Philosophiegeschichtsschreibung und die Idee der Geistesgeschichte – das Dilthey-Projekt
Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte
https://doi.org/10.1007/s41245-023-00160-6
BEITRAG
Philosophiegeschichtsschreibung und die Idee der
Geistesgeschichte – das Dilthey-Projekt
Gerald Hartung
Angenommen: 24. Januar 2023
© Der/die Autor(en) 2023
Zusammenfassung Die Idee einer Einheit der Geistesgeschichte ist ein genuin philosophischer Gedanke. Im Schatten Hegels geht es um die Legitimation historiographischer Arbeit in einer universalen Perspektive, die von Europa aus gedacht wird.
Die Legitimationsstrategien sind komplex und laufen auf die Formation eines Kanons der Philosophie hinaus. Dieses Vorhaben ist mit dem Namen des Philosophen
und Philosophiehistorikers Wilhelm Dilthey verbunden. Dilthey hat es als seine Aufgabe angesehen, die Einheit der Geistesgeschichte abzusichern. Zu diesem Zweck
hat er Methodenpluralismus – Logik, Psychologie, Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Hermeneutik, Literaturforschung und anderes – in die Erforschung der
Geistesgeschichte eingeführt. Ich spreche hier vom Dilthey-Projekt, dessen Aktualität, Chancen und Risiken im Beitrag diskutiert werden.
Gerald Hartung
Philosophisches Seminar, Fakultät 1, Bergische Universität Wuppertal,
Gaußstraße 20, 42119 Wuppertal, Deutschland
E-Mail:
G. Hartung
Historiography of philosophy and the concept of Geistesgeschichte – the
Dilthey project
Abstract The idea of a unity of intellectual history (Geistesgeschichte) is a genuinely philosophical thought. In the shadow of Hegel, it is about the legitimation of
historiographical work in a universal perspective thought centered in Europe. The
legitimation strategies are complex and amount to the formation of a canon of philosophy. This project is associated with the name of the philosopher and historian
of philosophy Wilhelm Dilthey. Dilthey saw it as his task to secure the unity of
intellectual history. To this end, he introduced a pluralism of methods – logic, psychology, anthropology, philosophy of history, hermeneutics, literary research and
others – into the study of intellectual history. I am speaking here of the Dilthey
project, whose actuality, chances and risks are discussed in the article.
In seinem bekannten Essay The historiography of philosophy: four genres (1984)
hat Richard Rorty der Geistesgeschichte die Funktion der »canon-formation«
zugewiesen.1 Geistesgeschichte ist eine Sorte des story-telling, die es in verwandten
Geschichten der Naturwissenschaften nicht gibt. Es geht in der Philosophiegeschichtsschreibung nämlich um rationale und historische Rekonstruktionen anderer
Epochen und ihrer philosophischen Probleme (im Sinne Skinners), wie auch um
Verfahren der Selbstlegitimierung. Im Rahmen einer geistesgeschichtlichen Darstellung, beispielsweise der Entwicklung der Philosophie um 1800, wollen wir
verstehen, warum bestimmte Personen im Rahmen bestimmter institutioneller Bindungen (oder in Ablehnung derselben) Texte verfasst haben, die sich zu einem
Werk auswachsen und einen Denkraum eröffnen, in dem bestimmte methodische
Vorgaben, bestimmte Praktiken, bestimmte Denk- und Publikationsstrategien plausibel erschienen. In einer historisch-systematischen Rekonstruktion sollen diese
trotz aller Fremdheit plausibel und gerechtfertigt erscheinen. Und erst diese, auf
dem Umweg historiographischer Rekonstruktion erzeugte Plausibilität macht wertvolle und tendenziell bedeutungslose philosophische Methoden, Denkstrategien und
Praktiken unterscheidbar. Mithilfe dieser Plausibilität zweiter Ordnung arbeitet die
Geisteshistorikerin an der Formierung des Kanons der Philosophie.
