Post-COVID-19-Syndrom
Neurologie
psychopraxis. neuropraxis
Sarah Iglseder · Raimund Helbok
https://doi.org/10.1007/s00739-023-00891-3
Angenommen: 20. Januar 2023
Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich
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Post-COVID-19-Syndrom
Ein heterogenes Krankheitsbild aus der Sicht
der Neurologie
Einleitung
Fallbericht
Das Post-COVID-19-Syndrom ist ein
Überbegriff für gesundheitliche Symptome, welche mehr als 12 Wochen
nach Beginn einer SARS-CoV-2-Infektion weiterhin persistieren oder neu
auftreten und sich nicht durch eine andere Erkrankung erklären lassen. Zu
den häufigsten Beschwerden des PostCOVID-19 Syndroms zählen eine ausgeprägte Erschöpfung, Atembeschwerden
sowie eine verminderte Leistungsfähigkeit. Patient:innen berichten häufig
von einer schnellen Ermüdung bereits
bei leichter körperlicher und geistiger
Aktivität. Auch von der WHO wurden
aktuell Symptome eines Post-COVID19-Syndroms zusammengefasst, wobei
die Definition an Spezifität zu wünschen
lässt. Unabhängig von der Schwere der
COVID-19-Infektion, ob nach mildem
oder schwerem Krankheitsverlauf mit
Hospitalisierung, wurden Post-COVID19-Symptome beschrieben. Neben kardiopulmonalen Manifestationen und
der bereits erwähnten Erschöpfung berichten viele Patient:innen auch von
neurologischen/neuropsychiatrischen
Symptomen, unter anderem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, autonomen Störungen, Kopfschmerzen,
Myalgien und Schlafstörungen. Die zugrunde liegende Pathophysiologie ist
noch nicht geklärt und Gegenstand
zahlreicher Studien. Es werden Neurotransmitter-vermittelte Veränderungen,
eine postinfektiös persistierende Entzündungsreaktion sowie Virus-getriggerte
immunvermittelte Mechanismen diskutiert.
Es handelt sich hierbei um eine mitte
30-jährige Patientin, die Anfang 2022
an einer COVID-19-Infektion erkrankt
war. Die Patientin erlitt vorwiegend eine grippale Symptomatik mit Fieber,
Husten, Kopf- und Gliederschmerzen
sowie Geruchs- und Geschmacksverlust. Eine hausärztliche Vorstellung bzw.
ein stationärer Krankenhausaufenthalt
waren aufgrund des milden Krankheitsverlaufes nicht notwendig. Unter
Verabreichung einer symptomatischen
Therapie stellte sich eine rasche klinische
Besserung ein. In weiterer Folge kam
es jedoch intermittierend zum Auftreten von vorwiegend frontal betonten
drückenden Kopfschmerzen, welche die
Patientin in dieser Form nicht kannte.
Störend waren auch eine Belastungsdyspnoe, lageabhängige Schwindelsymptomatik, ausgeprägte Konzentrationsund Aufmerksamkeitsstörung sowie eine
im Vordergrund stehende Erschöpfung
und Müdigkeit.
Aufgrund der Persistenz der Kopfschmerzen erfolgte eine ambulante neurologische Kontrolle, wo sich weder in
der klinisch neurologischen Untersuchung noch in der Bildgebung (Schädel CT, MRT mit Gefäßdarstellung)
ein richtungsweisender Befund ergab.
Eine ergänzend durchgeführte Lumbalpunktion war ebenfalls unauffällig.
Weiterführende ausführliche internistische Abklärungen wurden 4 Wochen
nach der Akuterkrankung im Rahmen
eines stationären Aufenthalts an einem
peripheren Klinikum durchgeführt einschließlich erweiterte laborchemische
Untersuchungen, sowie EKG, Thoraxröntgen, Abdomensonographie, Echo-
Literatur bei den Verfassern.
