Biosensoren bei Multipler Sklerose
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-022-00879-5
Angenommen: 25. November 2022
© Der/die Autor(en) 2022
Patrick Altmann1,2 · Rosa Stark1,2 · Bernhard Fasching1,2
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Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich
Comprehensive Center for Clinical Neurosciences and Mental Health, Medizinische Universität Wien,
Wien, Österreich
Biosensoren bei Multipler
Sklerose
Neue Perspektiven im Erfassen von
Bewegungsmustern
Biosensoren stellen eine bedeutsame
technische Entwicklung dar. In der
Betreuung von Menschen mit
multipler Sklerose bilden sie das
Bewegungsverhalten Betroffener
ab. Dabei bestechen sie durch ihre
Objektivität und ihre hohe zeitliche
Auflösung.
Biosensoren und
Akzelerometrie
Biosensorenzählenzu Anwendungender
Mobile Health (mHealth), dabei handelt
es sich um tragbare Systeme, die verschiedene Körperfunktionen aktiv und passiv
aufzeichnen. Folglich geben Biosensoren
Informationen über den Gesundheitszustand wieder. Zu den bekanntesten Beispielen für diese Technologie zählen Akzelerometer. Sie werden häufig in Wearables, also tragbaren Geräten oder Anwendungen wie Smartphones und Smartwachtes, verbaut.
Historisch gesehen waren sogenannte
Pedalometer die ersten Sensoren, die die
Schrittzahl von Träger:innen aufzeichnen konnten. Akzelerometer verstehen
sich als Weiterentwicklung dieses Konzepts. Sie registrieren zusätzlich zur
Schrittzahl eine Veränderung der Geschwindigkeit bzw. eine Beschleunigung
von Menschen oder Objekten in einer
oder mehreren Ebenen. Daraus ergibt
sich ihre Fähigkeit, Veränderungen einer
Position im Raum zu messen, weshalb sie
die Gehfähigkeit, Sturzgefahr, allgemeine
physische Aktivität oder den Energieverbrauch von Menschen mit Multipler
Sklerose (MS) analysieren können. Darüber hinaus existieren noch spezifischere
Biosensoren, die z. B. Funktionen von
Augenbewegungen, Herzaktivität oder
Körpertemperatur messen.
Pedalometer: die ersten
»Biosensoren,
die die Schrittzahl
aufzeichnen konnten
Die erste wissenschaftliche Beschreibung
von Biosensoren stammt aus dem Jahr
1975 und widmete sich der Tremoranalyse. Die Technologie und Methodologie der letzten beiden Jahrzehnte haben einen neuen Zugang zu Biosensoren verschafft. Hierzu behelfen wir uns
leistungsfähiger Batterien sowie der Entwicklung von mobilen Endgeräten mit
Bluetoothverbindungen. Auf der methodologischen Seite trägt die Forschungslandschaft dazu bei, Biosensorsignale zu
validieren und klinisch relevante Richtwerte („cut-offs“) zu definieren.
Aktuell existiert die meiste klinische
Evidenz für die Verwendung von Akzelerometern. Wissenschaftliche Forschung
konnte beispielsweise zeigen, dass subjektive Angaben über den Bewegungsumfang von Menschen mit MS nicht immer mit deren tatsächlichen physischen
Leistung übereinstimmt. Akzelerometer
liefern eine objektive Größe für das tatsächliche Bewegungsausmaß. Dank des
bestehenden Wissens über Bewegungsmuster von Menschen mit MS liefern akzelerometrischen Messungen einerseits
Endpunkte in klinischen Studien und
ermöglichen damit auch Vergleichswerte zu anderen Populationen, etwa Menschen mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, Parkinson-Syndromen,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder nach
Unfällen. Dies ist mitunter bedeutsam,
um wichtige Maßnahmen für individuelle Rehabilitationsprogramme bei Gangstörungen zu ermöglichen.
Akzelerometer können eine Veränderung der Geschwindigkeit in einer (uniaxial) zwei (biaxial) oder drei (triaxial)
Ebenen detektieren. In Observationsstudien von Menschen mit abnormen Bewegungsmustern, etwa wie bei Trisomie 21,
Parkinson-Syndrom oder MS, erwiesen
sich triaxiale Akzelerometer als besonders zuverlässig.
