Biased signaling: Option für die Entwicklung von Adipositas-Medikamenten?
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W I S S EN S CH AFT
Adipositastherapie
Biased signaling: Option für die Entwicklung von Adipositas-Medikamenten?
PETER KÜHNEN 1, 2 , SUSANNA WIEGAND 1, HEIKE BIEBERMANN 2
1 CHARITÉ – UNIVERSITÄTSMEDIZIN BERLIN, CORPORATE MEMBER OF FREIE
UNIVERSITÄT BERLIN AND HUMBOLDT UNIVERSITÄT, DEPARTMENT OF PEDIATRIC
ENDOCRINOLOGY, BERLIN
2 CHARITÉ – UNIVERSITÄTSMEDIZIN BERLIN, CORPORATE MEMBER OF FREIE
UNIVERSITÄT BERLIN AND HUMBOLDT UNIVERSITÄT, INSTITUTE OF EXPERIMENTAL
PEDIATRIC ENDOCRINOLOGY
The leptin-melanocortin pathway is playing a pivotal role for central
body weight regulation. The melanocortin 4 receptor (MC4R) is essential to induce satiety after activation by the endogenous ligands
α-/β-melanocyte-stimulating hormone. The relevance of biased signaling is exemplified by an MC4R agonist, which has been approved for
the treatment of rare forms of monogenic obesity. Here biased signaling is discussed as new option to develop drugs with an improved
safety profile.
DOI: 10.1007/s12268-023-1895-x
© Die Autorinnen und Autoren 2023
ó Die weltweite Zunahme von Menschen
mit Adipositas ist eine große Herausforderung für die Gesundheitssysteme. Dabei
spielt vor allem eine Rolle, dass Adipositas
der Hauptrisikofaktor für die Entwicklung
von Diabetes mellitus Typ 2, erhöhtem Blutdruck und kardiovaskulären Erkrankungen
ist. Da es mit den aktuell verfügbaren Thera-
pieoptionen offenbar nicht möglich ist, die
weltweite Prävalenz von Übergewicht/Adipositas zu reduzieren, ist es notwendig, neue
Strategien zu entwickeln. Dafür ist es wichtig, die zugrunde liegenden Mechanismen
der zentralen Regulation des Körpergewichts
noch besser zu entschlüsseln.
Seit Jahrzehnten haben Untersuchungen
von Tiermodellen sowie die Identifizierung
von Personen, bei denen eine Genmutation
zu einer monogenen Adipositas führt, dazu
beigetragen, die molekularen Mechanismen
der Körpergewichtsregulation zu verstehen.
Wegweisend war dabei die Identifikation des
Leptin-Melanocortin-Signalwegs [1, 2]. Hier
wird das Hormon Leptin von Fettzellen (Adipozyten) gebildet und aktiviert dann Leptinrezeptoren (LEPR) in einer bestimmten
Gehirnregion – dem Nucleus arcuatus im
Hypothalamus. Es werden dabei bestimmte
Nervenzellen (Neuronen) stimuliert; dies
führt zu einer verstärkten Expression von
Pro-Opiomelanocortin (POMC), einem Vorläuferprotein u. a. für die Peptide α- und
β-MSH (Melanozyten-stimulierendes Hormon. Diese Peptide werden anschließend
axonal (über Nervenbahnen) in ein weiteres
hypothalamisches Kerngebiet projiziert
(Nucleus paraventricularis, PVN, Abb. 1A).
In diesem Kerngebiet wird durch α- und
β-MSH der G-Protein-gekoppelten (GPCR)
Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R) stimuliert.
Dies führt zu einer Reduktion des Hungergefühls und zu einem vermehrten Energieverbrauch.
MC4R-Signalisierung
˚ Abb. 1: Leptin-Melanocortin-Signalweg. Proportional zum Fettgehalt der Fettzellen wird das
Hormon Leptin sezerniert, welches im hypothalamischen Nucleus arcuatus an den Leptinrezeptor
bindet. Dadurch wird die Expression von POMC verstärkt, die daraus prozessierte Hormone werden zum Nucleus paraventricularis transportiert und aktivieren den MC4R, was zu einer Verringerung der Nahrungsausnahme und vermehrtem Energieverbrauch führt. Erstellt mit Biorender.com.
Der MC4R nimmt dabei eine zentrale Funktion in der Steuerung der Energiegleichgewichts ein und gehört zur Familie der
G-Protein-gekoppelten Rezeptoren (GPCR).
