Zur Akzeptanz der Begrenzung
Psychiatrie
psychopraxis. neuropraxis
Henriette Löffler-Stastka
https://doi.org/10.1007/s00739-022-00858-w
Univ.-Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
© Der/die Autor(en) 2022
Zur Akzeptanz der Begrenzung
Einleitung
Biomedizinische Aspekte und Stressoren
von Patient*innen mit chronischen Erkrankungen und Belastungen, so wie die
aktuelle Pandemie beispielhaft als existenzielle bedrohliche Veränderungskrise erlebt und aufgefasst werden kann,
sind gut erfassbar und ausgebildet. Das
Verständnis des komplexen Spannungsfelds der psychologischen, sozialen und
kulturellen Dimensionen von Krankheit
und Gesundheit ist jedoch oft vage, opak
und prozesshafte Geschehnisse können
oft nicht individuell veränderungswirksam mentalisiert werden.
Ein Grund für die Non-Adhärenz bei
Menschen mit chronischen Erkrankungen ist, dass Betroffene ihre Krankheit,
ihre Behandlung und ihre Rolle im Behandlungsplan sehr unterschiedlich auffassen. Krankheitsverarbeitungsprozesse
sind von persönlichen Überzeugungen
oder den Auswirkungen auf das tägliche
Leben abhängig [7]. Darüber hinaus besteht ein enger Zusammenhang zwischen
Krankheitswahrnehmung und affektivkognitiven Parametern [2].
Wahrnehmung
»desAktive
affektiven Verhaltens
korreliert stark mit Adhärenz und
Behandlungserfolg
Unbewusste affektiv-kognitive Phänomene beeinflussen die Entscheidungsfindung, Entwicklung von Einstellungen,
Problemlösung und Kreativität. Unbewusste Prozesse äußern sich nonverbal
(z. B. Mimik) und in Verhaltensweisen/
Körpersprache [5]. Um eine Reihe komplexer Aspekte der Behandlungsbeziehung zu verstehen, müssen verschiedene
Interaktionsvariablen (Affektregulati-
on, Objektbeziehungsqualität, psychische Struktur, Therapeut*innenaktivität,
Gegenübertragung etc.) berücksichtigt
werden. Das beziehungsgenerierende
Zusammenspiel und die aktive Wahrnehmung des mimisch-affektiven Verhaltens
der Patient*innen durch Ärzt*innen/
Therapeut*innen in der Erstkonsultation korrelieren stark mit Adhärenz
und Behandlungserfolg [3]. Der Erfolg
therapeutischer Interventionen hängt
stark von der Fähigkeit des Behandlers
ab, kongruent zu reagieren, indem er
subliminale Mikroausdrücke anspricht
[4].
Beispiele aus der aktuellen
Forschung
In Videoaufzeichnungen 22 psychiatrischer Erstinterviews in einer psychiatrischen Routine-/Akutstation wurde
die Mikromimik von Kliniker*innen
und Patient*innen in Verbindung mit
verbalen Interaktionen untersucht [4].
Interpretation, Konfrontation und das
Durcharbeiten verächtlicher Mikroausdrücke zeigten sich als wesentliche
Faktoren für die adäquate Kontrolle
der wichtigsten pathoplastischen Elemente. Konfrontative Interventionen
waren auf Behandler*innenseite und
Patient*innenseite mit Verachtung verbunden, interessanterweise korrelierte
Verachtung aber mit höheren Werten
in der Arbeitsallianzskala (Working Alliance Inventory – WAI). Dies weist
auf die komplexe Funktion der Affekte
und des Zusammenspiels von primären
und sekundären Emotionen mit dem
Interventionstyp hin.
Therapeutische Überlegungen
Unbewusste affektive Prozesse und
die damit in Zusammenhang stehende
psychopraxis. neuropraxis
Zusammenfassung · Abstract
Krankheitswahrnehmung sind stark subjektiv geprägte Parameter, verbunden mit
Existenzängsten, dysfunktionalen Glaubenssätzen, die auch adressiert werden
müssen, beispielsweise durch Stärkung/
Etablierung ausgereifter Bewältigungsmechanismen (z. B. Sublimierung).