Im Rahmen einer Übersichtsarbeit
wurden 2018 etwa 30 wissenschaftliche Publikationen, die Akzelerometer
bei Menschen mit MS untersuchten,
beschrieben. Ihre Messergebnisse korrelierten am stärksten mit der tatsächlich
zurückgelegten Gehstrecke. Uniaxiale
Akzelerometer waren in 2/3 der Fälle
die häufigsten angewandten Sensoren
zur objektiven Messung des Beweglichkeitsniveaus. Schrittzähler (15 %) und
Multisensorsysteme (3 %) waren seltener in Verwendung. Über alle Studien
hinweg fanden sich gute Korrelationen der Akzelerometrie mit bekannten
klinischen Endpunkten wie etwa dem
„timed 25-foot walk test“ (T25FWT)
oder „Patient-reported outcome scale“
zur Gehfähigkeit beispielsweise dem
MSWS-12 („multiple sklerosis walking
psychopraxis. neuropraxis
Neurologie
Fallbeispiele und neueste
Erkenntnisse zu Analysen von
Bewegungsmustern
Abb. 1 8 Abstrakte Illustration einer dreidimensionalen Ganganalyse durch das Anbringen mehrerer Biosensoren. Durch die Verwendung verschiedener Marker am Körper können Erkenntnisse über
dreidimensionale Bewegungsparameter gewonnen werden (z. B. Gelenkswinkel, Gelenksgeschwindigkeit, Beschleunigungen, Bewegungsmoment etc.). (Copyright Patrick Altmann)
scale“) oder den PDDS („patient-determined disease steps“).
Es gibt sogar belastbare Hinweise auf
gute Korrelationen von Akzelerometerdaten mit der Expanded disability status
scale („EDSS“). Darüber hinaus ist mittlerweile gut untersucht, ob Biosensoren
die körperliche Aktivität derart abbilden
können, um zwischen Menschen mit MS
und „gesunden“ Kontrollpersonen zu unterscheiden. Eine Studie an 102 Menschen mit MS und 22 Kontrollpersonen
fand hierbei relevante Unterschiede in
den Akzelerometriedaten. Auf Kohortenniveau ist die Schrittlänge bei Menschen mit MS verkürzt und die Schrittgeschwindigkeit verlangsamt. Die Ergebnisse orientierten sich eng am EDSS bzw.
dem pyramidalen Funktionsscore. Die
Autor:innen konstatierten, dass Akzelerometer somit eine sinnvolle Methode
sind, um Gangstörungen bei Menschen
mit MS nachzuweisen.
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Insgesamt lässt sich festhalten, dass
Studiendaten zur Akzelerometrie bei
Menschen mit MS dazu beigetragen
haben, subtile Gangstörungen zu erkennen, ein mögliches Folgerisiko geringerer körperlicher Aktivität aufzuzeigen,
die Erfassung einer posturalen Instabilität zu ermöglichen oder moderne
Ergebnisparameter nach rehabilitativen
Maßnahmen zu entwickeln. Die PROMS
Initiative („global patient reported outcomes for multiple sclerosis initiative“)
hat schließlich anerkannt, dass Wearables
bzw. Biosensoren in der Lage sein können, Patient-reported outcomes passiv
und elektronisch zu erfassen (ePROMS).
Wir sprechen in diesem Zusammenhang
von einer hohen zeitlichen Auflösung.
Das bedeutet, dass Akzelerometer eine
große Masse an Daten generieren können, mehr wie etwa Einzelmessungen
oder Erhebungen durch einen Fragebogen.
Eine Quantifizierung des Gangbilds kann
(I) beobachtend, (II) kinematisch (2-D,
3-D, andere Sensoren), (III) kinetisch
(Kräfte, Druck) oder (IV) mittels einer
Analyse der Muskelaktivität (Oberflächen-EMG, Dünndraht-EMG) erfolgen.
Zu den kinetischen Verfahren zählen
Sensorenflächen, die zeitlich-räumliche
Komponenten erfassen, z. B. die Schrittlänge (initialer Bodenkontakt zwischen
einem Fuß und dem initialen Bodenko (...truncated)