Studie stützt Virushypothese bei Multipler Sklerose
aktuell
Das Wichtigste in Kürze
Frage: Welche psychischen Langzeitfolgen hat COVID-19?
Antwort: In der Postakutphase im
ersten Jahr nach der Infektion besteht
ein deutlich erhöhtes Risiko für
Depressionen, Angst- und Suchterkrankungen – auch bei Patienten, die
aufgrund ihrer Infektion nicht stationär behandelt werden mussten.
Bedeutung: Offenbar sind COVID-
Genesene besonders empfänglich für
psychische Probleme.
Einschränkung: Geringer Frauenanteil in der Studie, reverse Kausalität
möglich.
Quelle: www.aerztezeitung.de/ Thomas
Müller
Über mögliche Ursachen wird
spekuliert
Offenbar sind COVID-Genesene besonders empfänglich für psychische Probleme. Ein Grund könnte schlicht die
stärkere Krankheitslast sein: C
OVID
verläuft auch bei vielen Patienten ohne
Klinikaufnahme deutlich schwerer als
eine Influenza. Die Entzündungsprozesse könnten nachhaltig die Psyche
beeinflussen, so Xie und Mitarbeiter.
Auf der anderen Seite ist vielleicht auch eine reverse Kausalität von
Bedeutung: In mehreren anderen Studien wurde ein erhöhtes Infektionsrisiko für psychisch Kranke erkannt.
Literatur
1. Xie Y, Xu E, Al-Aly Z (2022) Risks of mental
health outcomes in people with covid-19:
cohort study BMJ 376:e068993. https://
doi.org/10.1136/bmj-2021-068993
Hinweis des Verlags. Der Verlag bleibt
in Hinblick auf geografische Zuordnungen
und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen
neutral.
psychopraxis. neuropraxis 2022 · 25:60–62
https://doi.org/10.1007/s00739-
022-00801-z
© The Author(s), under exclusive licence to
Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von
Springer Nature 2022
EBV als notwendiger Faktor
Studie stützt Virushypothese
bei Multipler Sklerose
Ohne Epstein-Barr-Virus (EBV) keine Multiple Sklerose – diese Beobachtung wird durch eine neue Studie
bestätigt. Danach steigt das MS-Risiko nach einer spät auftretenden EBV-Infektion drastisch, nicht so im
Anschluss an andere virale Infekte.
FF
Eine frappierende Erkenntnis
alle M
S-Kranken sind seropositiv für
das Epstein-Barr-Virus (EBV), dagegen
kann sich in der übrigen Bevölkerung
©©jarun011/Getty Images/iStock
zu Multipler Sklerose (MS) beschäftigt Forscher schon lange: Praktisch
8 Einer US-Analyse zufolge scheint EBV ein notwendiger Faktor für eine MS-Erkrankung
zu sein. Eine frühe und wirksame Impfung gegen EBV könnte vor MS schützen
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psychopraxis. neuropraxis 2 · 2022
ein kleiner Teil einer EBV-Infektion entziehen, zumindest einer Infektion, die
Antikörper hinterlässt.
Da sich aber rund 95 % aller Menschen im Laufe ihres Lebens mit EBV
infizieren und davon nur ein winziger
Bruchteil an MS erkrankt, ist EBV allenfalls einer von mehreren relevanten
MS-Risikofaktoren. Die fast vollständig
fehlende Existenz von EBV-seronegativen M
S-Kranken legt nahe, dass E BV
zwar kein ausreichender, aber doch
ein notwendiger kausaler Faktor sein
könnte.
Dies zu belegen ist nicht einfach,
so fehlten bislang klare Hinweise auf
einen zeitlichen Zusammenhang mit
der EBV-Exposition, auch könnte eine
generelle Infektionsneigung bei M
S-
Patienten hinter dem Risiko stehen –
EBV wäre dann nur ein Marker für ein
infektbedingt erhöhtes MS-Risiko.
Schließlich wäre auch denkbar, dass
immunologische Störungen bei einer
beginnenden MS das Risiko für eine
EBV-Infektion erhöhen – hier läge dann
eine reverse Kausalität vor.