kardiographie und Lungenfunktionstestung. Bis auf einen Vitamin-B12-,
Folsäure- und Vitamin-D-Mangel, die
sich unter einer jeweiligen Substitutionstherapie wieder normalisierten, blieben
die Befunde unauffällig. Da die Patientin
jedoch aufgrund einer ausgeprägten Abgeschlagenheit zunehmend immobiler
wurde und den Großteil des Tages nur
mehr in liegender Position verbrachte,
wurde sie auch in ein psychologisches
und psychiatrisches Setting eingebunden. Auf eigenen Wunsch erhielt die
Patientin auch eine orale Steroidtherapie
mit Dexamethason, unter welcher sich
keine wesentliche Besserung des klinischen Zustandsbildes einstellte. Trotz
regelmäßiger ambulanter Kontrollen
kam es zu einer weiteren Aggravierung der Fatigue-Symptomatik mit auch
Entwicklung einer Schlafstörung sowie
Angst- und Spannungszuständen. Nach
einem weiteren Monat wurde deshalb
eine nochmalige stationäre Aufnahme
an der internistischen Abteilung in die
Wege geleitet.
Nach erneuter diagnostischer Abklärung erhielt die Patientin neben selbst
eingenommenen Nahrungsergänzungsmitteln wiederum Infusionstherapien
mit hoch dosierten Vitamin-B-Komplexen, Vitamin B12 und Folsäure. Des
Weiteren erfolgte eine psychiatrische
bzw. psychologische Mitbetreuung. Unter Einsatz von niedrig dosierten Benzodiazepin-Präparaten zusätzlich zur Prämedikation mit Antidepressiva konnte
eine zwischenzeitliche Verbesserung des
Schlafverhaltens sowie der Angstsymptome erzielt werden. Hinsichtlich weiterer
differentialdiagnostischer Überlegungen
wurde eine ergänzende Bestimmung
diverser Autoantikörper veranlasst. Bis
psychopraxis. neuropraxis
Neurologie
auf schwach positiv nachgewiesene Autoantikörper gegen Zielrezeptoren von
Neurotransmittern, die jedoch in keinem
kausalen Zusammenhang mit der vorherrschenden klinischen Symptomatik
standen, konnten keine krankheitsspezifischen Autoantikörper detektiert werden. Hinsichtlich einer etwaigen und von
der Patientin bei hohem Leidensdruck
gewünschten Immunapherese bestand
jedoch nach dem derzeitigen Wissensstand keine Indikation. Diesbezüglich
und auch hinsichtlich der als PostCOVID-19-Syndrom zu interpretierenden Krankheitssymptomatik erfolgten
mehrfache Aufklärungsgespräche mit
der Patientin und ihrer Familie.
Eine weiterführende stationäre Rehabilitationwurde als sinnvoll erachtet. Diese war jedoch zu diesem Zeitpunkt aufgrund der vorherrschenden Immobilität
nicht möglich. In weiterer Folge wurde
durch die Patientin selbst bzw. durch ihre Familie privat eine Immunapherese in
einem auswärtigen Krankhaus in einem
Nachbarland organisiert. Diese brachte
ebenfalls keinen durchschlagenden Erfolg, sodass die Patientin zur nochmaligen interdisziplinären Re-Evaluierung
stationär an die psychosomatische Abteilung der Universitätsklinik Innsbruck
aufgenommen wurde. Unter Berücksichtigung der Vorgeschichte wurde eine interdisziplinäre Abklärung und Befundbesprechung sowie die Erarbeitung eines
Therapieplans veranlasst.
Abklärung
»undNeurologische
symptomorientierte
Zusatzdiagnostik sind indiziert
Ausführliche explorierende psychiatrische Untersuchungen wurden durchgeführt. Von internistischer Seite wurden diagnostische Untersuchungen einschließlich einer Bodyplethysmographie
und erweiterte Laboruntersuchungen ergänzt. Bis auf normal bzw. leicht erhöhte
Vitaminspiegel ergaben sich wiederum
keine richtungsweisenden Befunde. In
der neurologischen Untersuchung fiel eine leichte Gangunsicherheit auf und bei
Lageänderung bzw. im Stehen, was nur
wenige Minuten möglich war, schilderte
die Patientin eine diffuse Schwindelsympsychopraxis. neuropraxis
ptomatik mit subjektiver Tachykardie.
In einer nachfolgenden Kipptischuntersuchung wurde ein posturale (...truncated)