Die Grundgedanken Rortys sind eingängig und pointiert. Ich möchte sie zum
Ausgangspunkt meiner weiteren Überlegungen machen, weil sie einen wichtigen
Punkt treffen, aber in ihrer Argumentationsweise unterkomplex sind. Wichtig (und
eventuell auch richtig) erscheint mir der Gedanke, dass wir einen Kanon der Philosophie entweder implizit voraussetzen (wie es viele Akteure im Feld der analytischen
Philosophie tun) oder explizit an ihm arbeiten. Wer explizit an einem Kanon arbeitet, der (re)konstruiert Verbindungslinien zwischen philosophischen Problemfeldern,
sortiert methodische Zugänge, reiht Personen und ihre Schriften auf und behauptet zwischen den Punkten in einem Ereignisfeld – nehmen wir das fundamentale
1 Richard Rorty, »The historiography of philosophy: four genres«, in: Philosophy in History. Essays on the
historiography of philosophy, hrsg. Richard Rorty, J. B. Schneewind, Quentin Skinner, Cambridge 1984,
49–75.
Philosophiegeschichtsschreibung und die Idee der Geistesgeschichte
Problem von Sein und Werden, wobei wir noch Epochen, Personengruppen, disziplinäre Ordnungen usw. zu Gliederungskriterien machen können – Verknüpfungen
über Zeiten, Räume und soziale Schichtungen hinweg. In diesem Sinne sprechen wir
bspw. vom Aristotelismus in der Logik, vom Cartesianismus in der Methodenlehre, von Einfluss- respektive Rezeptionslinien. Wir legitimieren unsere Lektüren der
Texte antiker Philosophie, wir erklären die Kenntnis der kritischen Schriften Kants
für unverzichtbar und so weiter. So findet in der Philosophiegeschichtsschreibung
canon-formation statt. Geistesgeschichte ist hier der Name für einen einheitlichen
Zusammenhang der historischen und systematischen Rück- und Querverweise, mit
denen ein Kanon der Philosophie operiert.2
In einer anderen Hinsicht jedoch sind die Thesen Rortys unterkomplex. Das
betrifft die Frage der Legitimation historiographischer Arbeit im Bereich der Geistesgeschichte. Legitimationsstrategien sind tatsächlich an Begründungsversuche geknüpft, die simpel oder ideologisch gestrickt, aber in sich auch vielschichtig und
wohldurchdacht sein können. Für den Versuch, komplexe Legitimationsstrategien für
die Einheit der Geistesgeschichte und die Formation eines Kanons der Philosophie
aufzustellen, steht der Name Wilhelm Dilthey. Dilthey hat es als seine Aufgabe angesehen, im Schatten seines Vorgängers Hegel die Einheit der geistigen Welt durch die
(Re)Konstruktion der Geistesgeschichte abzusichern, ohne dem Hegelschen Methodenzwang verpflichtet zu sein. Mit seinem Namen verbunden ist die Einführung des
Methodenpluralismus in die Erforschung der Geistesgeschichte. Ich möchte daher
vom Dilthey-Projekt sprechen. Es geht um logische und psychologische Legimitationsmuster im Bereich der Erkenntnistheorie, um anthropologisch-psychologische
im Feld der Geschichtsforschung, um hermeneutische im Bereich der Traditionsbearbeitung, um lebensphilosophische und ästhetische für die Lebensführung, und um
genuin philosophische – Stichwort: Kritik der historischen Vernunft – im Hinblick
auf Bildungsprozesse und Kanonbildungen in der Philosophie.
Dilthey ist im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert der komplexeste Denker,
der im Schatten Hegels das Vorhaben bearbeitet, Zusammenhänge in den Bereichen
der Wahrnehmung, der Erfahrung, des Erkennens, des Verstehens und des sozialen
Handelns zu denken. Anlässlich des fünfzigsten (...truncated)