Eintauchen in die Sprache der Pilze
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W I S S EN S CH AFT · ME TH ODE N
Chemische Ökologie
Eintauchen in die Sprache der Pilze
MAARIA ROSENKRANZ, JÖRG-PETER SCHNITZLER
ABTEILUNG FÜR EXPERIMENTELLE UMWELTSIMULATION, INSTITUT FÜR
BIOCHEMISCHE PFLANZENPATHOLOGIE, HELMHOLTZ ZENTRUM MÜNCHEN,
NEUHERBERG
Fungi produce a wide variety of volatile organic compounds (VOCs),
chemical cues with central roles in mediating interspecific interactions. Here we present a platform consisting of 14 cuvettes and
2 types of mass spectrometers, that allows for the first time automated, real-time analysis of various microbial VOCs. We used this platform to comprehensively analyze the VOCs of 43 fungal species. The
further computational analyses reveal fundamental links between
VOCs and ecological functions of fungi.
DOI: 10.1007/s12268-022-1705-x
© Die Autorinnen und Autoren 2022
ó Pilze sind Schlüsselkomponenten in terrestrischen Ökosystemen und nehmen
wesentliche Funktionen in globalen biogeochemischen Kreisläufen ein [1]. Die vielfältigen Beziehungen, die sie zu Pflanzen, Mikroben und anderen Organismen eingehen,
beeinflussen die ökologischen Funktionen
von Pilzen [1, 2]. Um solche Beziehungen zu
initiieren und zu regulieren, nutzen Pilze
verschiedene Metabolite, darunter flüchtige
organische Verbindungen (volatile organic
compounds, VOCs). VOCs sind Verbindungen
auf Kohlenstoffbasis, die aufgrund ihrer
Flüchtigkeit in der Lage sind, durch die
Atmosphäre und im Boden zu diffundieren
[3].
Pilze – eine unerforschte Quelle
für flüchtige Metabolite
Pilzaromen sind zwar bekannte kulinarische
Bestandteile vieler Speisen, doch der Wissenschaft wurde erst im letzten Jahrzehnt klar,
welch riesige, unerforschte Quelle pilzliche
VOCs darstellen [2]. Neben ihrer Verwendung bei der Artbestimmung, bei der Überwachung von Schimmelbelastung in Räumen, beim Kochen und in Lebensmitteln wie
Käse sind Pilzaromen von entscheidender
Bedeutung für die Biologie verschiedener
Ökosysteme. Pilzliche VOCs können in anderen Arten Veränderungen in Wachstum,
Fortpflanzung und Abwehr auslösen und
darüber hinaus als Lockmittel für andere
Organismen wirken [2, 3]. Aufgrund dieser
kommunikationsähnlichen Eigenschaften
werden VOCs manchmal auch als Sprache
der Pilze bezeichnet.
Herausforderung: chemische
Kommunikation von Pilzen
Die ganzheitliche Erfassung von VOC-Profilen ist eine Voraussetzung, um die Mechanismen der durch pilzliche VOCs vermittelten
Kommunikation aufzuklären. Bisher wurden
jedoch nur wenige Pilzarten systematisch
untersucht [2, 4]. Da wir in unserer Forschungsgruppe über die notwendige Ausrüstung und das Wissen verfügen, haben wir
uns der Herausforderung gestellt, die flüchtigen Fingerabdrücke verschiedener Pilzarten zu entziffern (Abb. 1). Unser Ziel war es,
ein Hochdurchsatz(HTP)-System zu entwickeln, das die Echtzeitanalyse einer großen Anzahl von pilzlichen (wie auch mikrobiellen) Proben gleichzeitig ermöglicht.
Automatisierte Plattform screent
pilzliche und mikrobielle Düfte
˚ Abb. 1: Flüchtige Muster von Pilzen sind individuell wie Fingerabdrücke und können als Biomarker für Pilze verwendet werden. Reinkulturen von Pilzen emittieren charakteristische komplexe Muster an VOCs, die einzigartig sind. Die Muster und das Mischungsverhältnis der einzelnen
Verbindungen können in einen Barcode/Fingerabdruck übersetzt werden. Unter Anwendung von
maschinellem Lernen können daraus Biomarker identifiziert werden [5], die es ermöglichen, die
Zugehörigkeit einer Art zu einer Nische oder Lebensform vorherzusagen. Die hier dargestellte
Methode ist nicht auf Pilze beschränkt. Sie eröffnet vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in der
Grundlagenforschung, Lebensmittelherstellung und Überwachung wie auch im Gesundheitsbereich und der Innenraumüberwachung.
