralschäden im Gesundheitssystem und
im bio-psycho-sozialen Spannungsfeld,
neue Varianten und Long COVID beschäftigen uns aktuell, führen zu neuen Verunsicherungen und zeigen, dass
wir uns weiterhin in einem dynamischen
Prozess dieser Veränderungskrise befinden.
Langzeitfolgen in den verschiedensten Bereichen sind noch nicht klar
abschätzbar. Viele Menschen und in
Gesundheitsberufen Tätige zeigen chronische Stressfolgen und Erschöpfung.
Die Wissenschaft steht unter erheblichem Zeit- und Erfolgsdruck, valide
Daten durch Expert*innen zu liefern.
Der menschliche Wunsch nach Sicherheit, die Ungeduld und Verunsicherung
führen zu Misstrauen und dem Wunsch
nach einfachen Antworten auf komplexe Fragen. Der verständliche Wunsch
ist, die Einschränkungen hinter sich zu
lassen und zu vergessen, zu verdrängen und zu verleugnen. Das dynamisch
Unbewusste zeigt seine Wirkung.
Wir dürfen unsere Mentalisierungsfähigkeit und qualitativ hochwertige
wissenschaftliche Arbeit gerade deswegen nicht reduzieren, um konsensuelles sachliches, fachliches Wissen nicht
durch in kollektiven Krisen wiederkehrend auftretende massenpsychologisch
hervorgerufene unreife Abwehrmechanismen wie Verleugnung, Isolierung,
Spaltung, projektive Identifizierung,
Idealisierung und Entwertung der Katastrophisierung, Fanatisierung, destruktiven Chaotisierung, Antisozialität und
Psychiatrische Abteilung, Klinik Favoriten, Wien, Österreich
Bedeutungslosigkeit im Konzert selbsternannter Expert*innen preiszugeben.
Wissenschaftsbasierte Aufklärung ist ein
ständiger Kampf der Bewusstmachung
und Bewussterhaltung von evidenzbasiertem Wissen, Bedeutung und Sinn.
Sigmund Freud hat diese Prozesse bereits
vor einem Jahrhundert in Individuen,
Gruppen und Gesellschaften beschrieben.
Umso mehr freue ich mich über die
praxisorientierten, wissenschaftsbasierten und fallorientierten Beiträge dieser
Ausgabe, die der konsequenten Aufklärung Rechnung tragen. Johann Sellner
sensibilisiert uns für das vermehrte
Auftreten von Methanolvergiftungen
als Kollateralschaden der COVID-19Pandemie durch mit Methanol verunreinigte Desinfektionsmittel oder alkoholische Getränke, chronische Intoxikation
durch Inhalation nach Reinigung der
Gesichtsmaske mit einem mit Methanol
versetzten Mittel, das zu unklaren neurologischen Ausfällen mit Nachweis einer
metabolischen Azidose führen kann.
Besonders hingewiesen wird auf einen
schnellen Therapiebeginn bereits im Verdachtsfall, um das Auftreten toxischer
Metabolite zu unterbinden.
Herwig Oberlerchner beschreibt fokussiert Möglichkeiten proaktiver Suizidprävention an psychiatrischen Abteilungen, um die trotz gut ausgebildetem,
gut geschultem und bezüglich Suizidalität hoch vigilantem Personal oftmals unerwartet auftretenden Suizide weiter zu
senken.
Andreas Erfurth schließt mit der dritten Tranche eines Psychoedukationsprogramms mit 8 Modulen mit Informationen zu bipolaren Störungen und Darstellungen in Film und Literatur diesen
umfassenden Wirkungskreis ab.
Hans-Klaus Goischke beschreibt neue
Aspekte zur Eisentherapie des RestlessLegs-Syndroms in der Praxis anhand evidenz- und konsensbasierter Leitlinien
zur oralen und i.v. Fe-Gabe.
HelmutRauschka diskutiertdas „Jumping-Stump“-Phänomen als inzwischen
selten gewordene Folge einer Extremitätenamputation.
Dagmar Steinmair beschreibt Sozialisation als Identifikation mit einer
sozialen Gruppe. Wenn diese als „gutes“ inneres Objekt internalisiert werden
kann, stärkt dies die Mentalisierungsfähigkeit. Gerade in Zeiten gehäufter
Isolierung, Einsamkeit und exzessiver
Nutzung digitaler Medien und Echokammern sollte uns das zu denken
geben. Interaktiv hilfreiche Kernkompetenzen ärztlichen Handelns vereinen im
Sinne der Humanitas Aufklärung, Empathie, evidenzbasierte Medizin sowie
eine tragfähige Arzt-Patient-Beziehung
und stärken die reflexive Resilienz.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kurt Stastka
Korrespondenzadresse
© Privat
Prim. Dr. Kurt Stastka
Psychiatrische Abteilung,
Klinik Favoriten
Kundratstraße 3, 1100 Wien,
Österreich
kurt.stastka@
gesundheitsverbund.at
Interessenkonflikt. K. Stastka gibt an, dass kein
Interessenkonflikt besteht.
Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt in Hinblick
auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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