Das Long COVID oder die Long COVIDe?
Herausgeberbrief
psychopraxis. neuropraxis
https://doi.org/10.1007/s00739-022-00859-9
Angenommen: 6. Oktober 2022
© The Author(s), under exclusive licence to
Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von
Springer Nature 2022
Walter Struhal1,3 · Martin Aigner2,3
1
Universitätsklinik für Neurologie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln an der Donau, Österreich
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tulln, Tulln an der Donau,
Österreich
3
Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems, Österreich
2
Das Long COVID oder die Long
COVIDe?
Aus neurologischer Sicht
Long COVID als Begriff wurde erstmals im März 2020 von einer italienischen Twitter-Nutzerin verwendet
und beschreibt Beschwerden im temporären Zusammentreffen nach einer
SARS-CoV-2-Infektion. Eine Vielzahl
von unterschiedlichen Präsentationen
wurde seither berichtet von initial vorherrschenden pulmologischen Manifestationen mit interstitieller Lungenerkrankung, kardialen Manifestationen
wie Myokarditis, akute/dekompensierte
Herzinsuffizienz, dermatologischen Manifestationen, neuropsychiatrischen Manifestationen, endokrinologischen Manifestationen und dem Autor dieser
Zeilen am nächsten stehenden neurologischen Manifestationen [1]. Ein Versuch
der ontologischen Phänotypisierung [2]
erbrachte eine Vielzahl von Symptomen
von Fatigue, Atemnot, Gangstörung,
Angst, Depression, Husten, kognitiven
Störungen, Muskelschmerzen, posttraumatischer Stressbelastung, Kopfschmerzen und vielen anderen.
Diese Vielzahl an unterschiedlichen
Präsentationen, die sich je nach Fachrichtung unterscheiden, lässt am Syndromcharakter zweifeln. Auch 2021 wurde
von infektiologischer Seite hingewiesen,
dass Begriffe wie „post“, „chronisch“
oder „Syndrom“ problematisch sind,
da die zugrunde liegende Pathophysiologie dafür verstanden sein sollte [3].
Eine rezente Publikation definierte aus
den vielen unterschiedlichen Beschreibungen der Folgen nach SARS-CoV2-Infektion drei wesentliche Themengebiete in epidemiologischen Studien:
pulmologische Erkrankungen, neuropsychologische Erkrankungen und kardiovaskuläre Komplikationen [4]. Speziell die kardiovaskulären Komplikationen
bekommen laut dieser Arbeit in den Industrie gesponserten Studien nur sehr
wenig Funding und verdienen mehr
Aufmerksamkeit.
Josephine Butler schrieb nach der
„russischen Influenza“ – wahrscheinlich
eine Coronavirusinfektion: „I dont think
I ever remember being so weak“ und
drei Monate später: „I am so weak that if
I read or write for half an hour, I become
so tired and faint that I have to lie down“.
Diese Zeilen wurden 1892 geschrieben
[5].
De facto betrachten wir hier postvirale
Syndrome, die in der Neurologie bekannt
sind und auch in den vergangenen Jahrzehnten eingehend untersucht wurden.
In meinem spezielleren Interessengebiet
autonomes Nervensystem sehe ich postvirale autonome Folgeerkrankungen seit
20 Jahren, aber bisher gab es noch nie
ein derart großes Interesse daran. Neuroautonome postvirale Syndrome lassen
sich über Jahrzehnte mit unterschiedlichen Begrifflichkeiten zurückverfolgen.
Wie vor über 100 Jahren war ein gehäuftes Auftreten im Rahmen einer viralen
Pandemie zu erwarten. Das jetzt gehäuft
auftretende, früher wohl unterdiagnostizierte posturale Tachykardiesyndrom
(POTS) ist neben anderen Erkrankungen des autonomen Nervensystems derzeit regelmäßig zu beobachten und wird
auch zunehmend in Fallserien beschrieben (Swedish paper, mein Editorial). Ob
es sich bei „Long COVID POTS“ um
ein eigenes Syndrom handelt oder ob es
sich überhaupt von POTS nach anderen
viralen Erkrankungen unterscheidet, ist
bisher nicht klar. Damit lässt sich auch
auf die Literatur über POTS der letzten
40 Jahre in der Behandlung unserer Patient:innen zurückgreifen und man muss
nicht „von 0 starten“. Eine genauere Beschreibung des Syndroms würde diesen
Artikel sprengen und ich darf stattdessen
auf das Long COVID Webtool verweisen,
in dem das Syndrom zusammengefasst
wird [6].
