Post-COVID-19-Syndrom

psychopraxis. neuropraxis, Mar 2023

Mit dem Begriff Post-COVID-19-Syndrom werden nach WHO und den Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Neurologie Symptome zusammengefasst, die in einem zeitlichen Zusammenhang nach einer COVID-19-Infektion auftreten, länger als drei Monate persistieren und keiner anderen Erkrankung zuzuordnen sind. Neben der meist im Vordergrund stehenden chronischen Erschöpfung sowie Beteiligung anderer Organsysteme werden auch neurologische und (neuro-)psychiatrische Symptome beschrieben. Risikofaktoren und zugrunde liegende pathophysiologische Mechanismen sind noch unzureichend geklärt, was die Diagnostik und Behandlung im Moment erschwert. Generell sind junge Frauen häufiger betroffen. Bei persistierenden neurologischen Symptomen wird eine ausführliche neurologische Untersuchung und die Durchführung einer symptomorientierten Zusatzdiagnostik empfohlen. Zumeist ergibt das konventionelle Organscreening keine pathologischen Befunde. Bisher liegen keine Therapieempfehlungen aus randomisierten Studien vor, sodass vorwiegend symptomorientierte Therapiekonzepte verfolgt werden. Viele Symptome verbessern sich über die Zeit, sodass ein aufklärendes Gespräch mit den Betroffenen ein zentraler Bestandteil des Therapiekonzepts darstellt. Ein interdisziplinärer multimodaler Therapieansatz sollte vor allem bei komplexen Krankheitsbildern angedacht werden.