32-fach erhöhtes MS-Risiko nach
EBV-Infektion
Ein Team von Forschern um Dr. Kjetil Bjornevik von der Harvard Medical
School in Boston sowie dem Universitätsspital in Basel konnte nun in einer
aufwendigen Arbeit die meisten dieser
Erklärungen ausschließen. EBV wäre
danach tatsächlich ein notwendiger
Faktor für die M
S-Entwicklung, eine
wirksame Impfung gegen E BV könnte
im Umkehrschluss die allermeisten M
S-
Fälle verhindern [1].
Das vermuten die Forscher um
Bjornevik, nachdem sie bei 801 US-
Militärangehörigen, die im Laufe ihres
Dienstes an M
S erkrankt waren, konservierte Serumproben auf EBV-Antikörper untersucht hatten. Die Proben
stammten aus einer Serumdatenbank
von zehn Millionen U
S-Amerikanern,
sie wurden primär für HIV-Tests entnommen, Militärangehörige müssen
sich alle zwei Jahre auf HIV untersuchen lassen.
Bei der ersten Probe, die zumeist
beim Beginn des Militärdiensts mit
18 bis 20 Jahren entnommen worden
war, waren 35 der späteren MS-Kranken (4,4 %) noch E BV-seronegativ. Den
MS-Patienten stellten die Neurologen
knapp 1600 Personen gegenüber, die
während ihrer Zeit beim Militär nicht
an MS erkrankten.
Von diesen waren zu Beginn 107
seronegativ (6,8 %). Von den Seronegativen ohne spätere MS wurden mit der
Zeit nur 57 % seropositiv, von denen
mit MS alle bis auf einen (97 %).
Daraus berechneten die Neurologen um Bjornevik ein 32-fach erhöhtes
Risiko, nach einer EBV-Infektion an MS
zu erkranken. Die Zahl ist insofern mit
Vorsicht zu betrachten, als sie sich letztlich an einem einzigen seronegativen
MS-Kranken festmacht, die Botschaft
ist jedoch klar: Ohne E BV-Infektion gibt
es praktisch keine MS.
Erkrankten mit E BV durchinfizierten,
kann bei der geringen Zahl von analysierten Proben zum Teil auch auf Zufall
beruhen. Möglich ist zudem, dass primär eine spät im Leben erfolgende
EBV-Infektion das M
S-Risiko anhebt,
nicht aber eine frühe. Am ehesten ließe
sich die Kausalität durch eine EBV-Impfung belegen.
„Die Studie zeigt, dass sich MS ohne
EBV fast nicht entwickeln kann. Wenn
es gelänge, einer EBV-Infektion komplett vorzubeugen, sollte dementsprechend die Frequenz von MS fallen“, sagte Professor Henri-Jacques
Delecluse vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg
zum „Science Media Center“.
„Allerdings sind andere Faktoren zum Beispiel MHC-Gene, die die
Immunantwort regulieren, auch wichtig. Es ist auch sehr wahrscheinlich,
dass andere, bis jetzt nicht eindeutig
identifizierte Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen, wie das Alter bei
der ersten Infektion mit EBV. Letztlich
ist MS eine seltene Krankheit und die
allermeisten EBV-positiven Menschen
haben kein MS“, so Delecluse.
FL-Anstieg nach Infektion
N
Um den kausalen Zusammenhang zu
klären, schauten die Forscher anhand
der seriellen Serumproben nach dem
Zeitpunkt der Serokonversion: Diese
trat im Median 7,5 Jahre vor der MS
auf. Sie prüften die Proben zudem auf
Cytomegaloviren (CMV), die wie EBV zu
den Herpesviren zählen und mit Blick
auf sozioökonomische und demografische Faktoren eine ähnliche Verbreitung aufweisen: Bei einer C
MV-Infektion war das MS-Risiko eher verringert.
Das schließt solche Faktoren als Erklärung weitgehend aus.
Die Neurologen schauten weiter
anhand eines speziellen Assays auf
bekannte virale Antikörper nach der
Zahl und Art der Infekte in der Vergangenheit, hier gab es mit Ausnahme von
EBV praktisch keine Unterschiede; eine
allgemeine Infektionsneigung erklärt
den Zusammenhang zwischen EBV
und MS ebenfalls nicht.
Schließlich untersuchten sie die
Proben auf den Neurodegenerationsmarker NFL. So nehmen NFL-Werte
schon Jahre vor einer klinisch manifesten MS zu – NFL markiert die bereits
subkli (...truncated)