Zusammenfassend ist es schwer, Long
COVID als einheitliches Syndrom zu fassen und wir verstehen mehr und mehr,
dass es sich um ein Spektrum unterschiedlicher Long COVIDe handelt, die wohl am
besten als „postvirale Erkrankungen“ zusammengefasst werden können.
Ein Teil dieser Erkrankungen sind
Erkrankungen des autonomen Nervensystems – ein Teil des Nervensystems,
über den wir stetig neu lernen, dessen
Syndrome zunehmend besser verstanden, leichter diagnostizierbar und besser
behandelbar werden. In Anerkennung
dieser Entwicklung wurde auch zuletzt
erstmals ein paneuropäischer Universitätslehrgang ins Leben gerufen, den ich
leiten darf und der im Sommersemester
2023 beginnt [7].
Eingehende symptomfokussierte, patient:innenorientierte Herangehensweisen an „Long COVID“ lassen oft zu,
hinter diesem Schlagwort sehr unterschiedliche Erkrankungen zu entdecken – deshalb sollte eine Feststellung
von „Long COVID“ nicht der Abschluss,
sondern eigentlich der Beginn eines
pragmatischen diagnostischen Prozes-
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ses und des Managements für unsere
Patient:innen sein.
Aus psychiatrischer Sicht, die
subjektive Seite von Long
COVID
In unserer modernen Gesellschaft und
vor allem in den modernen Naturwissenschaften zählen objektive Fakten. Ist
der Einzelne betroffen, zählt für ihn selbst
vor allem das subjektive Erleben. Gerade
in der Psychiatrie nimmt die subjektive
Wahrnehmung einen hohen Stellenwert
ein. Jeder Mensch kann sich als Subjekt
wahrnehmen und erlebt seinen Weltbezug unmittelbar in der Welt, daraus entsteht ein Dreieck („Ich und Welt“, „die
Welt in mir“ und „Ich in der Welt, in der
ichbin, meine Welt“). Subjektives und objektives Geschehen kann als Prozess verstanden werden. Im bio-psycho-sozialen
Modell werden Körper, Psyche und Soziales als selbstreferentieller Prozess verstanden. Ist zwischen „Ist-Zustand“ und
„Soll-Zustand“ eine Diskrepanz, nennen
wir dies Stress. Kann der Stress bewältigt werden, wird dies Eustress genannt,
tritteine Überforderung ein, Distress. Mit
der COVID-Pandemie ist nicht nur eine
neue Viruserkrankung aufgetreten, sondern auch neu definierte Krankheiten,
Long COVID, Post COVID.
Long COVID beschreibt gesundheitliche Langzeitfolgen nach einer COVID19-Erkrankung. Häufige Symptome sind
zum Beispiel Kurzatmigkeit, Erschöpfung, verminderte Leistungsfähigkeit
sowie Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme. Die berichteten Symptome
können jedoch sehr verschieden sein.
Long COVID umfasst eine lang anhaltende COVID-19-Erkrankung (ab
4 Wochen Symptomdauer) und das
sogenannte Post-COVID-Syndrom (ab
12 Wochen Symptomdauer). Von Long
COVID spricht man ebenfalls, wenn
nach einer COVID-19-Erkrankung neue
Beschwerden hinzukommen, die anderweitig nicht erklärbar sind [8]. Das
österreichische Bundesministerium für
Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz empfiehlt auf seiner Homepage
als erste Anlaufstelle für Long-COVIDBetroffene die Primärversorgung. Jeder
in Österreich, der den Verdacht hat, an
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