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Post-COVID-19-Syndrom

Neurologie psychopraxis. neuropraxis Sarah Iglseder · Raimund Helbok https://doi.org/10.1007/s00739-023-00891-3 Angenommen: 20. Januar 2023 Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich © The Author(s), under exclusive licence to Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2023 Post-COVID-19-Syndrom Ein heterogenes Krankheitsbild aus der Sicht der Neurologie Einleitung Fallbericht Das Post-COVID-19-Syndrom ist ein Überbegriff für gesundheitliche Symptome, welche mehr als 12 Wochen nach Beginn einer SARS-CoV-2-Infektion weiterhin persistieren oder neu auftreten und sich nicht durch eine andere Erkrankung erklären lassen. Zu den häufigsten Beschwerden des PostCOVID-19 Syndroms zählen eine ausgeprägte Erschöpfung, Atembeschwerden sowie eine verminderte Leistungsfähigkeit. Patient:innen berichten häufig von einer schnellen Ermüdung bereits bei leichter körperlicher und geistiger Aktivität. Auch von der WHO wurden aktuell Symptome eines Post-COVID19-Syndroms zusammengefasst, wobei die Definition an Spezifität zu wünschen lässt. Unabhängig von der Schwere der COVID-19-Infektion, ob nach mildem oder schwerem Krankheitsverlauf mit Hospitalisierung, wurden Post-COVID19-Symptome beschrieben. Neben kardiopulmonalen Manifestationen und der bereits erwähnten Erschöpfung berichten viele Patient:innen auch von neurologischen/neuropsychiatrischen Symptomen, unter anderem Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, autonomen Störungen, Kopfschmerzen, Myalgien und Schlafstörungen. Die zugrunde liegende Pathophysiologie ist noch nicht geklärt und Gegenstand zahlreicher Studien. Es werden Neurotransmitter-vermittelte Veränderungen, eine postinfektiös persistierende Entzündungsreaktion sowie Virus-getriggerte immunvermittelte Mechanismen diskutiert. Es handelt sich hierbei um eine mitte 30-jährige Patientin, die Anfang 2022 an einer COVID-19-Infektion erkrankt war. Die Patientin erlitt vorwiegend eine grippale Symptomatik mit Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Geruchs- und Geschmacksverlust. Eine hausärztliche Vorstellung bzw. ein stationärer Krankenhausaufenthalt waren aufgrund des milden Krankheitsverlaufes nicht notwendig. Unter Verabreichung einer symptomatischen Therapie stellte sich eine rasche klinische Besserung ein. In weiterer Folge kam es jedoch intermittierend zum Auftreten von vorwiegend frontal betonten drückenden Kopfschmerzen, welche die Patientin in dieser Form nicht kannte. Störend waren auch eine Belastungsdyspnoe, lageabhängige Schwindelsymptomatik, ausgeprägte Konzentrationsund Aufmerksamkeitsstörung sowie eine im Vordergrund stehende Erschöpfung und Müdigkeit. Aufgrund der Persistenz der Kopfschmerzen erfolgte eine ambulante neurologische Kontrolle, wo sich weder in der klinisch neurologischen Untersuchung noch in der Bildgebung (Schädel CT, MRT mit Gefäßdarstellung) ein richtungsweisender Befund ergab. Eine ergänzend durchgeführte Lumbalpunktion war ebenfalls unauffällig. Weiterführende ausführliche internistische Abklärungen wurden 4 Wochen nach der Akuterkrankung im Rahmen eines stationären Aufenthalts an einem peripheren Klinikum durchgeführt einschließlich erweiterte laborchemische Untersuchungen, sowie EKG, Thoraxröntgen, Abdomensonographie, Echo- Literatur bei den Verfassern. kardiographie und Lungenfunktionstestung. Bis auf einen Vitamin-B12-, Folsäure- und Vitamin-D-Mangel, die sich unter einer jeweiligen Substitutionstherapie wieder normalisierten, blieben die Befunde unauffällig. Da die Patientin jedoch aufgrund einer ausgeprägten Abgeschlagenheit zunehmend immobiler wurde und den Großteil des Tages nur mehr in liegender Position verbrachte, wurde sie auch in ein psychologisches und psychiatrisches Setting eingebunden. Auf eigenen Wunsch erhielt die Patientin auch eine orale Steroidtherapie mit Dexamethason, unter welcher sich keine wesentliche Besserung des klinischen Zustandsbildes einstellte. Trotz regelmäßiger ambulanter Kontrollen kam es zu einer weiteren Aggravierung der Fatigue-Symptomatik mit auch Entwicklung einer Schlafstörung sowie Angst- und Spannungszuständen. Nach einem weiteren Monat wurde deshalb eine nochmalige stationäre Aufnahme an der internistischen Abteilung in die Wege geleitet. Nach erneuter diagnostischer Abklärung erhielt die Patientin neben selbst eingenommenen Nahrungsergänzungsmitteln wiederum Infusionstherapien mit hoch dosierten Vitamin-B-Komplexen, Vitamin B12 und Folsäure. Des Weiteren erfolgte eine psychiatrische bzw. psychologische Mitbetreuung. Unter Einsatz von niedrig dosierten Benzodiazepin-Präparaten zusätzlich zur Prämedikation mit Antidepressiva konnte eine zwischenzeitliche Verbesserung des Schlafverhaltens sowie der Angstsymptome erzielt werden. Hinsichtlich weiterer differentialdiagnostischer Überlegungen wurde eine ergänzende Bestimmung diverser Autoantikörper veranlasst. Bis psychopraxis. neuropraxis Neurologie auf schwach positiv nachgewiesene Autoantikörper gegen Zielrezeptoren von Neurotransmittern, die jedoch in keinem kausalen Zusammenhang mit der vorherrschenden klinischen Symptomatik standen, konnten keine krankheitsspezifischen Autoantikörper detektiert werden. Hinsichtlich einer etwaigen und von der Patientin bei hohem Leidensdruck gewünschten Immunapherese bestand jedoch nach dem derzeitigen Wissensstand keine Indikation. Diesbezüglich und auch hinsichtlich der als PostCOVID-19-Syndrom zu interpretierenden Krankheitssymptomatik erfolgten mehrfache Aufklärungsgespräche mit der Patientin und ihrer Familie. Eine weiterführende stationäre Rehabilitationwurde als sinnvoll erachtet. Diese war jedoch zu diesem Zeitpunkt aufgrund der vorherrschenden Immobilität nicht möglich. In weiterer Folge wurde durch die Patientin selbst bzw. durch ihre Familie privat eine Immunapherese in einem auswärtigen Krankhaus in einem Nachbarland organisiert. Diese brachte ebenfalls keinen durchschlagenden Erfolg, sodass die Patientin zur nochmaligen interdisziplinären Re-Evaluierung stationär an die psychosomatische Abteilung der Universitätsklinik Innsbruck aufgenommen wurde. Unter Berücksichtigung der Vorgeschichte wurde eine interdisziplinäre Abklärung und Befundbesprechung sowie die Erarbeitung eines Therapieplans veranlasst. Abklärung »undNeurologische symptomorientierte Zusatzdiagnostik sind indiziert Ausführliche explorierende psychiatrische Untersuchungen wurden durchgeführt. Von internistischer Seite wurden diagnostische Untersuchungen einschließlich einer Bodyplethysmographie und erweiterte Laboruntersuchungen ergänzt. Bis auf normal bzw. leicht erhöhte Vitaminspiegel ergaben sich wiederum keine richtungsweisenden Befunde. In der neurologischen Untersuchung fiel eine leichte Gangunsicherheit auf und bei Lageänderung bzw. im Stehen, was nur wenige Minuten möglich war, schilderte die Patientin eine diffuse Schwindelsympsychopraxis. neuropraxis ptomatik mit subjektiver Tachykardie. In einer nachfolgenden Kipptischuntersuchung wurde ein posturale (...truncated)


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Iglseder, Sarah, Helbok, Raimund. Post-COVID-19-Syndrom, psychopraxis. neuropraxis, 2023, pp. 1-4, DOI: 10.1007/s00739-023-00891-3