Dies ist aus therapeutischer Sicht sehr interessant, da ca. 35 Prozent der zugelassenen
Medikamente diese Rezeptorgruppe modulieren [3]. Aufgrund der Bedeutung des
MC4R für das Sättigungsgefühl und der
potenziellen Möglichkeit diesen GPCR zu
aktivieren, wurde begonnen, MC4R-Agonisten als Medikamente zur Behandlung von
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Adipositas zu entwickeln. Dies war jedoch
über viele Jahre nicht erfolgreich, da MC4RAgonisten entweder nicht zu einer Reduktion
des Körpergewichts oder zum Teil noch
zusätzlich zu kardiovaskulären Nebenwirkungen (Anstieg des Blutdrucks) geführt
haben [4, 5]. Kürzlich jedoch wurde eine
neue Generation von MC4R-Agonisten entwickelt, die ein unterschiedliches Nebenwirkungsspektrum zeigten und die in klinischen
Studien getestet wurden. So wurden beispielsweise Patienten:innen mit einem kompletten Mangel an Sättigungsbotenstoffen
mit einem MC4R-Agonisten behandelt. Diese
Patienten:innen haben schon in den ersten
Lebenswochen ein deutlich gesteigertes Hungergefühl durch das Fehlen von α-/β-MSH.
Dieser Botenstoffmangel ist in Mutationen in
dem Gen POMC begründet ist. Die Substitution der fehlenden Botenstoffe durch einen
MC4R-Agonisten führte zu einer Normalisierung des Hungergefühls und zu einer deutlichen Reduktion des Körpergewichts [6].
Kürzlich wurde ein MC4R-Agonist für die
Behandlung von bestimmten seltenen genetisch bedingten Adipositasformen zugelassen [7].
Es fiel auf, dass das Nebenwirkungsspektrum dieses MC4R-Agonisten sich deutlich
von den MC4R-Agonisten aus der Vergangenheit unterschied. Eine mögliche Erklärung
für diese Beobachtung könnte in der MC4RAgonist-vermittelten Signalisierung liegen.
GPCRs werden durch eine Vielzahl von verschiedenen Liganden stimuliert und signalisieren dann durch die Aktivierung von einer
oder mehreren G-Proteinfamilien oder G-Protein-unabhängig. Der MC4R gehört zur Unterfamilie der Melanocortinrezeptoren (MCR),
welche nach Aktivierung in erster Linie über
das stimulierende G-Protein (Gs) mit einer
Aktivierung der Adenylatcyclase und somit
einer Erhöhung der intrazellulären cAMPKonzentration (zyklisches Adenosinmonophosphat) führen (Abb. 2A). In den letzten
Jahren gab es einige Anhaltspunkte, dass der
MC4R auch weitere Signalwege aktivieren
kann (Abb. 2A), wie beispielsweise die Aktivierung von Gi-, Gq/11- und G12/13-Proteinen [8]. Zusätzlich zu den G-Protein-vermittelten Signalwegen kann der MC4R auch
β-Arrestine rekrutieren, was zu einer Internalisierung des Rezeptors führt (Abb. 2A).
Komplexität der Rezeptorsignalisierung: biased signaling
Eine detaillierte Analyse zeigte, dass tatsächlich diese verschiedenen Signalwege unterBIOspektrum | 01.23 | 29. Jahrgang
A
B
˚ Abb. 2: Signalisierung des MC4R. A, Der MC4R kann nach Stimulation mit Liganden (dem endogenen Liganden α-MSH oder einen artifiziellen therapeutischen Liganden) über die Aktivierung
der vier G-Protein-Familien signalisieren (linke Seite). Zusätzlich kann auch G-Protein-unabhängig,
durch die Rekrutierung von β-Arrestinen, die Rezeptorinternalisierung des MC4R beeinflusst
werden (rechte Seite). B, Es ist bekannt, dass der MC4R Homodimere bilden kann. Die Zerstörung
dieser Homodimere kann zu einer verstärkten Signalisierung führen. Erstellt mit Biorender.com.
˚ Abb. 3: Differenzielle Signalisierung (biased signaling) des MC4R. Der Hauptsignalweg des
MC4R besteht in einer Aktivierung der Gs-Proteine (linke Seite, X-Ache zeigt die Signalantwort,
die Y-Achse die Ligandenkonzentration). Es sieht aber aktuell so aus, also ob für die Gewichtsregulation die Aktivie (...truncated)