Die Pandemiesituation hat uns die
überwältigende Macht der Natur, die Gebrechlichkeit unseres eigenen Körpers
und Unzulänglichkeiten der Institutionen, die die Beziehungen zwischen
den Menschen in Familie, Gesellschaft
und Staat regeln, bewusst gemacht [6].
Einerseits nährt die Angst vor der überwältigenden Macht des Schicksals das
Bedürfnis nach Wiederherstellung eines
(fantasierten) uneingeschränkten Narzissmus (Omnipotenz), abgeleitet aus
der Sehnsucht nach väterlichem Schutz
aufgrund einer infantilen Hilflosigkeit.
Andererseits können Ängste zu weiteren regressiven Phänomenen führen.
Die Pandemiesituation zeigte bekannte
Gruppenphänomene in der Krise, wie
Fragmentierung, Spaltung, also grundsätzlich Regression auf bekannte frühere
Funktionen, wenn die normale adaptive
mentale affektiv-kognitive Verarbeitung
überfordert ist. Sublimierung scheitert
beispielsweise, wenn der eigene Körper
zur Quelle des Leidens wird.
der Begrenzung
»kannAkzeptanz
Selbstbewusstsein und
Selbstreflexion verändern
Es ist zu beobachten, dass das Vertrauen
in ein stützendes Über-Ich und das Vertrauen in gesellschaftliche, demokratisch
etablierte politische Errungenschaften, in
die Wissenschaften mit ihren bewährten
Methoden, schwinden. Verachtung, destruktive Momente dominieren zeitweise
auch kollektiv. Aus der klinischen Erfahrung mit individuellen Erkrankungsprozessen, wie auch aus der psychoanalytischen Theorie lässt sich ableiten, dass diese Phänomene von der Nichtakzeptanz
von Grenzen und Begrenzungen abhängen können. Erst die Akzeptanz des unerreichbaren „O“ (des Eigentlichen, Absoluten), der „Wahrheit an sich“, und der
Gewissheit allerdings, sie nie erreichen
psychopraxis. neuropraxis
zu können [1], lässt Verarbeitungsschritte möglich werden.
Die Akzeptanz der Begrenzung kann
die Verinnerlichung der Funktionen im
Über-Ich (Gewissen) verstärken und
kann Selbstbewusstsein und Selbstreflexion verändern. Somit wird auch die
Mentalisierung unterstützt, die zu einem besseren Verständnis der eigenen
Person und einer höheren Selbstregulierung (einschließlich emotionaler
Regulierung) zu besseren Urteilen (Anwendung formaler Logik und abstraktem
Denken) und Verhalten führen kann.
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-022-00858-w
Fallvignette
Schlüsselwörter
Limitation · Affektiv-kognitive Prozesse ·
Kreativität · Veränderungskrise · Chronische
Belastung
Frau X war in ihrem 14. Lebensjahr „von
der Medizin aufgegeben worden“. Eine
bösartige Erkrankung, die fortschreiten
würde, „man habe nichts, womit man helfen könne“, so die Erinnerungen. Nach
Markierung der Verzweiflung und interessiertem Nachfragen bezüglich des weiteren Verlaufs schildert die nun in die
40er gekommene Frau: „Als ich die Aussichtslosigkeit akzeptiert habe, hörte ich
plötzlich Musik“. Frau X ist heute eine erfolgreiche Komponistin. In ihrer Musik
ist die Akzeptanz der Begrenzung hörbar.
Diskussion
Kreativität, Lebenslust, die Gesundheit
können in schwierigen Situationen, bei
chronischen Leiden oder Belastungsfaktoren bedroht sein. Auch bergen Krisen
und Unsicherheit die Gefahr einer Fragmentierung oder einer persönlichen,
kurzgeschlossenen, individuellen Realitätsbildung und verstärken damit Unsicherheiten, die – psychoanalytisch
betrachtet – reflektiert, durchdacht,
manchmal affektiv metabolisiert, verarbeitet werden müssen und aufgrund
der Komplexität gerade für die Ärzt*inPatient*in-Beziehung herausfordernd
sind.
Stehen Spaltungs- und Fragmentierungsmechanismen im Vordergrund,
dominieren folglich unreife Über-IchAnte (...truncated)