Die Arbeiten begannen mit dem Aufbau einer
VOC-Screening-Plattform, die eine sequenzielle Echtzeitmessung von Proben ermöglicht. Die Plattform besteht aus einem automatisierten Küvettensystem und zwei Arten von
Massenspektrometrie (Abb. 2). Die beiden
massenspektrometrischen Methoden, Protonentransferreaktion-Flugzeit-Massenspektrometrie (PTR-ToF-MS) und Gaschromatographie-Massenspektrometrie (GC-MS) wählten
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wir, da sie sich gut ergänzen [5]. Zunächst
werden die VOC-Emissionen mit dem PTRToF-MS gemessen. Dieses MS ermöglicht
Echtzeitmessungen, um zeitliche Dynamiken
mit sehr niedriger Nachweisgrenze zu
erfassen. Das Online-MS erkennt besonders
polare, niedermolekulare Verbindungen
(Abb. 2A). Eine Ventilsteuerung (Abb. 2A)
erlaubt das sequenzielle Vermessen der VOCs
aus den Küvetten über einen beliebigen Zeitraum, im dargestellten Beispiel über 48 Stunden. Nach Abschluss der Online-Analysen
werden die VOCs in der Gasphase der Küvetten mithilfe einer passiven Probennahmetechnik basierend auf den Adsorptionseigenschaften von Polydimethylsiloxan weiter
gesammelt (Abb. 2A). Diese Proben werden
dann durch GC-MS offline analysiert [5].
Der Vorteil von GC-MS gegenüber PTRToF-MS besteht darin, dass Isomere mit
unterschiedlichen Massen über das Massezu-Ladungs-Verhältnis (m/z) getrennt werden können (Abb. 2B). Über den Vergleich
von Molekülmassen und Fragmentmustern
mit Spektrenbibliotheken können Verbindungen wie Sesquiterpene identifiziert werden, die eine hohe Isomerenvielfalt aufweisen. Bei der nicht zielgerichteten PTR-ToFMS-Methode hingegen besteht die große
Herausforderung vor allem in der Identifizierung der detektierten Massen [4, 5]. Hierbei
helfen Veröffentlichungen sowie die mVOCDatenbank [6], um Summenformeln zu
bestimmen und bestimmte VOCs anhand
ihrer charakteristischen m/z zu identifizieren.
Auswahl der Pilzarten
Um umfassende und valide Aussagen zu pilzlichen VOC-Mustern treffen zu können,
haben wir repräsentative Pilzarten aus den
drei Stämmen Ascomycota, Basidiomycota
und Zygomycota ausgewählt. Wir achteten
auch darauf, verschiedene ökologische
Nischen (wie Nahrungsbeziehungen, Lebensstil, Substratnutzung und Wirtsarten) mit
unserer Auswahl an Pilzen abzudecken [4].
Unsere Pilzauswahl umfasste solche Arten
wie die Pflanzensymbionten Porphyrwulstling und Zweifarbiger Lacktrichterling, die
Pflanzenpathogene Sparriger Schüppling
und Schwarzschimmel sowie verschiedene
zersetzende Pilze, wie Penicillium-Arten. Frühere Studien zeigten, dass die VOC-Emission
von Pilzen von verschiedenen Umweltbedingungen abhängt, wie dem Entwicklungsstadium und der Nährstoffverfügbarkeit [3, 5].
Um diese Einflüsse im vorliegenden VerBIOspektrum | 01.22 | 28. Jahrgang
A
B
˚ Abb. 2: Systematische Analyse von VOC-Mustern von Pilzen. A, Schema eines Mehrfachküvettensystems gekoppelt mit Online- und Offline-Massenspektrometrie (ProtonentransferreaktionFlugzeit-Massenspektrometer (PTR-ToF-MS) und Gaschromatographie-Massenspektrometer
(GC-MS)) [5]. Die Fotos zeigen den Aufbau der Anlage im Brutschrank, Kulturgefäße mit Polydimethylsiloxan-Passivsammlern (PDMS), die über Magnete an der Innenseite der Deckel angebracht sind, und Fotos der beiden Massenspektrometer. Zur Online-Messung von (...truncated)